Die neue Weltmacht: Der digital-finanzielle Komplex

 

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08.08.2020 07:00
Die Zeiten, in denen das Wirtschaftsleben des Westens vom militärisch-industriellen Komplex dominiert wurde, sind vorbei. Mit dem digital-finanziellen Komplex ist inzwischen eine viel größere Gefahr für die Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen entstanden, schreibt Ernst Wolff.
Die neue Weltmacht: Der digital-finanzielle Komplex
Bonn: Eine Mitarbeiterin des Hauses der Geschichte geht an einem Bild zum Thema Volkszählung vorbei. (Foto: dpa)
Foto: Federico Gambarini

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In den 1950ern entstand in den USA der Begriff vom „militärisch-industriellen Komplex“ (MIK). Gemeint war damit die geballte Macht der Rüstungskonzerne und der multinationalen Industriegiganten, die durch ihre Wirtschaftskraft, aber auch durch ihre personelle Verflechtung mit dem Staatsapparat erheblichen Einfluss auf die Politik ausüben konnten.

Zu seiner Stärke verholfen hatten dem MIK zum einen der Rüstungswettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion während des Kalten Krieges, der riesige Gelder in die Entwicklung immer neuer Waffensysteme gespült hatte, und zum anderen der Nachkriegsboom, der den US-Großkonzernen neue Märkte in aller Welt erschlossen und nie dagewesene Profite beschert hatte.

In der Tat beherrschte der MIK bis in die 1980er über weite Strecken das internationale Geschehen. Dann aber traten zwei Entwicklungen ein, die das Machtgefüge grundlegend verändern sollten: die Deregulierung und die Digitalisierung.

Entwicklung Nr. 1: die Deregulierung

Größter Nutznießer des Nachkriegsbooms war das Bankgewerbe, das auf Grund der hohen Nachfrage nach Krediten einen gewaltigen Vermögens- und Machtzuwachs verbuchen konnte. Als diese Nachfrage in der Mitte der Siebziger Jahre nachließ, nutzten die Banker ihre in den 1950ern und 1960ern errungenen Machtstatus und drängten die Politik, ihnen neben ihrer Haupteinnahmequelle, der Kreditvergabe, weitere Möglichkeiten des Geldverdienens zu eröffnen.

Tatsächlich machten Politiker rund um den Globus den Banken immer größere Zugeständnisse, indem sie zahlreiche Regeln und Gesetze abschafften, die den Finanzsektor bis dahin eingeengt hatten. Dieser Trend gewann schnell eine Eigendynamik und führte dazu, dass in den 1980ern und 1990ern immer stärker dereguliert und den Banken damit immer mehr Freiräume zugestanden wurden.

Wichtigste Meilensteine der Entwicklung waren die Einführung ständig neuer Finanzprodukte, die Zulassung von Aktienrückkäufen, die zunehmend lascheren gesetzlichen Auflagen für Hedgefonds und die Abschaffung des Trennbankensystems in den angelsächsischen Ländern. Die Gesamtheit der Maßnahmen führte zu einer kontinuierlich fortschreitenden Umstrukturierung der Weltwirtschaft zugunsten des Finanzsektors, der heute um ein Vielfaches größer ist als die Realwirtschaft.

Eine entscheidende Folge dieser Entwicklung bestand in der zunehmenden Konzentration finanzieller Macht: In den 1990ern waren es vor allem zahlreiche Investmentbanken, die von der Deregulierung profitierten, zu Beginn des neuen Jahrtausends dann insbesondere die Hedgefonds. Mit der Krise von 2007/08 begann dann die große Zeit der Vermögensverwaltungen, von denen die größten die lukrativsten Hedgefonds unter sich vereinigten, und deren wichtigste Vertreter – allen voran BlackRock, Vanguard und State Street – heute weite Teile des Finanzsektors beherrschen.

Entwicklung Nr. 2: die Digitalisierung

Die zweite bahnbrechende Entwicklung nahm in den 1970ern in den USA ihren Lauf. Damals gründeten einige junge Technik-Freaks Firmen, die sich auf die noch junge Computertechnologie spezialisierten. Von vielen zunächst belächelt, explodierten mehrere dieser Firmen wie Apple und Microsoft geradezu und begründeten einen Trend, der das weltweite Wirtschaftsgeschehen stärker beeinflussen sollte als die industrielle Revolution vor 250 Jahren.

Zu den wichtigsten Merkmalen der Entwicklung zählt der große Einfluss, den diese Konzerne auf andere Unternehmen ausüben können, da sie ja deren Geschäftsabläufe zu einem großen Teil organisieren und damit Zugriff auf das wichtigste Gut innerhalb unserer modernen Gesellschaft neben dem Geld haben – Daten.

Einige später hinzugekommene Großkonzerne wie Google (1998 gegründet, heute Alphabet) und Facebook (2004 gegründet) stützen ihre Macht fast ausschließlich auf die Beschaffung und Weitergabe von Informationen. Da sie sich auf Grund ihrer schieren Finanzmacht Konkurrenten vom Leib halten können, indem sie sie in einem frühen Stadium ihrer Entwicklung aufkaufen, sind sie in ihren Bereichen zu fast unantastbaren Monopolen geworden.

Einzigartig ist auch die Stellung des 1994 als Buchhandelsplattform gegründeten Großkonzerns Amazon, der den Internethandel in der westlichen Welt inzwischen vollständig beherrscht und zum vermutlich größten Monopol in der gesamten Wirtschaftsgeschichte aufgestiegen ist.

Finanzmacht & Digitalmacht = globale Supermacht

Mit diesen Unternehmen an der Spitze hat sich eine Branche etabliert, die das gesamte Wirtschaftssystem in einer historisch nie dagewesenen Art und Weise durchdrungen hat und die auf Grund ihrer Wirtschaftskraft auch zu einem entscheidenden Faktor im Finanzwesen geworden ist.

Nicht nur, dass Digitalfirmen die Grundlage für Kryptowährungen und die bahnbrechende Blockchain-Technologie gelegt haben, sie sind auch zum unbestrittenen Schwergewicht an den Aktienmärkten geworden. Die Technologiebörse Nasdaq zum Beispiel verdankt ihren historischen Anstieg fast ausschließlich den fünf Konzernen Microsoft, Apple, Alphabet, Amazon und Facebook.

Vor allem das Zusammenspiel mit dem weltweit größten Vermögensverwalter BlackRock (1988 von Larry Fink gegründet) verleiht diesem kartellartigen Gebilde noch mehr Macht als es ohnehin schon an sich gerissen hat. BlackRock ist nicht nur an allen fünf Konzernen beteiligt, sondern kann aufgrund seiner unvorstellbaren Finanzkraft (der Fonds verwaltet Vermögen von über 7 Billionen US-Dollar) jeden Markt der Welt in jede gewünschte Richtung bewegen.

Außerdem verfügt BlackRock mit dem Großrechnersystem Aladdin über ein in dreißig Jahren gesammeltes und permanent analysiertes Datenreservoir, das dem Unternehmen einen uneinholbaren Informationsvorsprung gegenüber allen übrigen Marktteilnehmern verleiht und das Blackrock einen absoluten Sonderstatus in der Finanzwelt verschafft hat: Larry Finks Unternehmen ist nämlich auch zum Berater und zum engen Partner der größten und wichtigsten Zentralbanken der Welt geworden.

Dritter im Bunde: die Zentralbanken

In der Krise von 2007/08 wie auch beim Corona-Crash im März 2020 wandten sich sowohl die US-Zentralbank Federal Reserve (FED) als auch die Europäische Zentralbank (EZB) im Rahmen ihrer Versuche, das System zu stabilisieren, umgehend an BlackRock.

Für Insider ist das kein Wunder, denn die Macht der Zentralbanken bezieht sich ja immer nur auf die Währung, für die sie zuständig sind. BlackRock dagegen ist auf allen Märkten der Welt präsent und verfügt mit Aladdin, für das das Unternehmen im April 2020 eine zukunftsweisende Cloud-Partnerschaft mit Microsoft eingegangen ist, über mehr Informationen als sämtliche Zentralbanken zusammengenommen.

Dass die größten Zentralbanken nun so weit gehen, BlackRock in Krisensituationen bei der Verteilung neu geschaffenen Geldes mit ins Boot zu nehmen, bedeutet allerdings, dass wir es hier mit einer Machtkonzentration zu tun haben, wie es sie in der gesamten Geschichte des Finanzwesens noch nicht gegeben hat.

Wie enorm die Auswirkungen der Partnerschaft des Dreigestirns aus diesen wenigen Digital- und Finanzkonzernen mit den wichtigsten Zentralbanken der Welt sind, war in der Corona-Krise deutlich zu sehen. Als das globale Finanzsystem im März vor einem weiteren Kollaps stand, schufen die Zentralbanken riesige Geldmengen, die anschließend zu einem großen Teil von BlackRock verteilt wurden, dessen Software in den Händen von Microsoft liegt.

Gleichzeitig machte Amazon auf Grund des Lockdowns den bisher größten Umsatz in der Unternehmensgeschichte und stellte in einer Zeit, in der vierzig Millionen US-Amerikaner ihren Job verloren, 175.000 neue Arbeitskräfte ein, während Firmen wie Apple und Alphabet sich weite Teile des äußerst lukrativen neuen Home-Office- und Home-Schooling-Marktes unterwarfen.

Außerdem förderte die Krise den vom Dreigestirn vorangetriebenen Prozess der Abschaffung des Bargeldes und den weiteren Siegeszug von Kryptowährungen und kontaktlosen Bezahlsystemen.

Betrachtet man allein die Machterweiterung, auf die es der digital-finanzielle Komplex in den vergangenen drei Monaten gebracht hat, so muss man feststellen: Hier hat sich eine Kraft gebildet, die den militärisch-industriellen Komplex, den US-Präsident Eisenhower in seiner Abschiedsrede 1960 als „Potenzial für den katastrophalen Aufstieg fehlgeleiteter Macht“ bezeichnet hat, bei weitem in den Schatten stellt.

                                                                            ***

Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.



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