Flüssiggas aus den USA: Deutschland könnte politischen Preis zahlen

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
Russland  
LNG  
Gas  
USA  
EU  
Öl  
Donald Trump  
 
Lesezeit: 5 min
03.11.2018 22:15
Russisches Pipeline-Gas ist günstiger als Flüssiggas aus den USA. Deutschland könnte jedoch aus geopolitischen Erwägungen auf die transatlantische Karte setzen.
Flüssiggas aus den USA: Deutschland könnte politischen Preis zahlen

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  
Russland  
LNG  
Gas  
USA  
EU  
Öl  
Donald Trump  

Es ist einem Bericht der Financial Times zufolge ein Wunschdenken, zu glauben, dass die LNG-Exporte in den USA eine wirtschaftlich lebensfähige und logistisch machbare Alternative sein werden, um die russischen Gaslieferungen von Nord Stream I und II zu ersetzen.

Es gebe zwar zahlreiche LNG-Terminals in Europa. Allerdings gebe es keine innereuropäische Pipeline-Kapazität, um das LNG-Gas von den Küsten zu den Bedarfszentren in ganz Europa zu transportieren. Dem Blatt zufolge gebe es keine zwingende Notwendigkeit für Europa, eine seiner Hauptlieferquellen aus dem Osten abzuschneiden.

US-amerikanische LNG-Produzenten konkurrieren nicht nur mit Russland. Sie konkurrieren mit globalen LNG-Produzenten, darunter Katar, Algerien und Nigeria, die LNG bereits zu wirtschaftlich günstigeren Konditionen nach Europa liefern. Europa sucht nach Versorgungsvielfalt und Sicherheit für seinen Gasbedarf. Dies bedeutet eine Koexistenz verschiedener Lieferungen von Pipeline- und LNG-Gas.

Oilprice.com führt aus, dass Russland nicht nur über ein ausgedehntes Pipelinesystem in Europa verfügt, sondern dieses System in den vergangenen Jahren zusätzlich erweitert hat. US-LNG könne auf dem europäischen Markt nicht konkurrieren. Das Magazin wörtlich: „Obwohl die jüngsten geopolitischen Ereignisse Russlands Ruf als wichtigster Lieferant von Erdgas nach Europa beschädigt haben, sind Moskau und Brüssel weiterhin perfekt positioniert, um auf den Energiemärkten zusammenzuarbeiten. Abgesehen von den politischen Unterschieden haben sich die energiepolitischen Beziehungen zu Russland in den vergangenen Jahren verbessert, wobei 2017 ein Rekordjahr war, in dem insgesamt 193 Milliarden Kubikmeter Gas aus Russland importiert wurden. Pipelines haben sich in jüngster Zeit wichtiger als Geopolitik erwiesen.

Russisches Erdgas wird für durchschnittlich 4,5 US-Dollar pro Million britischer Wärmeeinheiten gehandelt, was weit unter den Preisen für alternative Märkte und LNG-Gaslieferungen liegt.“

Politischer Preis

Deutschland ist allerdings offenbar aus geopolitischen Gründen bereit, sich über die marktwirtschaftlichen Gegebenheiten hinwegzusetzen.

Die Bundesregierung prüft nach eigenen Angaben finanzielle Hilfen für den Bau eines Terminals für Flüssiggas aus den USA. "Es ist uns bekannt, dass private Investoren aktuell den Bau eines solchen LNG Terminals prüfen an verschiedenen Standorten", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch. Die Bundesregierung wiederum prüfe, "welche Finanzierungsoptionen im Rahmen bestehender Bundesprogramme" gegeben sein könnten.

Die Bundesregierung wird nach Angaben von Kanzlerin Angela Merkel die Pläne zum Bau eines Flüssiggas-Terminals in Deutschland beschleunigen. Merkel bekannte sich am Freitag in Warschau am Rande der deutsch-polnischen Regierungskonsultationen zum Ziel einer Diversifizierung der deutschen Energie-Importe. "Deshalb wird Deutschland auch seine Pläne beschleunigen, einen LNG-Terminal in Deutschland zu installieren, um auch auf andere Energiequellen zurückgreifen zu können", sagte sie in einer Pressekonferenz mit Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki. Zuvor hatte der Transatlantik-Koordinator der Bundesregierung, Peter Beyer, im Reuters-TV-Interview angekündigt, dass Deutschland mehr LNG-Gas aus den USA importieren werde.

Bei den deutsch-polnischen Regierungskonsultationen wurde auch das strittige Thema des Baus einer neuen Röhre der Nord-Stream-Pipeline gesprochen, die mehr russisches Gas durch die Ostsee nach Westeuropa bringen soll. Polen lehnt den Bau ebenso wie die USA ab. Merkel sagte, es gebe das gemeinsame Ziel, dass die Ukraine Transitland für russisches Gas bleiben solle, weil dies "auch eine Sicherheitskomponente für die Ukraine" sei.

US-Präsident Donald Trump hat sich auch deshalb gegen Nord Stream 2 ausgesprochen, weil er mehr amerikanisches Flüssiggas nach Europa verkaufen will. US-Regierung und -Kongress haben mehrfach mit Sanktionen gegen deutsche Firmen gedroht, die am Nord-Stream-2-Projekt beteiligt sind. "Auch ohne die aktuelle Entwicklungen im deutsch-amerikanischen Verhältnis waren wir ohnehin interessiert an Flüssiggas aus den Vereinigten Staaten von Amerika", betonte der CDU-Bundestagsabgeordnete Beyer aber. "Deshalb gehe ich davon aus, dass wir LNG aus den Vereinigten Staaten in der mittleren Zukunft importieren werden." Beyer zeigte sich auch offen für eine mögliche Subventionierung eines Flüssiggas-Terminals in Deutschland. "Es könnte einen Sinn machen an der Stelle, den Bau von Terminals zu fördern, wenn sich dies wirtschaftlich rechnet." Aber derzeit sei LNG-Gas im Vergleich zu Pipeline-Gas etwa aus Russland zu teuer.

Beyer kümmert sich als Beauftragter der Bundesregierung um eine Stärkung transatlantischen Beziehungen. Er zeigte sich besorgt, dass die USA zunehmend Druck gegen den Bau der Gaspipeline durch die Ostsee machten. "Wir sehen, dass es eine verschärfte Rhetorik gibt." Er rechne mit einem nächsten Schritt der USA Anfang kommenden Jahres. "Darauf müssen wir uns einstellen." Sowohl Trump als auch der Kongress haben mit Sanktionen gegen Firmen gedroht, die am Bau von Nord Stream 2 beteiligt sind. Die Pipeline soll zusätzliches Gas aus Russland nach Europa bringen. Beyer wies die Kritik zurück, dass die deutsche Unterstützung für Nord Stream 2 ein Fehler sei. Deutschland müsse angesichts zurückgehender Gas-Förderung in der Nordsee nach neuen Bezugsquellen suchen. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass es ein "Einknicken vor irgendwelchem Druck aus Washington" gebe.

Der Abgeordnete Oliver Grundmann (CDU) sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Äußerungen der Regierung seien bei einem Treffen des Arbeitskreises Küste mit 25 Abgeordneten gefallen. Dieses fand am 11. Oktober im Kanzleramt statt. "Wir werden ein bis zwei Terminals in Deutschland realisieren. Das wird kommen", sagte Grundmann. Es gehe nur noch um das "wann und wie".

US-Präsident Donald Trump hält Deutschland für zu abhängig von russischen Gaslieferungen und wirbt deshalb für Flüssiggas aus den USA. Seibert sagte dazu in Berlin, Gas werde bei der Energieversorgung künftig möglicherweise "noch eine größere Rolle spielen". Gleichwohl treffe nicht die Regierung eine Entscheidung darüber, von wo Gas gekauft werde. "In Deutschland treffen diese Entscheidungen die Kräfte am Markt."

Saudi-Arabien und Russland koalieren

Neuer Preisdurck könnte auch durch eine neue Allianz entstehen: Saudi-Arabien hat angekündigt, 30 Prozent am russischen LNG-Projekt Arctic LNG 2 erwerben zu wollen. Die Investition der Saudis würde Russlands Kapazität, Europa mit LNG zu beliefern, erhöhen. Oilprice.com berichtet: „Arctic LNG 2 wird ein riesiges Projekt auf der Halbinsel Gydan in Nordsibirien mit einer Produktionskapazität von rund 19,8 Millionen Tonnen pro Jahr (mtpa) und damit eines der größeren LNG-Projekte auf der globalen Ebene sein. Eine Flotte von LNG-Tankern der Eisklasse, die die Nordsee-Route Russlands nutzen können, wird LNG-Ladungen für asiatische Märkte liefern, die mehr als 70 Prozent der weltweiten LNG-Nachfrage ausmachen (...) Das Projekt, zusammen mit dem russischen Jamal LNG-Projekt, das vor einigen Monaten in Betrieb genommen wurde, und dem 2009 in Betrieb genommenen Projekt in Sachalin, wird dem russischen Präsidenten Wladimir Putin helfen, das Land zu einem wichtigen LNG-Player zu machen.“

Die LNG-Importkapazität in Europa beträgt 20 Milliarden Kubikfuß pro Tag (bcf/d) und die LNG-Importe im Jahr 2017 lagen bei durchschnittlich 5,1 bcf/d, berichtet das Council on Foreign Relations (CfR). Russische Gaslieferungen machten im Jahr 2017 35 Prozent des gesamten europäischen Gasverbrauchs aus.

US-Kongress kontert mit Gesetzen

Am 11. Oktober 2018 legte der US-Kongress einen Gesetzentwurf vor, der darauf abzielte, die russischen Gaslieferungen in die EU zu reduzieren. Nach Angaben der staatlichen russischen Nachrichtenagentur TASS sieht das Dokument die Bereitstellung von einer Milliarde US-Dollar zur Finanzierung von Projekten zur Nutzung neuer Energiequellen in der EU sowie der Bereitstellung diplomatischer und technischer Hilfe für die Europäische Union zwischen 2019 und 2023 vor.

Das Gesetz sieht Maßnahmen vor, um private US-Investitionen in strategisch wichtige Energieprojekte in Mittel- und Osteuropa zu tätigen.

Außerdem wird vorgeschlagen, jährlich fünf Millionen US-Dollar für die Projektbewertung und technische Seminare für die Projektunterstützung in frühen Phasen bereitzustellen. Dem US-Außenministerium wird empfohlen, die politische und diplomatische Unterstützung bestimmter Länder bei der Entwicklung ihrer Energiemärkte zu verstärken.

Am 17. Oktober sagte Russlands stellvertretender Energieminister Anatolij Janowskij, dass Russland das einzige Land ist, das Europa große Gasmengen anbieten kann, die günstig sind. Die Voraussetzungen für die Neuaufstellung des europäischen Gasmarktes sind 2009 mit der Verabschiedung des dritten Energiepakets der EU geschaffen worden, demzufolge die Energiezufuhr diversifiziert werden soll. Bei einem Treffen mit EU-Staats- und Regierungschefs im März 2014 forderte der damalige US-Präsident Barack Obama Maßnahmen, die die Energieabhängigkeit der EU von Russland verringern sollen. Derselbe Wunsch steht im Zentrum der Ablehnung des Nord Stream 2-Projekts durch Washington.

Im vergangenen Jahr verabschiedeten die USA das Gesetz „Countering America's Adversaries Through Sanctions Act“ (CAATSA), das es Washington erlaubt, Sanktionen gegen Unternehmen zu verhängen, die am Bau einer neuen Gaspipeline (Nord Stream II, Anm. d. Red.) beteiligt sind. Im Sommer 2017 enthüllte Präsident Donald Trump einen ehrgeizigen Plan, die USA zum weltweit führenden Gaslieferanten zu machen.

EU muss Handel auf Euro umstellen

Wenn die Europäische Union eine echte Energieunabhängigkeit durchsetzen will, wird sie unter anderem nach Möglichkeiten suchen müssen, den Anteil des internationalen Warenhandels, der in US-Dollar abgewickelt wird, zu reduzieren. Im September 2018 bezeichnete der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, die Situation, bei der 80 Prozent der Energieimporte der EU (300 Milliarden Euro pro Jahr) in Dollar abgewickelt werden, als „absurd“, meldet der englischsprachige Dienst von Reuters.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas hatte einen Vorschlag für ein eigenes internationales Zahlungssystem für die EU vorgelegt. Um dies zu erreichen, benötigen die europäischen Finanzbehörden eine stärkere finanzielle Zentralisierung der EU und einen politischen Partner für die Europäische Zentralbank in Form eines gesamteuropäischen Finanzministeriums, berichtet Bloomberg.

Allerdings befindet sich die Europäische Union in einer Phase, in der diverse nationale Regierungen in Europa, vor allem die südeuropäischen Länder, sich gegen eine weitere Zentralisierung aussprechen. Die Wahrscheinlichkeit, ein gesamteuropäisches Finanzministerium zu schaffen, ist gering.

 


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Brexit - wen kümmert´s? Impressionen aus einem unaufgeregten Land

DWN-Korrespondent Ronald Barazon ist nach Großbritannien gereist, sieht sich im Land um und sucht nach Vorbereitungen der Briten auf den...

DWN
Finanzen
Finanzen Christine Lagarde: Eine Frau will nach oben

Über Christine Lagarde wird ausschließlich im Zusammenhang mit finanzpolitischen Themen berichtet. Die EZB-Chefin steht vor allem in...

DWN
Finanzen
Finanzen Das Zeitalter der entfesselten Spekulation in der Altersvorsorge hat begonnen

Weil die privaten Altersvorsorge-Systeme keine Rendite mehr erwirtschaften können, erwägt die EU eine komplette Öffnung – auch und...

DWN
Finanzen
Finanzen Das Sterben der internationalen Banker geht weiter

In den vergangenen Jahren sind mindestens 85 international hochrangige Banker unter seltsamen Umständen ums Leben gekommen.

DWN
Finanzen
Finanzen Goldman Sachs beendet Zusammenarbeit mit rein „weißen und männlichen“ Vorständen

Um die Vielfalt zu fördern, will die US-Investmentbank Goldman Sachs keine Börsengänge von Unternehmen mehr begleiten, deren...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft EU-Länder setzen bei Waffen auf „Made in USA”

Die meisten EU-Länder decken sich hauptsächlich mit Rüstungsgütern aus den USA ein.

DWN
Politik
Politik Mit der Geduld am Ende: Zehntausende Griechen protestieren gegen Migrationskrise auf den Inseln

Offenbar geht den Griechen auf den von der Migrationskrise betroffenen Insel langsam die Geduld aus. Es kam erstmals zu einem koordinierten...

DWN
Politik
Politik „Würdiger Lebensstandard“: Asylzentren dürfen Gewalttäter nicht rausschmeißen

Einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes zufolge dürfen Asylzentren gewalttätige Bewohner nicht ausschließen.

DWN
Deutschland
Deutschland Polnische LOT rettet den bankrottreifen Ferienflieger Condor

Der finanziell angeschlagene Ferienflieger Condor hatte noch bis Ende März Zeit, einen neuen Investor zu finden - ansonsten hätte ein...

DWN
Deutschland
Deutschland Geplante Tesla-Fabrik in Brandenburg: IG Metall befürchtet Aushebelung von Arbeitnehmerrechten

Es bahnt sich Streit um die neue geplante Großfabrik von Tesla in Brandenburg an: Die Gewerkschaften werfen dem Hersteller vor, das...

DWN
Politik
Politik Iran plant Cyber-Angriffe auf westliche Atomkraftwerke

Der Iran hat bereits eine ganze Reihe wirkungsvoller Cyber-Angriffe im Nahen Osten durchgeführt. Jetzt warnt ein Experte: Auch Ziele in...

DWN
Politik
Politik SPD schließt Sarrazin aus - weil sie keine besseren Argumente hat

Die SPD wirft Thilo Sarrazin aus der Partei. Mit den Thesen des umstrittenen Autors setzt sich die Parteiführung nicht auseinander -...

DWN
Deutschland
Deutschland Baden-Württemberg: Mann erschießt sechs Familienmitglieder

Nach Schüssen in Rot am See im Nordosten Baden-Württembergs hat die Polizei bestätigt, dass sechs Menschen ums Leben gekommen sind.

DWN
Politik
Politik Deutschland setzt aktive Rolle im Libyen-Konflikt fort: Maas nimmt an Friedens-Gipfel in Algerien teil

In Algerien fand ein Libyen-Gipfel unter Beteiligung von sechs afrikanischen Staaten statt. Außenminister Heiko Maas reiste zum Gipfel, um...

celtra_fin_Interscroller