Politik

Im Nordkaukasus ist es derzeit überraschend ruhig

Seit dem vergangenen Jahr ist es in den russischen Teilrepubliken des Nordkaukasus äußerst ruhig. Dafür gibt es mehrere Gründe.
07.03.2020 08:29
Lesezeit: 3 min
 Im Nordkaukasus ist es derzeit überraschend ruhig
Der Nordkaukasus und seine Teilrepubliken. (Grafik: Stratfor)

Im Verlauf des gesamten vergangenen Jahres sind die Aktivitäten von aufständischen Organisationen und Terrorgruppen im Nordkaukasus kontinuierlich zurückgegangen.

Nach vorläufigen Daten - die auf mehreren Berichten basieren, die die Nachrichtenseite "Kavkazsky Uzel" im vergangenen Jahr veröffentlicht hatte - waren 46 Menschen direkt von aufständischer und terroristischer Gewalt in der Region betroffen. 32 wurden getötet, 14 verwundet.

Im Jahr 2018 wurden nach Angaben von Kavkazsky Uzel 79 Menschen im Nordkaukasus getötet. Im Jahr 2017 war die Zahl noch ein ganzes Stück höher. Damals wurden 134 Menschen getötet. Befürchtungen, dass nach der Niederlage des Islamischen Staates im Nahen Osten zurückkehrende Nordkaukasus-Kämpfer Konflikte in ihrer Heimat wiederbeleben könnten, bewahrheiteten sich nicht.

Der Rückgang der Aufstände im Nordkaukasus kann teilweise durch den Abfluss islamistischer Radikaler in den Nahen Osten erklärt werden. Die russischen Behörden haben militante Gruppen im Nordkaukasus niedergeschlagen und einen Exodus von kaukasischen Söldnern nach Syrien und in den Irak ermöglicht, berichtet die Crisis Group.

Die Inhaftierung einer großen Gruppe von Ingusch-Aktivisten, die gegen Änderungen der Verwaltungsgrenzen zwischen Tschetschenien und Inguschetien protestierten, beschäftigte im vergangenen Jahr die russische Öffentlichkeit, berichtet die Jamestown Foundation. Nach Massendemonstrationen in Inguschetien im Herbst 2018 gingen die russischen Behörden gegen die Protestführer vor. Dutzende Inguschen, ehemalige Beamte und zivile Aktivisten wurden verhaftet und in Haftanstalten außerhalb Inguschetiens eingesperrt.

Der Gouverneur der Republik, Yunus-Bey Jevkurow, trat im Juni 2019 zurück. Er wurde durch den ehemaligen Chef der inguschetischen Staatsanwaltschaft, Mahmud-Ali Chalimatow, ersetzt. Der politische Wandel half den verhafteten Aktivisten jedoch nicht. Sie befinden sich in Polizeigewahrsam. Aus der Sicht des Kremls wird Inguschetien auch weiterhin eine Unruhe-Republik bleiben.

Im benachbarten Tschetschenien hat sich das Gewaltniveau aufgrund einer harten Kampagne zur Aufstandsbekämpfung und der Übertragung von Befugnissen an den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadirow drastisch verringert. Viele einflussreiche Russen mögen jedoch die politische Autonomie des tschetschenischen Herrschers nicht. Nach der erfolgreichen Unterdrückung der Aufstandsbewegung in der Republik besitzt Kadirow mittlerweile eine ausgedehnte politische Entscheidungsfreiheit. Das offensichtliche Abkommen zwischen Putin und Kadirow - die Unterwerfung Tschetscheniens an den Kreml im Austausch für Finanzmittel und ein erhebliches Maß an politischer Autonomie - scheint derzeit zu funktionieren. Doch die Zukunft dieses Abkommens ist nicht gesichert.

In Dagestan verfolgte Moskau eine Strategie der direkten Herrschaft, nachdem im Jahr 2017 Wladimir Wasiliew als Gouverneur der Republik eingesetzt worden war. Zuvor war Wasiliew stellvertretender Sprecher der russischen Staatsduma und hatte keine Verbindungen zu Dagestan. In der Vergangenheit hat die Ernennung von Außenstehenden in Führungspositionen im Nordkaukasus zu einem Anstieg der lokalen ethno-nationalistischen Stimmung geführt. Bisher gab es in Dagestan jedoch nur wenige Anzeichen für zunehmende Spannungen. Wasiliew hat eine energische Antikorruptionskampagne durchgeführt. Moskau hat sogar angekündigt, die Bundesmittel für die Republik zu erhöhen. Staatliche Investitionen in Dagestan haben in der Vergangenheit die Ungleichheit und die sozialen Spannungen erhöht, da die Gelder häufig in dunklen Kanälen versickert sind. Wenn das Vorhaben sich diesmal als erfolgreich erweist, könnte Dagestan ein Modell dafür werden, wie der Kreml mit direkten Ernennungen von Gouverneuren die Republiken im Nordkaukasus regiert.

Die Republiken mit tscherkessischen Bevölkerungsgruppen - Kabardino-Balkarien, Karatschaewo-Tscherkessien und Adygea - wiesen 2019 relativ wenige militante Entwicklungen oder Aufstände auf.

Die Verhaftung von Mitgliedern des Araschukow-Clans aus Karatschaewo-Tscherkessia erregte jedoch einige Zeit die Aufmerksamkeit der gesamten Russischen Föderation. Ende Januar 2019 nahmen die Ermittler ein Mitglied des Föderationsrates, Rauf Araschukow, sowie seinen Vater, den Gazprom-Beamten Raul Araschukow, fest. Der jüngere Araschukow wurde wegen Mordverdachts und der ältere wegen angeblichen Erdgasdiebstahls inhaftiert, meldet die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass. Hochkarätige Verhaftungen haben jedoch die politische Landschaft von Karatschaewo-Tscherkessia nicht grundlegend verändert. Der republikanische Gouverneur Raschid Temrezow “überlebte” den Skandal erfolgreich.

Darüber hinaus hatten tscherkessische Aktivisten im vergangenen Jahr eine Nationalitäten-Kampagne gestartet. Vom Kreml wurden die Tscherkessen schon immer nach dem Prinzip “Divide et impera” in sub-ethnische Zweige unterteilt. Die Aktivisten forderten alle Tscherkessen auf, ihre ethnische Zugehörigkeit (Nationalität) in der russischen Volkszählung 2020 als “Tscherkessen” anzugeben, anstatt ihre lokalen ethnischen Namen aufzulisten. Sie argumentieren, dass sich dadurch eine größere Einheit untereinander schaffen lassen würde, um in der Russischen Föderation kollektiver auftreten zu können, berichtet Kavkazsky Uzel.

Obwohl liberal-demokratische Regime eher dem Risiko von Destabilisierung und internen Konflikten erliegen können, zeigen auch die derzeit von Moskau im Nordkaukasus installierten autoritären Regime ihre Schwächen. Wie sich die Verfassungsreform auf den Nordkaukasus auswirken wird, bleibt daher abzuwarten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Konflikte im Büro: So gehen Sie mit schwierigen Kollegen um
17.10.2026

Den schwierigen Kollegen wird man selten vollständig los. Doch man kann lernen, besser mit ihm umzugehen und sich selbst viel Ärger zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BYD Dolphin G DM-i im Test: Ist das der Kleinwagen der Zukunft?
17.10.2026

100 Kilometer elektrisch, mehr als 1.000 Kilometer Gesamtreichweite und 212 PS: Der BYD Dolphin G DM-i bringt Werte in die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ölmarktbericht : IEA warnt vor anhaltender Diesel-Knappheit
17.10.2026

Die Dieselversorgung bleibt laut der Energieagentur bis weit ins Jahr 2027 angespannt. In Europa könnten die Preise schon in den kommenden...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Vinted greift den Einzelhandel an: Wird Neuware zum Auslaufmodell?
17.10.2026

Gebraucht statt neu: Vinted wächst rasant und könnte dem klassischen Einzelhandel zunehmend gefährlich werden. Schon heute ersetzen drei...

DWN
Politik
Politik BND-Skandale: Spionagefälle, Abhöraktionen und geheime Pannen
17.10.2026

Verrat aus den eigenen Reihen, umstrittene Überwachungsaktionen und verschwundene Geheimdokumente: Der Bundesnachrichtendienst (BND)...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: KI-Ausverkauf breitet sich aus
16.10.2026

Die Wall Street erlebt eine turbulente Handelswoche – erfahren Sie, was hinter der aktuellen Unruhe an den Märkten steckt.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deal mit Nvidia: Bundesregierung plant Kooperation mit US-Chiphersteller
16.10.2026

Deutschland will die Lücke beim Einsatz künstlicher Intelligenz in der Industrie schließen. Viele deutsche KMU hinken bei der digitalen...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Ein Großhändler stellte 35 Roboter ein und verdreifachte so die Kapazität – ist das die Zukunft?
16.10.2026

Wenn Kunden eine Lieferung innerhalb von 24 Stunden erwarten, wird das Lager zu einem Wettbewerbsfaktor. Dies hat den dänischen...