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Telefonica: Europas viertgrößter Telekom-Konzern in der Schuldenspirale, die EZB hängt als Gläubiger mit drin

Um seine massiven Schulden zu tilgen, plant Telefonica einen spektakulären Rückzug aus allen Märkten Lateinamerikas. Doch die dringend notwendigen Pläne kommen zu einem schlechten Zeitpunkt. Die EZB gehört über Anleihen zu den größten Gläubigern des Konzerns.
05.12.2019 11:00
Lesezeit: 3 min
Telefonica: Europas viertgrößter Telekom-Konzern in der Schuldenspirale, die EZB hängt als Gläubiger mit drin
Das Telefonica-Logo. (Foto: dpa) Foto: Juan Carlos Hidalgo

Europas viertgrößtes Telekommunikationsunternehmen Telefonica hat seinen Hauptsitz in Spanien, ist jedoch in zahlreichen weiteren Ländern der Welt aktiv. In der vergangenen Woche hat das Unternehmen angekündigt, dass es sich komplett aus Lateinamerika zurückziehen wird. Grund für diesen Ausstieg aus einem seiner wichtigsten Märkte sind die enormen Schulden, mit denen der Konzern belastet ist, sodass er dringend Geld braucht. Aufgrund dieser hohen Schulden sowie schwacher Gewinne waren die Telefonica-Aktien kürzlich auf den niedrigsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten gesunken. Allein seit Jahresbeginn sind die Kurse um knapp 9 Prozent gefallen.

Das Unternehmen wird seine Aktivitäten in acht lateinamerikanischen Ländern verkaufen oder ausgliedern - dabei handelt es sich um Argentinien, Chile, Uruguay, Peru, Ecuador, Kolumbien, Venezuela und Mexiko. In diesen Ländern stößt Telefonica auf harte Konkurrenz durch America Movil und AT&T. Telefonica CEO José María Álvarez-Pallete führte in einer Pressekonferenz "die geopolitischen, makroökonomischen und regulatorischen Unsicherheiten sowie den hohen Wettbewerb in diesem Sektor" als Gründ für den Rückzug an. Telefonica will sich künftig auf vier Schlüsselmärkte konzentrieren: Spanien, Großbritannien, Brasilien und Deutschland.

Nach der Ablösung der Tochtergesellschaften in Lateinamerika hofft das Unternehmen, die Umsätze durch den Aufbau einer neuen Einheit, Telefonica Tech, wieder zu steigern. Diese Einheit soll die Bereiche Cyber-Sicherheit, Internet der Dinge und Cloud Computing bündeln. Außerdem wird eine weitere neue Einheit geschaffen, die ihr Portfolio an Kommunikationstürmen und anderen Infrastrukturanlagen halten soll, welche in den vergangenen Jahren an Wert gewonnen haben. "Es ist eine neue Ära mit Fragen, auf die wir keine Antworten haben", sagte CEO Álvarez Pallete. "Niemand bittet uns um Veränderung, aber wir müssen uns ändern."

In der Tat gibt es zahlreiche Gründe, warum sich Telefonica ändern muss, schreibt Wolf Richter. An der Spitze steht der massive Schuldenüberhang, der größtenteils auf die Übernahme des britischen Telekommunikationsanbieters O2 im Jahr 2005 mit Kosten in Höhe von 31,4 Milliarden Dollar zurückzuführen ist. Im dritten Quartal 2019 wies Telefonica eine Nettoverschuldung von 45 Milliarden Euro aus. Im gleichen Zeitraum verzeichnete das Unternehmen einen Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 0,321 Milliarden Dollar. Es war der erste Quartalsverlust seit mindestens 2005. Zwar verzeichnete das Unternehmen für die zwölf Monate bis einschließlich September einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibung in Höhe von 6,301 Milliarden Dollar. Doch dies war ein Rückgang um 28,16 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Wie viele andere hoch verschuldete Konzerne in Europa wird Telefonica von den Rating-Agenturen zwar als "Investment-Grade" eingestuft, die Ratings liegen aber nur knapp oberhalb von "Junk". Moody's bewertet das Unternehmen mit Baa3, das heißt nur eine Stufe über "Junk". Fitch und S&P bewerten es mit BBB, das heißt immerhin zwei Stufen über "Junk". Sollte Telefonica seine Bewertung als Investment-Grade verlieren, wären einige institutionelle Investoren gezwungen, diese Anleihen zu veräußern, was wiederum die Fremdkapitalkosten von Telefonica stark erhöhen würde.

Einer der größten Fremdkapitalgeber von Telefonica ist die Europäische Zentralbank. Die EZB gibt zwar die Namen der Unternehmen an, deren Anleihen sie erworben hat, nicht aber die erworbenen Beträge. Daher ist unbekannt, wie viel von den Schulden von Telefonica in der Bilanz der EZB stehen. Nach Schätzungen von Wolfgang Bauer, Manager des Retail Fixed Income Teams von M&G Investments mit Sitz in London, sind die fünf europäischen Unternehmen, die am meisten von Mario Draghis Anleihekaufprogramm profitiert haben, die belgische Brauerei Anheuser-Busch InBev, Daimler, der französische Energiekonzern EDF, Telefonica und der italienische Energiekonzern Eni.

Dank der EZB haben diese fünf Unternehmen - und viele andere - historisch günstige Kredite erhalten. So hat Telefonica seit Juni 2016, als die EZB ihr Anleihenkaufprogramm startete, mehr als 32 Milliarden Euro seiner Schulden mit deutlich längeren Laufzeiten refinanziert, sagte Laura Abasolo, Direktorin für Finanzen und Kontrolle bei Telefonica, im April gegenüber El País. Telefonica hat in den letzten Jahren bereits versucht, die massive Schuldenlast abzubauen, vor allem durch Ausgliederungen, und dies mit einem gewissen Erfolg. Nun will das Unternehmen fast alle seine Aktivitäten in Lateinamerika veräußern.

Nur wenige internationale Unternehmen sind so stark in Lateinamerika engagiert wie Telefonica und andere große spanische Unternehmen, von denen einige damit beginnen, ihre Aktivitäten in der Region zu reduzieren. Im vergangenen Jahr verkaufte Spaniens zweitgrößte Bank BBVA ihre chilenische Tochtergesellschaft für 2 Milliarden Euro an die kanadische Scotiabank. Und Spaniens größte Bank Grupo Santander ist gerade dabei, ihre Privatkundentochter in Puerto Rico, Santander Bancorp, für rund 1 Milliarde Euro zu verkaufen.

Telefonica hat bereits zu Beginn des Jahres alle Tochtergesellschaften in Mittelamerika (Guatemala, Salvador, Panama, Nicaragua und Costa Rica) für insgesamt gut 2 Milliarden Euro veräußert. Laut der spanischen Finanzzeitung El Economista könnte der Verkauf der restlichen Tochtergesellschaften im spanischsprachigen Lateinamerika weitere 22 Milliarden Euro für das Unternehmen einbringen, was etwa die Hälfte der Nettoverschuldung des Konzerns tilgen würde. Bescheidenere Zahlen nannten die von El País zitierten Analysten, wonach die lateinamerikanischen Tochtergesellschaften, die Telefonica verkaufen will, nur 11 bis 12 Milliarden Euro wert sein könnten, und dabei sind deren Schulden von 4,5 Milliarden Euro noch nicht eingerechnet.

Neben dem dringend benötigten Geld spielt für Telefonica offenbar auch die zunehmende Instabilität in Lateinamerika eine Rolle, wo politische und wirtschaftliche Krisen in der Vergangenheit Länder wie Bolivien, Venezuela, Chile, Equador, Argentinien oder Brasilien heimgesucht hatten. Doch eben diese Instabilität ist der Grund, warum aktuell kein günstiger Zeitpunkt ist, um Unternehmen in Lateinamerika zu verkaufen. Vier der acht Länder, aus denen Telefonica veräußern will (Chile, Ecuador, Kolumbien und Venezuela), stehen vor politischen Umbrüchen. Argentinien hat massive wirtschaftliche Probleme mit einer Inflation von rund 50 Prozent, zudem droht ein erneuter Staatsbankrott. Venezuela hat sogar eine Hyperinflation von rund 40.000 Prozent.

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