Technologie

Mit Riesenaufwand entwickelter Roboter kann Putzfrauen nicht ersetzen: Ist der Robotik-Hype überhaupt berechtigt?

Das Fraunhofer-Institut hat einen Putz-Roboter entwickelt. Seine Einsatzfähigkeit ist allerdings begrenzt.
23.11.2019 15:00
Lesezeit: 2 min
Mit Riesenaufwand entwickelter Roboter kann Putzfrauen nicht ersetzen: Ist der Robotik-Hype überhaupt berechtigt?
Dieser Reinigungs-Roboter kann nicht so viel wie sein Kollege "BakeR" von Fraunhofer - aber auch "BakeR" ist bei weitem noch nicht marktreif. (Foto: dpa) Foto: Gregor Fischer

Das „Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung“ (IPA/ Stuttgart) hat das Modell eines Reinigungs-Roboters entwickelt und angefertigt. „BakeR“ (Baukastensystem für kosteneffiziente, modulare Reinigungsroboter) ist unter anderem in der Lage, staubzusaugen, den Boden zu wischen und Papierkörbe zu leeren. Weil er über einen Arm mit Greifer verfügt, kann er bestimmte Hindernisse überwinden, zum Beispiel einen Stuhl verrücken, um mit dem Staubsauger unter den Tisch zu gelangen, oder eine Bürotür öffnen. Angezeigt werden ihm Hindernisse beziehungsweise zu bewegende Gegenstände von einer Objekt-Erkennungs-Software.

Seine Arbeit plant „BakeR“ auf Grundlage eines Raumbuchs, das Informationen zu den zu säubernden Räumlichkeiten enthält, sowie eines sogenannten Revierplans, der die zu erbringenden Leistungen genau definiert. Laut IPA ist der Roboter in der Lage, eine optimale Reinigungsreihenfolge sowie systematische Fahrmuster zu errechnen. Nach Erledigung der Arbeiten erhält der Auftraggeber ein digitales Reinigungsprotokoll, in dem alle ausgeführten Tätigkeiten dokumentiert sind.

Der Roboter ist modular aufgebaut; das IPA will in Zukunft weitere Module entwickeln. „Anwender müssen den Roboter optimal auslasten können“, sagt die Leiterin des „BakeR“-Projekts, Birgit Graf. Nur so würde sich die Anschaffung für Reinigungs-Unternehmen lohnen.

Wann und ob „BakeR“ oder ein Nachfolgemodell sich durchsetzen wird, steht allerdings noch in den Sternen. Betriebswirtschaftlich lohne sich der Einsatz eines solchen Roboters derzeit nicht, beantwortete Laura Hein, Anwendungstechnikerin im Technischen Management bei „Piepenbrock“ (Deutschlands größtes Reinigungs-Unternehmen), eine Anfrage der Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Hein weiter: „Zwar arbeiten wir bereits mit autonomen Scheuersaugautomaten. Im derzeitigen Entwicklungsstand müssen die autonomen Geräte allerdings noch stark betreut werden und sind daher nicht in der Lage, ihre Reinigungstätigkeiten voll autonom durchzuführen. Beispielsweise muss der Automat eingelernt sowie weiterhin manuell befüllt und geladen, gewartet und gereinigt werden. Außerdem sind die Automaten nicht für jedes Objekt und jede Räumlichkeit geeignet.“

Auch Ulrike Laux – Mitglied im Bundesvorstand der IG Bau und dort unter anderem für den Bereich Dienstleistungen zuständig – nennt den Roboter-Einsatz in der Gebäudereinigung „Zukunftsmusik“. Sollte er jedoch eines Tages technisch ausgereift sein, werde er den Mitarbeitern wahrscheinlich nicht nur die schweren Arbeiten abnehmen, sondern gleich den ganzen Arbeitsplatz kosten: „Das ist allerdings noch viele Jahre hin.“

Johannes Bungart, Geschäftsführer vom „Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks“ (BIV), betont, dass der Roboter zurzeit noch nicht alle Arten von Räumen und Gebäuden reinigen kann: „Für die Reinigung großer Industriehallen ohne Hindernisse mögen automatisierte Maschinen und Roboter schon jetzt vorstellbar sein. Doch die Reinigung von individuellen Büros, Toiletten oder OP-Sälen wird auf absehbare Zeit in den meisten Bestandsgebäuden nicht praktikabel sein.“

Digitalisierung in der Reinigungsbranche bedeutet für Bungart nicht so sehr Robotik, sondern vor allem Sensorik, Automation und Vernetzung. Ein Beispiel von vielen sei der Seifenspender. „Heute müssen Beschäftigte noch routinemäßig und in regelmäßigen Abständen kontrollieren, ob genügend Seife vorhanden ist. Künftig werden immer mehr Geräte automatisch eine Meldung absetzen, wenn nachgefüllt werden muss. Das geschieht digital und steigert Nachhaltigkeit, Kosten und Effizienz.“

Auch wenn die Fähigkeiten von Reinigungs-Robotern derzeit noch beschränkt sind, hält der Branchenverband das Thema für wichtig. Bungart: „Auch in der Reinigungs-Branche herrscht großer Fachkräfte- und Azubi-Mangel. Fürs Recruiting ist das Thema Robotik oder Co-Robotik spannend. So locken zum Beispiel auf Messen neueste technische Innovationen viele Besucher an, mit denen man ansonsten nicht ins Gespräch gekommen wäre. Die Digitalisierung unseres Handwerks kann auch ein Magnet sein für junge, technikaffine Zielgruppen.“ In nicht so ferner Zukunft werde der demografische Wandel, aber auch der technische Fortschritt , den Einsatz von mehr Maschinen schließlich unumgänglich machen: „Und wenn das soweit ist, ist der Reinigungs-Roboter technisch auch ausgereift.“

Noch ist das allerdings nicht der Fall. Roboter sind weiterhin sehr gut darin, wiederkehrende, standardisierte Arbeitsabläufe auszuführen. Für Tätigkeiten, die sich nicht in ein festes, vorhersehbares Schema pressen lassen, sind die maschinellen Helfer nach wie vor eher ungeeignet.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bundesbank: Mini-Wachstum im Frühjahr trotz Iran-Krieg
28.07.2026

Trotz des Iran-Kriegs und steigender Energiepreise bleibt die deutsche Wirtschaft stabil. Wie Verbraucher und Industrie dem Gegenwind...

DWN
Finanzen
Finanzen 20.000 Euro für Loyalität: Warum ASML Mitarbeiter halten will
28.07.2026

Das niederländische Unternehmen ASML spielt eine entscheidende Rolle für die weltweite Chip-Produktion, seine Aktie ist jedoch bereits...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Firmen streichen Ausbildungsplätze
28.07.2026

Immer weniger Ausbildungsplätze treffen auf immer weniger Bewerber. Das ist aber sowohl für Betriebe als auch für junge Menschen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Wirtschaft schlägt Alarm: Hohe Energiekosten treiben Unternehmen ins Ausland
28.07.2026

Deutschlands Unternehmen kämpfen weiter mit hohen Energiekosten. Was zunächst wie ein kurzfristiges Problem erschien, entwickelt sich...

DWN
Finanzen
Finanzen Kreditkarten vor dem Aus: Mastercard plant den radikalen Umbau
28.07.2026

Kreditkartennummern könnten beim Onlinekauf schon bald der Vergangenheit angehören. Mastercard will Europas digitale Zahlungen bis 2030...

DWN
Technologie
Technologie RWE baut Mega-Speicher im Tagebau Hambach
28.07.2026

RWE verwandelt den Tagebau Hambach zunehmend in einen Standort für erneuerbare Energien. Ein neuer Großbatteriespeicher soll künftig...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Edelmetall fällt vor Fed-Entscheid Richtung 4.000 Dollar – wie geht es weiter?
28.07.2026

Der Goldpreis steht am Dienstag unter Druck. Vor der Fed-Zinsentscheidung rückt er wieder näher an die Marke von 4.000 Dollar. Anleger...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Aktien: Warum der Ausverkauf für Anleger zur großen Chance werden könnte
28.07.2026

Billionen Dollar Börsenwert sind verschwunden, Technologiekonzerne stürzen ab und die Angst vor einer platzenden KI-Blase wächst. Doch...