Politik

Erdogan: „Globalisierung bedeutet moderne Sklaverei“

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan meint, die Globalisierung sei nichts weiter als eine Art der „modernen Sklaverei“ und des „Neo-Kolonialismus“. Der IWF und die Weltbank würden zu den Urhebern dieser Missstände gehören.
07.04.2020 15:16
Aktualisiert: 07.04.2020 15:16
Lesezeit: 3 min
Erdogan: „Globalisierung bedeutet moderne Sklaverei“
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan. (Foto: dpa) Foto: Sedat Suna

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich am 6. April 2020 deutlich gegen die Globalisierung ausgesprochen. Er sprach von einer neuen Weltordnung, in der die Elemente der Globalisierung keine Rolle spielen werden. Doch nach Recherchen der Deutschen Wirtschaftsnachrichten spricht sich Erdoğan seit geraumer Zeit gegen die Globalisierung aus.

Im Jahr 2016 sagte er auf dem Türkisch-Afrikanischen Wirtschaftsforum in Istanbul nach Informationen der Zeitung Daily Sabah: “Ich sehe die moderne Globalisierung als neuen Weg des Kolonialismus, der modernen Sklaverei. Sowohl die Türkei, als auch Afrika weigerte sich, ‚Bürger zweiter Klasse' zu sein (...) Unsere afrikanischen Freunde haben sich bis heute so weit entwickelt, dank mutiger und visionärer Führer wie Nkrumah, Lumumba, Kenyatta und Mandela.”

Der IWF und die Weltbank würden so tun, als ob sie den Entwicklungsländern helfen wollen. Doch in Wirklichkeit gehe es darum, dass die betroffenen Länder sich innerhalb festgesetzter wirtschaftlicher Grenzen bewegen dürfen. “In den Bereichen der infrastrukturellen Entwicklung und der Entwicklung der Verteidigungsindustrie werden den Staaten grenzen gesetzt, die sie nicht verletzen dürfen. Wenn Sie ein Teil des globalen Systems sein wollen, wird von ihnen erwartet, dass sie dieses Diktat widerspruchslos hinnehmen”, zitiert der türkischsprachige Dienst von Bloomberg den türkischen Präsidenten.

Der Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, sieht die Globalisierung mittlerweile auch kritisch. “Die Globalisierer haben es übertrieben. Wir hätten den sozialen Faktoren und der Umwelt mehr Gewicht geben müssen”, sagte Schwab der Schweizer Zeitschrift “Bilanz” im Dezember 2019.

Die Globalisierung habe lange eine moralische Rechtfertigung gehabt, weil sie deutlich mehr Gewinner als Verlierer hervorgebracht habe. “Heute ist dieses Argument aus zwei Gründen nicht mehr überzeugend: Erstens haben wir ein neues soziales Bewusstsein, vor allem in der jüngeren Generation. Und zweitens kann man heute keine Politik mehr verfolgen, bei der die Bürger zurückbleiben”, so Schwab.

Das rasante Tempo der wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen sei die Hauptursache für die Rückkehr des Nationalismus, meinte Schwab. Angst, etwa vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, führe zu einer Bunkermentalität. Der neue Nationalismus sei eine Gegenbewegung zur Globalisierung. “Das Mantra der großen Öffnung war doch vor allem ein elitäres Projekt”, meinte Schwab.

Zur Coronakrise führte die Londoner “Times” Mitte März 2020 aus: “Tatsächlich besteht die Gefahr, dass diese Krise die Totenglocke für die Globalisierung läuten lässt, indem sie nicht nur den Zusammenbruch globaler Lieferketten, sondern auch den der globalen Zusammenarbeit bewirkt. Denn jede Nation versucht nun, für sich selbst zu sorgen. Das würde das Desaster sicherlich nur noch vergrößern.”

Zu den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise schreibt die französische Zeitung “La Nouvelle République”: “Finanzanalysten sprechen bereits von einem Schwarzen Montag, einem historischen Tag an den Weltbörsen. Inmitten der Coronavirus-Pandemie und des folgenschweren Ölpreiskrieges zwischen Saudi-Arabien und Russland sind die Aktienindizes weltweit abgestürzt. Die Ausbreitung des Virus hat aufs Neue bewiesen, dass die Globalisierung die Welt zu einem Dorf hat werden lassen, in welchem alles schneller in Umlauf gerät. Der Absturz der Märkte bestätigt ihre gegenseitige Verflechtung. Alle Länder, zumindest fast alle, sind betroffen.”

Die bulgarische Zeitung “24 Tschassa” setzt sich am Samstag mit der starken Globalisierung auseinander, bei der sich Krisen schneller ausbreiten: “Die Welt wird zu einem Standort, wo alles in Reichweite ist. In dieser globalisierten Welt betrifft etwas, was in einer Entfernung von Tausenden Kilometern passiert, sehr schnell alle anderen. Dies wird mit dem "Schmetterlingseffekt" erklärt. Es sind nur wenige Bulgaren, die auf der Landkarte die syrische Provinz Idlib finden können. Dort gab es einen Luftangriff der Regierungskräfte auf türkische Soldaten, der zur Folge hatte, dass Flüchtlinge, die in der Türkei sind, sich Richtung Bulgariens Grenze bewegen. Ein weiteres Beispiel: In China gibt es ein neues Virus. Wie könnte man nun seine weltweite Ausbreitung verhindern, wenn Millionen Menschen jeden Tag mit dem Flugzeug reisen?”

Die belgische Zeitung “De Standaard” kommentiert am Samstag die weltweiten Anstrengungen zur Bekämpfung des Coronavirus in China:

“Die Tatsache, dass wir viele tausend Kilometer entfernt die Lage angespannt beobachten müssen, ist eine der Folgen der Globalisierung. Die Millionenstadt Wuhan erweist sich als wichtiger Schnittpunkt, was eine schnelle Verbreitung des Virus begünstigen kann. Die Idee der Globalisierung ist in letzter Zeit unter Druck geraten. Die Überzeugung, dass jeder von Zusammenarbeit und Austausch profitiert, ist nicht mehr selbstverständlich. Aber die Globalisierung ist nicht nur Ursache, sie ist auch das Heilmittel für diese Krise. Es dürfte das erste Mal sein, dass in einem so frühen Stadium so große Ressourcen eingesetzt werden, um eine Pandemie zu verhindern. Die nächsten Stunden und Tage werden zeigen müssen, ob die Welt in der Lage ist, die Bedrohung im Keim zu ersticken. Wenn diese Herausforderung etwas Gutes hat, dann die Einsicht, dass wir uns alle diesen einen Planeten teilen.”

Mehr wichtige Analysen zur Globalisierung und zu den Finanzmärkten:

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Anleiherenditen setzen Aktien weiterhin unter Druck
02.10.2026

Zinsängste und Arbeitsmarktdaten bewegen die Börsen – was Anleger jetzt wissen müssen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinesische Raffinerien stoppen Exporte: Was passiert mit den Dieselpreisen in Europa?
02.10.2026

Der weltweite Dieselmarkt steht bereits massiv unter Druck. Nun drosseln chinesische Raffinerien ihre Exporte und konzentrieren sich auf...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Der neue Anleger der DWN stellt sich vor
02.10.2026

Wie können Sie ein Vermögen an der Börse aufbauen, wenn Sie weder Erfahrung bei der Aktienanalyse haben noch die Zeit für den...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Scandit stoppt Diebstahl an der Selbstbedienungskasse
02.10.2026

Selbstbedienungskassen sparen Personal, öffnen Händlern aber eine teure Schwachstelle: Kunden scannen Waren falsch oder gar nicht. Der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Maschinenbau: VDMA verlangt Importverbote für Risikoprodukte aus China
02.10.2026

Deutschlands Maschinenbauer warnen vor Wettbewerbsnachteilen durch Produkte, die europäische Sicherheitsanforderungen nicht erfüllen....

DWN
Technologie
Technologie „Völliger Mist“: So fällt die Kritik an Europas Microsoft-Teams-Alternative aus
02.10.2026

Element Pro soll die Kommunikation sicherstellen, falls Microsoft Teams ausfällt. Die Europäische Kommission betreibt die Lösung auf...

DWN
Unternehmen
Unternehmen KNDS zwischen Börse und Panzern: Investoren warten, Waffenaufträge wachsen
02.10.2026

Der Börsengang ist vorerst verschoben, die Auftragsbücher dagegen füllen sich weiter. Der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bonuszahlungen: Wenn Boni aus dem Ruder laufen
02.10.2026

Bonusprogramme waren früher oft spontane Belohnungen, heute sind sie ein professionelles Steuerungsinstrument für Vorstände und...