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Bitcoin-Schürfer zieht es in sibirisches Kaff

Bitcoin-Schürfer aus aller Welt sind nach Ostsibirien gekommen, wo sie ideale Bedingungen vorfinden, darunter niedrige Temperaturen und billigen Strom.
08.09.2019 16:00
Lesezeit: 5 min
Bitcoin-Schürfer zieht es in sibirisches Kaff
Die extreme Kälte gehört zu den Vorteilen Ostsibiriens beim Bitcoin-Mining. (Foto: dpa) Foto: Wu Zhuang

Das Wasserkraftwerk bei Bratsk in Ostsibirien wurde einst für die sowjetische Produktion gebaut. Heute befeuert es den Bitcoin-Bergbau. Mehrere große Mining-Farmen haben sich hier angesiedelt, da die extrem niedrigen Temperaturen in der Region die Kühlkosten niedrig halten und das Wasserkraftwerk reichlich preiswerten Strom liefert.

"Der Überschuss an elektrischer Energie in Russland ist enorm, da einige der sowjetischen Werke geschlossen wurden und der Energieverbrauch mit der Zeit viel effizienter geworden ist", zitiert CoinDesk Dmitry Ozersky, den CEO der Mining-Firma Eletro.Farm, das derzeit einen großen Standort in Kasachstan aufbaut.

Bitcoin-Mining-Farmen verfügen in Russland heute über eine Gesamtkapazität von 600 Megawatt. Das entspricht knapp 10 Prozent der insgesamt 7 Gigawatt, über die das Bitcoin-Netzwerk weltweit verfügt, sagt Ozersky, ein ehemaliger Banker und Top-Manager des russischen Staatsunternehmens Rusnano. Seine Schätzung basiert auf Daten von Herstellern von spezialisierten Mining-Chips, den so genannten ASICs.

Der Anteil der Russen an der gesamten Hashleistung des Bitcoin-Netzwerks dürfte allerdings etwas niedriger sein - vielleicht bei 7 Prozent, da in Russland weniger effektive Hardware zum Einsatz kommt. Im Vergleich dazu machen Mining-Farmen in China rund 60 Prozent der gesamten Netzwerk-Hashpower aus, so ein aktueller Bericht von Coinshares.

Zwar verfügt Sibirien noch immer über eine beträchtliche Industrieproduktion, darunter Metallindustrie und Holzwirtschaft. Doch die Fabriken, die mit dem Ende der Sowjetära stillgelegt werden mussten, hinterließen Gebäude, Land und Energieinfrastruktur, die von den Minern genutzt werden kann, und machten die Region zu einem internationalen Mining-Zentrum.

Unternehmer aus China, Korea, Japan, den USA und Brasilien sind nach Bratsk gekommen, um die dortigen Mining-Anlagen zu besichtigen. Sam Chi, Präsident von Landmark Entertainment Asia, das Bitcoin zur Finanzierung seiner Aktivitäten schürft, hat diesen Ort in Ostsibirien gewählt, weil ihm das Sicherheitsniveau gefallen hat, das die in Bratsk ansässige Mining-Firma Minery bietet. "Ich will nachts gut schlafen", sagte er zu Anna Baydakova, die für CoinDesk vor Ort war.

Pablo Lobo von Sthorm, einem Unternehmen, das Bitcoin zur Finanzierung eines Forschungslabors fördert, lobt das Klima in Sibirien, das den größten Teil des Jahres eine natürliche Kühlung bietet. Die Durchschnittstemperatur in Bratsk liegt im Winter bei etwa -18 Grad Celsius. Im Sommer kann es manchmal bis zu 25 Grad warm werden, bleibt aber meist deutlich unterhalb von 20 Grad. Überhaupt dauert die warme Jahreszeit, in der kein Frost herrscht, nur vier bis fünf Monate. Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt hier -2 Grad.

Minery hat zwei Standorte rund um Irkutsk mit einer Gesamtleistung von 30 Megawatt, sagt Ilya Bruman, der CEO von Minery. Der eine kann 10 Megawatt bewältigen und hat noch Platz für neue Kunden, der andere ist vollständig von einem Kunden ausgelastet. Die Kunden kommen aus den USA, Russland, Korea, Indien, Japan und Spanien, sagt Bruman. Ihm zufolge hat ein Kunde aus Korea gerade 550 weitere ASICs geliefert, und in der ersten Nacht produzierten die Maschinen einen halben Bitcoin im Wert von derzeit rund 5.000 Dollar.

"Wir haben drei bewaffnete Wachen mit automatischen Gewehren, eine bewacht die Kameras und zwei patrouilliert das Gebiet", sagt Ivan Kaap, ein ehemaliger Polizist, der die Sicherheitsmaßnahmen bei Bitriver verantwortet, einer 100-Megawatt-Mine, die in einem der großen Docks einer ehemaligen Metallfabrik liegt.

Laut Dmitri Ushakov, dem Chief Commercial Officer, hat Bitriver derzeit 18.000 ASICs. Die meisten Maschinen gehören Besitzern aus Russland, den USA und Japan. Russen haben dort etwa 9.000 ASICs, Amerikaner etwa 4.000 und Japan rangiert an dritter Stelle mit etwa 3.000 ASICs. Der Rest der Kunden kommt aus Brasilien, Litauen, Indien, Polen und China.

Jede Woche kommen ein oder zwei neue Kunden vorbei, sagte Kaap. Und im Oktober wird das Unternehmen seine Kapazitäten weiter ausbauen. Dann wird die Zahl der Miner sich letztendlich vervierfachen, sagt Ushakov. Noch vor Ende dieses Jahres wird in der ehemaligen Fabrik ein weiteres Gebäude ähnlicher Größe in ein Rechenzentrum zum Mining umgewandelt.

Die Wand von Mining-Geräten tönt wie ein Flugzeugmotor, atmet heiße Luft aus, winzige Lichter flackern. Techniker stehen auf der Galerie im zweiten Stock und überprüfen die Miner. Armdicke Stromkabel liegen für den späteren Bau auf dem Boden. Defekte Miner werden direkt vor Ort repariert, durch eigene, vom Mining-Riesen Bitmain in Shenzhen zertifizierte Ingenieure.

Der Strom in Sibirien, der hauptsächlich durch Wasserkraft erzeugt wird, ist mit rund 4 Cent pro Kilowattstunde einer der billigsten der Welt, noch billiger als der Durchschnittspreis in Russland, der derzeit bei rund 7-8 Cent liegt. Zudem haben Kryptowährungen in Russland keinen Rechtsstatus, werden nicht besteuert und unterliegen nicht der Wertpapierregulierung.

Im Mai hat Bitriver, einer der größten Mining-Betriebe der Region, eine Vereinbarung mit der Bratsker Stadtregierung unterzeichnet. Darin verpflichtet sich das Unternehmen, dass es 7,5 Millionen Dollar in den Bau lokaler Rechenzentren investieren wird. Bitriver sponsert auch eine neue Tierklinik und nimmt Praktikanten von der staatlichen Universität Bratsk auf.

Am 19. August besuchte der Bratsker Bürgermeister Sergej Serebrennikow Bitriver und gab eine Erklärung ab, die auf der offiziellen Website der Stadt veröffentlicht wurde. Demnach hilft die Stadt Bratsk Bitriver "bei jedem Schritt" ihrer Entwicklung. "Es ist ein völlig neuer Teil der Wirtschaft und des Handels in Bratsk, und für uns ist dieses Projekt in jeder Hinsicht interessant", sagte der Bürgermeister. "Es bringt neue Arbeitsplätze und zusätzliche umfangreiche Steuern, die an die Stadt gezahlt werden."

Auch die Energieerzeuger freuen sich über die Mining-Betriebe. Die Führung von Irkutskenergo, dem Energieunternehmen der Region, war Anfang des Monats auf dem Baikal Blockchain and Crypto Summit in Irkutsk vertreten. Laut Timofey Benedyuk, dem Strategiechef des Unternehmens, sind durch die Stilllegung der alten ineffizienten Elektrokesselhäuser der Region rund 500 Megawatt Strom frei geworden. Eines dieser Häuser vermiete man nun an Mining-Betriebe.

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