Toxische Weltpolitik gewinnt in Krisenzeiten an Bedeutung
Wirtschaftssanktionen, abgebrochene diplomatische Beziehungen oder im schlimmsten Fall ein umfassender Krieg. Genau diese Risiken wachsen, wenn narzisstische oder psychopathische Staatschefs auf der geopolitischen Bühne mehr Einfluss erhalten, warnen die Experten Mike Florette und Lisbet Duvringe.
"Es hat immer in einer Katastrophe geendet", zitieren unsere Kollegen von Dagens Industri Mike Florette. In Zeiten, die von Krisen und Unsicherheit geprägt sind, etwa durch militärische Eskalationen, Klimaveränderungen oder wirtschaftliche Instabilität, wächst häufig der Wunsch nach starken Führungspersönlichkeiten. Gesucht wird jemand, der Entscheidungen trifft, Orientierung vermittelt und einen klaren Weg vorgibt. Doch solche "starken Führungspersönlichkeiten" weisen nach Einschätzung der Experten nicht selten narzisstische oder psychopathische Züge auf.
Die Autoren und Referenten Lisbet Duvringe und Mike Florette beschäftigen sich seit Jahren mit toxischen Führungspersönlichkeiten. Sie haben mehrere Bücher über Psychopathen und Manipulation im Berufsleben veröffentlicht. Nun warnen sie davor, dass Menschen mit derartigen Persönlichkeitsmerkmalen auf der weltpolitischen Bühne zunehmend eine herausgehobene Rolle einnehmen. "Diese Art von Führungspersönlichkeiten ist im Laufe der Geschichte immer wieder in Krisenzeiten aufgestiegen. Doch es hat stets in einer Katastrophe geendet", sagt Mike Florette.
Die Autoren nennen keine konkreten Namen. Grundsätzlich habe eine Führungspersönlichkeit mit narzisstischen oder psychopathischen Zügen jedoch häufig ein übersteigertes Selbstbild, vertrage kaum Widerspruch und halte sich grundsätzlich für unfehlbar, erklärt Lisbet Duvringe. Mike Florette zieht einen Vergleich mit toxischen Managern in Unternehmen. "Wenn man einen Psychopathen als Chef einstellt, erwartet dieser eine Art VIP-Behandlung, ohne zuvor überhaupt irgendeine Leistung erbracht zu haben." Gleichzeitig umgebe sich eine solche Führungspersönlichkeit bevorzugt mit Menschen, die uneingeschränkte Loyalität zeigen. Damit steige auch das Risiko des sogenannten Gruppendenkens. Dabei erhält Einigkeit Vorrang vor kritischer Prüfung und unabhängigem Denken. "Das kann dazu führen, dass Staaten katastrophale Entscheidungen auf Grundlage einer kollektiven Illusion des Anführers treffen, die niemand zu hinterfragen wagt", sagt Lisbet Duvringe.
Gruppendenken kann politische Fehlentscheidungen verschärfen
Für die Gefahren eines solchen destruktiven Gruppendenkens gibt es mehrere historische Beispiele. Ein in der Forschung häufig angeführter Fall ist die Unterstützung der Invasion Kubas durch die USA im Jahr 1961. Das Ziel bestand darin, einen Aufstand gegen den kubanischen Staatschef Fidel Castro auszulösen. Der damalige Entscheidungsprozess war dadurch geprägt, dass Mitglieder des Beraterkreises von Präsident John F. Kennedy die vorherrschende Einschätzung kaum infrage stellten. Das Ergebnis war ein militärisches Fiasko mit zahlreichen Todesopfern. Ein Jahr später stationierte die Sowjetunion Atomraketen auf Kuba. Kennedy hatte aus den Erfahrungen des Vorjahres Konsequenzen gezogen und innerhalb seiner Regierung eine kritischere Diskussion zugelassen. Nachdem mehrere Handlungsoptionen sorgfältig geprüft worden waren, entschied sich Kennedy gegen einen sofortigen militärischen Angriff. Stattdessen ordnete er eine maritime Quarantäne Kubas an. Diese gemeinsam erarbeitete Entscheidung könnte dazu beigetragen haben, eine Entwicklung zu verhindern, die in einen globalen Atomkrieg hätte münden können.
Die entscheidende Frage lautet, was geschehen wäre, wenn die Vereinigten Staaten damals von einem Präsidenten geführt worden wären, der keinen Widerspruch zugelassen hätte. Ebenso stellt sich die Frage, welche Folgen eine künftige Krise haben könnte, wenn die Kontrolle über Atomwaffen bei einer Führungspersönlichkeit liegt, die Kritik nicht akzeptiert oder sogar damit prahlt, "immer recht zu haben".
Toxische Weltpolitik kann darüber hinaus Diplomatie und internationale Zusammenarbeit dauerhaft beschädigen. Dadurch steigt wiederum die Gefahr geopolitischer Eskalationen. "Jede erfolgreiche Diplomatie beruht darauf, dass man sich einigt und beide Seiten etwas aufgeben müssen. Das funktioniert nicht, wenn eine Seite ausschließlich darauf ausgerichtet ist, ihren eigenen Willen durchzusetzen", sagt Mike Florette.
Besonders problematisch werde die Situation, wenn zwei psychopathisch geprägte Führungspersönlichkeiten direkt miteinander umgehen müssten. Zu Beginn könne eine Zusammenarbeit durchaus möglich erscheinen. Früher oder später dürfte jedoch die Konkurrenz um Einfluss und Dominanz zunehmen. "Bei Psychopathie geht es darum zu dominieren. Wenn beide Seiten einander nicht dominieren können, kommt es zur Kollision. Das Konfliktniveau steigt bei dieser Art von Persönlichkeit daher tendenziell", sagt Mike Florette. Auf weltpolitischer Ebene kann eine solche Konfrontation beispielsweise wirtschaftliche Sanktionen, Zölle oder Importverbote nach sich ziehen. Im schlimmsten Fall eskaliert die Auseinandersetzung zu einem umfassenden Krieg.
Toxische Führung wird auch zum wirtschaftlichen Sicherheitsrisiko
Am Ende können die Handlungen einer solchen Führungspersönlichkeit stets die eigene Bevölkerung und die eigene Volkswirtschaft treffen. Toxische Staatschefs stellen zudem ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Ihr ausgeprägtes Bedürfnis nach Anerkennung, Status und Geld kann sie besonders anfällig für Manipulation machen. Eine solche Führungspersönlichkeit könnte vergleichsweise leicht dazu verleitet werden, sich auf riskante Vorhaben einzulassen oder im Austausch gegen Geld vertrauliche staatliche Informationen preiszugeben. "Die gefährlichsten Bedrohungen kommen nur selten von außen, sondern von innen. Und man erkennt sie viel zu spät", warnt Lisbet Duvringe.
Das Thema besitzt auch wirtschaftliche Relevanz für die Bundesrepublik. Als stark exportorientierte Volkswirtschaft ist Deutschland in besonderem Maße auf berechenbare internationale Beziehungen, funktionierende Handelswege, stabile politische Rahmenbedingungen und belastbare diplomatische Strukturen angewiesen. Eskalierende Sanktionen, zusätzliche Zölle oder abrupte politische Kurswechsel können Unternehmen deshalb unabhängig davon treffen, in welchem Land die jeweilige politische Krise ihren Ursprung hat.
Aus wirtschaftlicher Sicht reicht das Risiko toxischer Weltpolitik damit weit über die politische Führung einzelner Staaten hinaus. Wenn persönliche Machtansprüche diplomatische Kompromisse erschweren, können Lieferketten, Investitionsentscheidungen und grenzüberschreitende Handelsbeziehungen unter Druck geraten. Für deutsche Unternehmen wird politische Stabilität deshalb zunehmend zu einem Faktor, der bei Standortentscheidungen und internationalen Geschäftsstrategien berücksichtigt werden muss.

