Finanzen

DWN-RECHERCHE - Immer mehr deutsche Banken verlangen Negativzinsen für Sparkonten

Lesezeit: 4 min
15.09.2020 10:10  Aktualisiert: 15.09.2020 10:10
Immer mehr Kreditinstitute in Deutschland führen Strafzinsen ein. Die DWN geben einen Überblick der derzeitigen Marktlage.
DWN-RECHERCHE - Immer mehr deutsche Banken verlangen Negativzinsen für Sparkonten
Deutschlands Sparer sollten sich zunehmend vor Strafzinsen schützen. (Foto: dpa)
Foto: Karl-Josef Hildenbrand

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Die „Verivox Finanzvergleich GmbH“ wertet tagesaktuell die online zugänglichen Preisverzeichnisse von rund 800 Banken und Sparkassen aus. Es gibt auch ein Verzeichnis über alle online verifizierbaren Institute mit Negativzinsen für Privatkunden. Dieses Verzeichnis wächst immer weiter an. Und es erfasst längst nicht alle Fälle. Laut Oliver Maier, Geschäftsführer von Verivox, veröffentlichen nicht alle Banken Strafzinsen in den Preisaushängen. „Viele treffen stattdessen individuelle Vereinbarungen mit ihren vermögenden Kunden.“

Bei zahllosen Banken zahlt man außerdem schon indirekt (gedeckelte) Negativzinsen über Kontoführungsgebühren, vor allem auf Girokonten. Kontoführungs-Gebühren gab es früher so gut wie nie, mittlerweile stellen sie keine Seltenheit mehr dar.

Die Erhöhung des Strafzinsen durch die EZB (von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent) vor fast genau einem Jahr war der Startschuss für die zunehmende Verbreitung von Negativzinsen im Bankensektor: „Für viele Banken war die Zinssenkung die Initialzündung, um selbst Negativzinsen in ihrem Privatkundengeschäft durchzusetzen“, so Oliver Maier.

126 Kreditinstitute erheben laut Verivox verifizierbare Negativzinsen auf kurz- bis mittelfristige Einlagen. Noch vor einem Jahr waren es 13. Innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl der Banken, die Negativzinsen verlangen, also fast verzehnfacht.

Die Strafzinsen betragen meist minus 0,5 Prozent. Die Freibeträge sind sehr unterschiedlich, am häufigsten (bei 52 der 126 Banken) sind es 100.000 Euro.

Negativ heben sich die VR-Banken in Hameln-Stadthagen und Westmünsterland hervor sowie die Steyler Bank (eine Umweltbank): Bei diesen Instituten gibt es keine Freibeträge, schon der erste Euro wird negativ verzinst.

Als besonders milde erweisen sich die Sparkasse in Rotenburg-Osterholz sowie die VR-Banken Dresden-Bautzen, Ellwangen und Ostalb. Bei diesen Instituten werden erst über einem Sparbetrag von über einer Million Euro Negativzinsen erhoben.

Die Berechnungs-Grundlage für die Freibeträge ist unterschiedlich. Manchmal beziehen sich die Negativzinsen nur auf Tages- und Festgeldkonten, manchmal werden pro Kunde Tagesgeld und Girokonto zusammengezählt und teilweise wird der Anlagebetrag aller Privatkonten kumuliert betrachtet.

Banken können Negativzinsen nicht einseitig einführen

Bei Einführung von Negativzinsen sind zunächst nur Neukunden, die nach dem Einführungsdatum der Negativzinsen ein Konto eröffnet haben, betroffen.

„Will eine Bank auch von ihren Bestandskunden Negativzinsen erheben, muss sie das mit den Betroffenen individuell vereinbaren“, sagt Oliver Maier. „In diesem Fall raten wir zum Wechsel.“

Bei diesen Banken zahlen Sie Negativzinsen:

Genossenschaftsbanken

85 Volks- und Raiffeisenbanken

3 PSD-Banken

Sparda Bank Berlin

22 verschiedene Sparkassen

Sonstige Universalbanken

Augsburger Aktienbank

Commerzbank und Comdirect

(Laut Verivox sind die Negativzinsen bei der Comdirect nicht im Preisverzeichnis angegeben. In dieser Mitteilung auf der Comdirect-Website heißt es aber, dass diese am 17.01.2020 eingeführt wurden)

Deutsche Bank

Erfurter Bank

Norisbank

Oldenburgische Landesbank

Postbank

Solarisbank

Öko-Banken

Ethik-Bank

GLS-Bank

Steyler Bank

Tridos Bank

Umweltbank

Man sieht: Den Negativzinsen kann man kaum noch entrinnen. Die meisten Deutschen sind Kunden von Sparkassen oder Genossenschaftsbanken. Für den Großteil dieser Institute gibt es zwar keine Negativzinsen. In der Zukunft kann sich das aber schnell ändern, und da zahlreiche Schwesterbanken diesen Schritt bereits gegangen sind, ist damit zu rechnen, dass andere Schwesterbanken über kurz oder lang folgen werden.

Wer nicht bei lokalen Sparkassen oder Genossenschaftsbanken ist, der ist oft bei der Postbank oder der Commerzbank, die den Kunden jetzt schon flächendeckend negative Zinsen auferlegen.

Als Ergänzung also hier eine Liste ausgewählter Banken, die keine Negativzinsen verlangen, zumindest nicht online verifizierbar (siehe oben):

Universalbanken

Die Mehrheit der rund 850 VR-Banken

Die Mehrheit der 376 Sparkassen

11 der 14 PSD-Banken

10 der 11 Sparda-Banken

Credit Plus Bank

Degussa-Bank

Hypo-Vereinsbank

Targobank

Öko-Banken

KD-Bank

Oikocredit

Direktbanken

DKB

Consorbank

ING-DiBa

N26

Bei der ING-DiBa beispielsweise denkt man aber bereits unterschwellig über eine Einführung nach: „Wir beobachten die Marktentwicklung aber sehr genau und sehen, dass immer mehr Banken ein Verwahrentgelt für Neukonten einführen. Dementsprechend bereiten wir uns vor, auf diese Marktentwicklungen zu reagieren“, wird Finanzvorstand Norman Tambach zitiert.

Hintergrund:

Hintergrund der zunehmenden Verbreitung von Negativzinsen ist der negative Einlage-Zinssatzes bei der Zentralbank (derzeit minus 0,5 Prozent). Die Banken sehen sich zunehmend gezwungen, diesen an die Kunden weiterzureichen.

Indexierte Zinssätze

Die von der EZB durch ihre Marktoperationen und ihre Kommunikation entlang der ganzen Zinskurve bis in den langen Bereich gedrückten Marktzinssätze wirken sich im Euroraum so aus, dass die Kreditsätze der Banken entsprechend unter Druck geraten. Typischerweise werden Kreditsätze entweder als sogenannte „Floater“ regelmäßig (meist alle drei Monate) an die Marktsätze mit einem vordefinierten Aufschlag oder Spread angepasst. Oder alternativ werden sie bei der Neuvergabe von Festkrediten mit einem Aufschlag gegenüber den Marktsätzen vergeben. Bleiben die Marktsätze lange im negativen Bereich, passt sich die Durchschnittsverzinsung der Bankkredite allmählich diesem niedrigen Niveau an. Die Banken haben dann keine andere Wahl, als die Verzinsung ihrer Depositen ebenfalls nach unten zu drücken. Sie erleben sonst eine Kompression der Zinsmarge. Diese könnte im Extremfall sogar negativ werden.

Der Druck zu negativen Einlagenzinsen ist dort besonders groß, wo auch langfristige Kredite hauptsächlich als Floater vergeben werden. Das ist im Euroraum vor allem in den Peripherieländern wie Italien, Spanien oder Portugal der Fall. In Deutschland werden langfristige Kredite eher fest verzinst. Doch nach Jahren von Negativzinsen und einem unveränderten Ausblick auf solche kommen die Banken nicht mehr umhin, die Einlagenzinsen anzupassen.

Interbankenmarkt stark überkauft

Die Zinsen am Interbankenmarkt sind unter anderem vom Leitzins der EZB verknüpft. Dieser beträgt momentan null Prozent. Zu diesem Zinssatz können sich Banken Basisgeld bei der EZB leihen. Teilweise bekommen sie sogar Geld, wenn sie sich Geld bei der EZB beschaffen (die DWN berichteten). Noch stärker sind die Interbanken-Zinsen mit der oben angesprochenen Einlagefazilität korreliert.

Durch die EZB-Anleihe-Kaufprogramme wurde die Überschussliquidität des Bankensystems zusätzlich massiv ausgedehnt. Diese Liquidität muss zum Teil sowieso kurzfristig als Basisgeld bei der Zentralbank geparkt werden, um beispielsweise Kontoinhabern Bargeldauszahlungen zu ermöglichen. Weil jetzt noch Alternativen wie die kurzfristige Anlage am Interbankenmarkt durch einen Nachfrageüberhang ins Negative gerutscht sind, können die Banken nicht mehr ausweichen und müssen die Überschuss-Gelder bei der EZB negativ verzinsen lassen, was einen zusätzlichen Druck auf die Einlagensätze auslöst.

Konsequenterweise nähern sich die Übernacht-Zinsen bei der EZB (minus 0,5 Prozent) und am Interbankenmarkt („Euribor“-Overnight-Zinssatz aktuell bei minus 0,469 Prozent) immer mehr an.

Nachfolgende Grafik zeigt die Entwicklung von Einlagefazilität, Leitzins und Ein-Wochen-Euribor seit Mitte 2012:

Hier bei den DWN geben wir eigentlich keine Anlage-Empfehlungen: Trotzdem weisen wir daraufhin, dass im Kontext einer zunehmenden Verbreitung von Negativzinsen in Kombination mit den Risiken von Einlagenverlusten in Folge von drohenden deflatorischen Bankenpleiten (siehe hierzu auch unser jüngster Artikel zum Zustand der deutschen Banken) und inflatorischen Geldentwertungen (diesem Thema widmen wir einen Artikel in unserem Oktober-Magazin) das Parken von sehr viel Liquidität – gerade in längerfristigen Einlagen – vielleicht nicht die beste Idee ist.


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