Politik

Bundesregierung entsendet Funktionär in neue Anti-China-Allianz

Die Bundesregierung entsendet einen Funktionär in eine gegen China gerichtete internationale Arbeitsgruppe. Die Beteiligung ist ein Zugeständnis an die US-Regierung, dürfte aber weitgehend symbolischer Natur bleiben.
05.06.2020 17:07
Aktualisiert: 05.06.2020 17:07
Lesezeit: 2 min
Bundesregierung entsendet Funktionär in neue Anti-China-Allianz
Bundeskanzlerin Angela MErkel mit Chinas Präsident Xi Jinping. (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

Die Bundesregierung wird fortan einen Funktionär in eine neu geschaffene internationale Arbeitsgruppe entsenden, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den wachsenden Einfluss Chinas weltweit zu untersuchen, strategische Gegenentwürfe zu formulieren und koordiniert zu handeln. Die interparlamentarische Allianz besteht aus acht Staaten – den USA, Deutschland, Großbritannien, Japan, Australien, Kanada, Schweden, Norwegen und aus Mitgliedern des Europäischen Parlaments – insgesamt handelt es sich um 18 Politiker.

Der Gruppe zufolge habe Chinas Aufstieg das globale, regelbasierte System unter Druck gesetzt und das Land versuche, eine Hegemonie über andere Staaten zu etablieren. Einzelne Staaten, welche sich gegen Chinas wachsenden Einfluss stellten, hätten dafür in der Vergangenheit einen hohen Preis gezahlt, wird ein Sprecher der „Inter-Parliamentary Alliance on China“ von Bloomberg zitiert. Zu den insgesamt 18 Politikern gehören der South China Morning Post zufolge viele bekannte China-Kritiker wie die US-Senatoren Marco Rubio und Robert Menendez, die in der Vergangenheit mehrfach Gesetzesanträge oder Sanktionen gegen China eingebracht hatten. Für Deutschland wurde der CDU-Sprecher für das Thema Menschenrechte, Michael Brand, in das Gremium entsandt.

Die Entstehung der Gruppe fällt in eine Zeit, in der die US-Regierung den Druck auf die chinesische Regierung stetig erhöht – angefangen bei dem seit Jahren laufenden Handelskrieg gegen das Land und dessen führenden Technologiekonzern Huawei über die Zuspitzung der Taiwan-Frage und Manöver der Navy im von China einseitig beanspruchten Südchinesischen Meer bis zu den gegenwärtigen Spannungen um Hongkong, wo Peking den monatelangen gewaltsamen Protesten und Einflussnahmen ausländischer Geheimdienste derzeit mit einem neuen Sicherheitsgesetz entgegenarbeitet.

Unter dem Strich betrachtet dürfte die Teilnahme des menschenrechtspolitischen Sprechers der CDU an der Anti-China-Gruppe aber eher symbolischen beziehungsweise absichernden Charakter haben, als dass sie Teil einer ernstzunehmenden Konfrontationsstrategie Berlins gegenüber Pekings wäre.

Sie ist wahrscheinlich vielmehr Ausdruck der Suche Deutschlands und auch Europas nach einer eigenständigen geopolitischen Strategie mit dem Ziel, den Alten Kontinent im nun heraufziehenden Zeitalter des amerikanisch-chinesischen Machtkampfes auf einem Mittelweg zwischen beiden Kontrahenten zu positionieren – politisch eher angelehnt an die USA (welche im Rahmen der Nato weiterhin die westliche Führungsmacht darstellen, dutzende Militärbasen in Europa unterhalten und den Europäern kulturell und politisch sehr nahestehen), wirtschaftlich eher angelehnt an China, welches auch auf Sicht der kommenden Jahrzehnte noch Expansionspotentiale für deutsche Unternehmen bietet und das im Zuge des Seidenstraßen-Projekts den eurasischen Kontinent von Osten aus bis nach Europa entwickeln will.

Das Engagement in der angelsächsisch-nordeuropäisch dominierten Gruppe dürfte in diesem Zusammenhang vornehmlich als Zugeständnis an die US-Regierung dienen. Zudem hätte man im Falle einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Chinesen Verbündete innerhalb eines institutionellen Rahmens (darunter zwei Atommächte und zwei ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrates), welche sich eventuell in der jeweiligen Streitfrage aktivieren ließen.

Auf der anderen Seite vermeidet es Deutschland tunlichst – wie die allermeisten europäischen Regierungen auch – aggressiv gegen China vorzugehen, weil dessen ökonomisches Potential mit Blick auf den massiven Abschwung in der Weltwirtschaft und den möglichen Ausbruch einer neuen Weltwirtschaftskrise in Zukunft noch dringend gebraucht werden wird. Ein Zeichen dafür, dass man der US-Regierung in China-Fragen nicht (mehr) blind folgt, ist die nahezu einmütige Absage an Sanktionen wegen des geplanten Sicherheitsgesetzes für Hongkong. Nur Schweden soll sich für die Idee offen gezeigt haben, alle anderen 26 EU-Staaten waren dagegen.

Zudem dürfte allen an der „China-Gruppe“ Beteiligten bewusst sein, dass die postulierte Bedrohung der globalen Ordnung durch China in weit größerem Umfang auf die serienmäßige Aufkündigung internationaler Verträge oder den Bruch von Vereinbarungen durch die Trump-Administration zurückzuführen ist. Als Beispiele dafür seien genannt: Der Handelskrieg gegen China und andere Staaten und die Einführung von Strafzöllen, der Bruch des Atomabkommens mit dem Iran, der Rückzug aus der Pariser Klimakonferenz, der Rückzug aus dem INF-Vertrag über das Verbot landgestützter atomarer Mittelstreckenwaffen, der Rückzug aus dem „Open Sky“-Überwachungsabkommen, die Sanktionen gegen die Ostsee-Pipeline Nordstream 2, der Stopp der Finanzierung der Weltgesundheitsorganisation, die Blockade der Welthandelsorganisation und der Feldzug gegen den Huawei-Konzern (für dessen angebliche Spionagetätigkeit im Ausland bis heute keine Beweise vorgelegt wurden).

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Unternehmen
Unternehmen Mindestlohn: Lohnerhöhungen führen zu Preissteigerungen und Stellenabbau
21.01.2026

Schritt für Schritt steigt der Mindestlohn in Deutschland - das führt zu einer Welle von Lohnerhöhungen. Wie die Unternehmen nun...

DWN
Politik
Politik Kabinett bringt digitales Führungszeugnis auf den Weg
21.01.2026

Wer ehrenamtlich Fußball-Nachwuchs trainiert, braucht es, wer als Kaufhausdetektiv arbeitet auch: Das Führungszeugnis soll künftig...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererklärung 2025: Fristen, Formulare, Fallstricke – so vermeiden Sie typische Fehler
21.01.2026

Die Steuererklärung 2025 muss kein Stressfaktor sein – wenn Sie frühzeitig die richtigen Unterlagen sammeln. Viele verschenken jedes...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mehr arbeiten - wofür? Arbeit als Sinn des Lebens verliert an Bedeutung
21.01.2026

Kanzler Merz fordert mehr Leistung, mehr Einsatz, mehr Arbeitsstunden: Doch für viele Menschen steht das Ziel, mit Freude eine sinnvolle...

DWN
Finanzen
Finanzen Ära der Milliardäre: Vermögen von Milliardären legt rasant zu
21.01.2026

Debattenstoff für das Weltwirtschaftsforum in Davos: Seit 2020 wurden Milliardäre inflationsbereinigt um mehr als 80 Prozent reicher....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Stahlbranche: Stahlproduktion 2025 gesunken - Krise dauert an
21.01.2026

Strompreise, Importdruck, schwache Nachfrage: Warum die deutsche Stahlbranche auch 2025 unter massiven Problemen leidet – und was die...

DWN
Finanzen
Finanzen Digitalwährung: Sparkassenverband sieht digitalen Euro kritisch
21.01.2026

Verbandspräsident Hirsch sieht hohe Kosten und keinen Nutzen für Kunden. Außerdem wirft er Fragen zu möglichen Rollenkonflikten bei der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Neue Unternehmensform EU Inc: EU will Firmen-Registrierung in 48 Stunden möglich machen
21.01.2026

Firmengründer sollen neue Unternehmen in der EU künftig innerhalb von 48 Stunden online anmelden können. Das kündigt...