Politik

DWN-SPEZIAL: Libysche Truppen nehmen Haftars Top-Kommandeur fest

Den libyschen Regierungstruppen ist es mit Unterstützung der Türkei gelungen, einen hochrangigen Kommandeur des Söldner-Generals Haftar festzunehmen. Der Kommandeur ist die „rechte Hand“ Haftars im Westen Libyens.
13.06.2020 21:56
Lesezeit: 2 min
DWN-SPEZIAL: Libysche Truppen nehmen Haftars Top-Kommandeur fest
Generalmajor Omar al-Tantush ist in die Hände der libyschen Armee gefallen. (Foto: Rusen)

Generalmajor Omar al-Tantush, der der wichtigste Kommandant des Söldner-Generals Chalifa Haftar im Westen Libyens ist, wurde von libyschen Regierungstruppen, die von der Türkei unterstützt werden, festgenommen. Die Festnahme erfolgte Samstagabend. Das teilt das Ankara Institute of Russian Studies (Rusen) mit. Tantush ist Kommandeur der 4. Brigade der Söldner-Armee Haftars, die sich „Libyan National Army“ (LNA) nennt.

Im Konflikt um Libyen in Nordafrika stehen Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Frankreich und Ägypten auf der Seite des Generals Chalifa Haftar. Die Türkei dagegen unterstützt die international anerkannte Regierung von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch. Die EU schaut des Beginn des Konflikts im Jahr 2011 relativ tatenlos zu. Folglich hat sie keinen großen Einfluss auf die Ereignisse in Libyen.

Die Zeitung dänische „Politiken“ wörtlich: „Die Nato, die EU und die Arabische Liga sollten sich schämen. Libyen blutet seit neun Jahren und weder die arabische noch die europäische Welt, die beide in den Bürgerkrieg verstrickt sind, sind dazu bereit, Verantwortung zum Stoppen des Krieges zu übernehmen. Es ist eine Tragödie für die Libyer. Ein Schandfleck für die Arabische Liga und ein genauso unerträglicher Schandfleck für die Ambitionen der EU zu einer gemeinsamen Außenpolitik und die Verpflichtung der Nato zu einer gemeinsamen Sicherheitspolitik. Von den USA von Trump kann man nichts erwarten, und Putins Russland setzt politisch auf beide Pferde. So gleicht all das nicht nur Chaos. Es ist ein regelrechter Alptraum für die Libyer - und für die Nato, EU und arabische Welt: ein absolutes und schändliches Fiask.“

Die österreichische Zeitung „Die Presse“ berichtet: „So wie in Syrien sind nun auch in Libyen Moskau und Ankara die bestimmenden Mächte. Nach Syrien ist Libyen der zweite Konflikt vor der eigenen Haustüre, auf den die Europäer so gut wie keinen Einfluss haben. Zu lang haben sie sich von nationalstaatlichen Interessen treiben lassen oder einfach zugeschaut, wie andere das Kommando übernehmen. Militärisch haben Ankara und Moskau in der Hand, was in Libyen geschieht. Doch mittel- bis langfristig können sie keine Stabilität bringen. (...) Sowohl Russland als auch die Türkei sind wirtschaftlich zu schwach, um Syrien oder Libyen wieder auf die Beine zu helfen. Das wäre die Chance der EU-Staaten, sich stärker einzubringen. Doch dafür müssten sie endlich an einem Strang ziehen. Sollte die Lage in Libyen völlig kippen, würde das der Nachbar Europa schmerzhaft zu spüren bekommen.“

Die „NZZ“ meint: „Wie in Syrien scheinen Putin und Erdogan in Libyen zu Deals bereit, um ihre Interessensphäre auszuweiten. Beide Seiten würden mit der Bildung einer starken Einheitsregierung an Einfluss verlieren und ziehen einen Bürgerkrieg auf niedriger Flamme deshalb vor. Kairo und Abu Dhabi werden aber kaum zulassen, dass sich ein faktisch geteiltes Libyen unter russischer und türkischer Oberhoheit stabilisiert. Sie werden weiter verdeckt militärisch mitmischen und lokale Machtkämpfe schüren. Die Passivität der USA und die Zerstrittenheit der EU haben dazu geführt, dass der Westen seinen Einfluss in dem erdölreichen nordafrikanischen Land verloren hat. Erfolglose Friedensverhandlungen und gescheiterte Versuche, das Uno-Waffenembargo durchzusetzen, sind Ausdruck davon. In Libyen haben heute diejenigen das Sagen, die militärisch mitmischen.“

Oliver Owcza, deutscher Botschafter in Libyen, hatte sich vor wenigen Tagen mit dem Söldner-General Haftar getroffen. Die dpa wörtlich: „In einem Tweet hatte Botschafter Oliver Owcza am Mittwoch über das Treffen berichtet und betont, dass er seine Sorge über die andauernde Militärkampagne und den Einfluss auf die Zivilbevölkerung zum Ausdruck gebracht habe. Zahlreiche Internetnutzer kritisierten die Zusammenkunft und bezeichneten Haftar dabei als ,Kriegsverbrecher‘ und ,Mörder‘.“

Noch im Januar hatte sich Deutschland als Gastgeber einer internationalen Konferenz intensiv um eine Vermittlung zwischen den Konfliktparteien und ihren ausländischen Unterstützern bemüht. Viele Kommentatoren kritisieren unter dem Tweet des deutschen Botschafters, dass Haftar nicht Teil der politischen Lösung im Libyenkonflikt sein könne.

Mehr zum Thema:

Türkei führt Wende im Libyen-Konflikt herbei

DWN-SPEZIAL: Die Aufteilung Libyens nimmt Konturen an

Libyen nimmt Produktion auf größtem Ölfeld wieder auf

Wegen Libyen: Geheimtreffen zwischen USA, Russland und der Türkei auf Malta

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Rechnungen digitalisieren: Wie Unternehmen Liquidität und Cashflow smarter steuern

Umsatz bedeutet noch keine gesicherte Liquidität. Zwischen der erbrachten Leistung und dem tatsächlichen Eingang des Geldes können...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Vorwand Zwangsarbeit: Trump verhängt neue Zölle gegen 60 Handelspartner
24.07.2026

Der US-Präsident weicht nicht zurück: Pünktlich zum Auslaufen der gesetzlichen Frist für seine bisherigen weltweiten Sonderzölle...

DWN
Politik
Politik Regierungsumbau nach Rücktrittsdebakel: Wie Merz sein Kabinett neu ordnet
24.07.2026

Es war absehbar, dass Friedrich Merz den Posten an der Spitze des Kanzleramts neu besetzen muss. Der Bundeskanzler und CDU-Chef beschränkt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VW-Aktie unter Druck: Gewinn bricht um ein Drittel ein und Umsatzprognose sinkt
24.07.2026

Anhaltend schwache Verkaufszahlen, insbesondere auf dem wichtigen chinesischen Markt, machen dem Volkswagen-Konzern schwer zu schaffen: Im...

DWN
Politik
Politik G20-Ausladung durch Trump: Außenminister Wadephul kritisiert US-Ausschluss Südafrikas
24.07.2026

US-Präsident Donald Trump lädt Südafrika vom kommenden G20-Gipfel in Florida aus – und erntet dafür scharfe Kritik aus Berlin....

DWN
Politik
Politik Bundesverwaltungsgericht entscheidet: Händler müssen für das Recycling von Plastik-Tragetaschen zahlen
24.07.2026

Ob robust oder mehrmals nutzbar: Die stabilen Kunststofftaschen aus dem Supermarkt gelten rechtlich als Verpackung. Das hat das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Solarenergie: Chinas Dominanz bedroht die grüne Revolution
24.07.2026

Solarenergie wächst inzwischen schneller als der weltweite Strombedarf und verdrängt erstmals fossile Kraftwerke. Doch ausgerechnet der...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Tesla-Aktien stürzen ab, Öl erreicht 101 US-Dollar
23.07.2026

Turbulente Zeiten an den globalen Handelsplätzen: Was die Anleger jetzt in Atem hält.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Heliumknappheit: Europas Industrie droht der nächste Rohstoffschock
23.07.2026

Helium klingt nach Luftballons, ist aber ein unersetzlicher Rohstoff für Mikrochips, Magnetresonanztomografen und die Luftfahrt....