Corona-Virus für Zyniker: Natürlicher Regulator des Bevölkerungs-Wachstums?

 

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10.03.2020 13:42  Aktualisiert: 10.03.2020 13:42
Einige Beobachter sagen, das Corona-Virus würde dazu beitragen, das viel zu hohe Bevölkerungswachstum zu bremsen. Abgesehen davon, dass dies eine ausgesprochen zynische Sichtweise ist: Wie gefährlich ist das Virus wirklich?
Corona-Virus für Zyniker: Natürlicher Regulator des Bevölkerungs-Wachstums?
Eine Karte der Epidemie. (Foto: dpa)

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Die Aufregung über die Ausbreitung des Corona-Virus rückt eine wenig beachtete Tatsache in den Hintergrund. Nämlich, dass Jahr für Jahr weltweit etwa 500 Millionen Menschen an einer Grippe erkranken. Je nach Intensität der Grippewellen sterben laut Statistik pro Jahr zwischen 290.000 und 650.000 Personen an den Folgen, wobei man bei der Weltgesundheitsorganisation WHO meint, dass die tatsächlichen Zahlen sogar noch höher sein dürften. Zum Vergleich: Das neue Virus aus China hat bisher 3.500 Todesfälle verursacht.

Die meisten Corona-Erkrankungen verlaufen wie bei anderen Grippe-Viren auch

Betroffen sind bei Grippewellen vor allem Senioren, Personen mit einer Immunschwäche sowie die große Gruppe der unterernährten Erwachsenen und Kinder in Afrika sowie in den weltweiten Kriegs- und Krisenregionen. Somit stellt sich die Frage nach den Auswirkungen des Corona-Virus.

Eine Orientierungshilfe bieten die Folgen der Hongkong-Grippe, die in den drei Jahren von 1968 bis 1970 weltweit eine Million Todesopfer forderte, 30.000 davon in Deutschland. Nimmt man diese Zahlen zum Maßstab, müsste man in der Zeit von 2020 bis 2022 also mit circa 300.000 bis 350.000 Menschen rechnen, die dem Corona-Virus jährlich zum Opfer fallen (wobei das unwahrscheinlich ist, weil das Virus heute viel stärker bekämpft wird als damals die Hongkong-Grippe). Zusätzlich zu den 290.000 bis 650.000, die jährlich durch die Gruppe den Tod finden – also weniger als eine Million pro Jahr.

So erschütternd die dahinter stehenden Einzelschicksale und so erschreckend diese Zahlen für sich sind, so müssen sie doch in Relation zur Gesamtbevölkerung gesehen werden. Jahr für Jahr sterben im Gefolge einer Grippe maximal 0,008 Prozent der Weltbevölkerung von derzeit knapp 7,8 Milliarden Menschen. Im unwahrscheinlichen Extremfall würde das Corona-Virus diesen Satz auf 0,016 Prozent erhöhen.

Angesichts der bereits verfügbaren Daten über die Entwicklung der Krankheit ist allerdings unwahrscheinlich, dass das Corona-Virus derartige Auswirkungen hat. In den meisten bisher bekannten Einzelfällen ist der Verlauf von Corona nicht anders als bei bekannten Grippe-Formen und somit nach einigen Tagen oder Wochen überwunden. Soweit die Entwicklung derzeit absehbar ist, wird es keine Pandemie geben.

Die vergleichsweise hohe Zahl der Toten in China, die die Angst vor einer Pandemie ausgelöst hat, ist aller Wahrscheinlichkeit nach auf die allgemeinen Gesundheitsprobleme der Chinesen zurückzuführen: Die jahrhundertelang an eine spezielle Nahrung und extrem kleine Portionen gewöhnte Bevölkerung konsumiert heute quantitativ deutlich mehr, darüber hinaus westliche Nahrung wie etwa Burger, die die Menschen nicht gut vertragen. Die Mediziner befürchten, dass sich in China eine starke Verbreitung von Diabetes entwickelt, die die Resistenz gegen Krankheiten generell verringert.

Das neue Corona-Virus wird im Zusammenhang mit der Entwicklung der Weltbevölkerung gesehen – ein Blick in die Realität ist angebracht

Immer häufiger wird das Auftreten des Corona-Virus als Korrektur – des für manche Beobachter als bedrohlich empfundenen – Wachstums der Weltbevölkerung gesehen. Eine ziemlich zynische Sichtweise, aber unabhängig davon kann das Virus diese Rolle sowieso auf keinen Fall einnehmen, wie wir oben bereits gesehen haben. Selbst wenn sich die Krankheit zu einer weltumspannenden Epidemie, also einer Pandemie, entwickeln würde, käme nur eine marginale Korrektur der Bevölkerungsentwicklung zustande.

Zur Angst vor der Überbevölkerung: In den dreißig Jahren von 1950 bis 1980 stieg die Zahl der Bewohner dieser Erde um knapp zwei Milliarden. In den 40 Jahren von 1980 bis 2020 um 3,35 Milliarden. Die oft gehörten, bangen Fragen lauten: „Wie geht das weiter? Können wir die Menschen ernähren? Hält das die Erde aus? Verkraftet die Umwelt diese Zahl? Wird die Klimakrise noch größer?“

Der erste Wachstums-Skeptiker Thomas Malthus schrieb 1798, es werde bald nicht genug Nahrungsmittel geben. Damals gab es einige hundert Millionen Menschen. Heute sind es knapp 7,8 Milliarden – und bei einer gerechteren Wohlstandsverteilung und einer klügeren Wirtschaftspolitik, wären alle problemlos zu ernähren. Es gibt sogar seriöse Schätzungen, dass zwölf Milliarden Menschen zu verkraften wären.

Zudem ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich das Bevölkerungs-Wachstum verlangsamt. Es kommen nicht mehr jährlich 80 Millionen hinzu, wie noch vor zehn Jahren, sondern nur mehr etwa 65 Millionen, und die Zahl wird voraussichtlich auf unter 60 Millionen im Jahr sinken.

Die Weltbevölkerung wächst langsamer, weil die Zahl der Armen zurückgeht

Vor allem: Die Bevölkerungsentwicklung ist kein vorgegebener Prozess, sondern hängt davon ab, ob bestimmte Maßnahmen ergriffen werden, ob bestimmte Entwicklungen zustande kommen.

Der entscheidende Faktor für das Bevölkerungswachstum ist der Wohlstand. In den meisten reichen Ländern ist das Bevölkerungswachstum kein Thema. Die Geburtenrate liegt deutlich unter zwei Kindern je Frau, sodass die bestehende Einwohnerzahl sinkt. Dieses Phänomen ist ausreichend analysiert und belegt: Kinder kosten Geld, und wenn ein Paar mehrere Kinder hat, kann ein Elternteil über Jahre hinweg nicht berufstätig sein kann. Kurzum, der Lebensstandard, den die meisten wünschen, ist in einer Wohlstandsgesellschaft nur zu finanzieren, wenn beide Eltern verdienen und folglich ist die Bereitschaft, Kinder zu bekommen, gebremst.

In reichen Gesellschaften, aber auch in solchen, die erst auf dem Weg in den Wohlstand sind, bekommen die Menschen nur wenige Kinder. Aus diesem Phänomen ergibt sich zwingend die Frage nach der wirtschaftlichen Entwicklung der Länder, in denen eine große Kinderzahl entscheidend zum Wachstum der Weltbevölkerung beiträgt. Hier wirkt eine einfache Formel: Armutsbekämpfung reduziert die Zahl der Geburten.

Tatsächlich sind deutliche Erfolge bei der Armutsbekämpfung zu vermelden, die auch wesentlich zum Rückgang der jährlichen Zunahme der Weltbevölkerung beitragen.

Im UNO Jahresbericht 2019 wird ausgeführt:

  • Der in extremer Armut lebende Teil der Weltbevölkerung ist von 36 Prozent (1990) auf 16 Prozent (2010) und weiter auf 10 Prozent (2015) gesunken. Mehr als eine Milliarde Menschen haben sich zwischen 1990 und 2015 aus der Armut befreit.
  • Vor allem in Ostasien ist die Armutsrate von 52 Prozent (1990) auf zehn Prozent (2010) und weiter auf weniger als ein Prozent (2015) gesunken.

Das heißt: Die extreme Armut geht weiter zurück. Da gesicherte Daten nur bis 2015 verfügbar sind und damals 731 Millionen Menschen betroffen waren, kann man davon ausgehen, dass aktuell die Zahl bei 700 Millionen liegt, vielleicht sogar noch niedriger ist.

Die Entwicklung der Weltbevölkerung wird durch die Armut in Afrika bestimmt

Betrachtet man die globale Situation, so ist das Wachstum der Bevölkerung in reichen Ländern kein Thema, eher das Gegenteil, im Wohlstand sinkt die Zahl der Kinder. Die dramatische Verringerung der Armut in Asien lässt auch in diesem Teil der Welt den Kinderreichtum zurückgehen, wenn dieser Prozess auch noch einige Zeit dauern wird. Das Kernproblem des Bevölkerungswachstums besteht somit in Afrika.

  • Insgesamt leben in Afrika 1,3 Milliarden Menschen. Ohne Korrektur kommt es in wenigen Jahrzehnten zu einer Verdoppelung. In den Regionen südlich der Sahara sind fünf Kinder je Frau in etwa der Durchschnitt. Die bereits erwähnten 400 Millionen unter der Armutsgrenze sind das Ergebnis. Gegen Krankheiten sind die meisten Menschen wehrlos.
  • Die soziale Situation eskaliert, und so entstehen Mörderbanden, die sich als religiös präsentieren und plündernd und mordend durch die Dörfer ziehen und die Städte belagern und nicht selten erobern.
  • Die Kindersterblichkeit ist enorm hoch, doch ist die Zahl der Geburten so groß, dass dennoch die Bevölkerung explodiert.

Europas Politiker übertreiben die Bekämpfung des Corona-Virus und versagen an den entscheidenden Fronten

Die afrikanischen Regierungen bemühen sich um Geburten-Regelung, doch sind die Ergebnisse minimal. In den armen und ärmsten Schichten ist das Interesse gering. Zudem ist der Zugang zu Verhütungsmitteln aus finanziellen Gründen schwer, auch sind nicht genügend Apotheken oder Drogerien verfügbar. Vor allem aber gibt es keine ökonomische Perspektive, die einen besseren oder zumindest anderen Lebensstandard verheißt, da für die meisten die Lage ohnehin aussichtslos ist.

Europa setzt derzeit eine gigantische, politische und administrative Maschinerie in Gang, um die neue Form der Gefahr aus China, das Corona-Virus, abzuwehren. Dieses Grippe-Virus ist ohne Zweifel ernst zu nehmen, doch wäre es angebracht, die Relation zu den tatsächlichen Opfer-Zahlen der bislang bekannten Grippe-Viren zu beachten. Auch wäre ein mindestens so großer Eifer wie bei der Bekämpfung des Corona-Virus anderswo erforderlich: Das neue Virus hat die Diskussion über das für viele problematische Wachstum der Bevölkerung angeheizt. Das Virus ist die falsche Adresse, notwendig wäre eine wirksame Bekämpfung der Armut in Afrika. Da versagt Europa und sieht hilflos zu, wie China aus dem Kontinent eine Außenprovinz mit billigen Arbeitskräften macht, die für Peking günstig Rohstoffe fördern und landwirtschaftliche Produkte herstellen.

Ein kluges Vorgehen sieht anders aus. Europa setzt die falschen Prioritäten – sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Wer die Flüchtlingsströme aus Afrika stoppen will, muss dort Armutsbekämpfung betreiben. Unter anderem, indem der er dort investiert – und nicht China kampflos das Feld überlässt.

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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