Technologie

China baut eigene Wertschöpfungsketten im Bereich Hochtechnologie auf

Lesezeit: 3 min
05.10.2020 11:25  Aktualisiert: 05.10.2020 11:25
Als Reaktion auf die von der US-Regierung verhängten Sanktionen vertieft China seine strategische Autonomie im Technologiebereich. Die seit einiger Zeit zu beobachtende Abkopplung der beiden Supermächte wird dadurch beschleunigt.
China baut eigene Wertschöpfungsketten im Bereich Hochtechnologie auf
Einen Test-Wafer im 3D Design präsentiert das Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration auf der Halbleitermesse Semicon in Dresden im Jahr 2013. (Foto: dpa).
Foto: Matthias Hiekel

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  
Technologie  
China  
USA  
Huawei  

Als Reaktion auf die verschärften Sanktionen in den USA hat der weltgrößte Netzwerkausrüster und zweitgrößte Smartphone-Hersteller der Welt, Huawei, seine Investitionen in China ausgebaut. Die von Huawei ins Leben gerufene Investmentgesellschaft Habo habe sich seit August 2019 an 17 chinesischen Chipfirmen und anderen Technologieunternehmen beteiligt, geht aus öffentlichen Unterlagen hervor.

Habo wurde von Huaweis amtierendem Chairman Guo Ping etabliert, um Lieferketten abzusichern. Analysten zufolge dürften sich die Investitionen allerdings erst in der Zukunft auszahlen und aktuell kaum gegen mögliche Engpässe helfen. Chinas Halbleitersektor hinkt den Märkten in den USA, Südkorea und Taiwan hinterher. Erst am 15. September traten neue Sanktionen in Kraft, die es US-Unternehmen untersagen, Huawei mit Produkten zu beliefern und dem Unternehmen Dienstleistungen anzubieten.

Insider: China baut eigene Wertschöpfung bei Halbleiterchips auf

Die Regierung will die heimische Chipindustrie darüber hinaus auch insgesamt stärken. Dieses Thema werde bei den anstehenden Beratungen zum neuen Fünf-Jahresplan der Regierung im kommenden Monat auf der Agenda stehen, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg Anfang September unter Berufung auf angeblich mit der Sache vertraute Personen. Konkret gehe es um Pläne für Chips der dritten Generation, die bis zum Jahr 2025 sowohl Strategien für Forschung als auch Finanzierung der Industrie beinhalteten.

Die chinesische Regierung selbst äußerte sich bisher nicht zu dem Thema. Laut Insidern will China zum einen die Inlandsnachfrage ankurbeln, aber künftig auch kritische Technologien verstärkt selbst entwickeln. Chinas Präsident Xi Jinping soll demnach bereits rund 1,4 Milliarden US-Dollar (knapp 1,2 Milliarden Euro) für wichtige neue Technologien zugesagt haben.

China ist bei der Versorgung mit Halbleitern derzeit auf das Ausland angewiesen - pro Jahr kauft das Land noch immer Chips im Wert von 300 Milliarden Dollar von den USA. Allerdings ist die Versorgung durch die USA bedroht: Die Vereinigten Staaten haben Dutzende chinesische Firmen auf eine schwarze Liste gesetzt, damit sie keine Zulieferungen mehr erhalten. Auch der Mobilfunkriese Huawei ist davon betroffen. Seit Mitte August dürfen an Huawei grundsätzlich keine Chips mehr geliefert werden, die mit Hilfe amerikanischer Software entworfen oder mit amerikanischer Technik gefertigt wurden. Damit sind auch Produkte europäischer Halbleiterfirmen wie NXP oder STMicroelectronics betroffen.

Betriebssystem HarmonyOS soll US-Sanktionen abfedern

Huawei hatte Mitte September eine Reihe von neuen Produkten angekündigt, die teilweise auch Technologie aus den USA enthalten. Das Unternehmen stellte auf seiner Entwicklerkonferenz weiterhin eine komplett überarbeitete Version seines Betriebssystems HarmonyOS vor, die im kommenden Jahr für Smartphones verfügbar sein soll – die Entwicklung von HarmonyOS ist ebenfalls eine Folge der US-Sanktionspolitik. Das System wurde im August 2019 als Gegenmaßnahme zu den US-Handelsbeschränkungen für Hardware und Software vorgestellt. Huawei darf in seinen neuen Geräten nämlich nicht mehr das Android-Betriebssystem mit Google-Diensten verwenden. Die Chinesen wichen daraufhin zunächst auf die Open-Source-Version von Android aus und entwickelten parallel dazu HarmonyOS.

Richard Yu, der Chef der Consumer Business Group von Huawei, sagte, HarmonyOS 2.0 werde künftig auch für Smartwatches und Fernseher zu Verfügung stehen. Der Konzern tritt damit direkt gegen Google und Apple an und versucht, sich auch außerhalb Chinas mit selbst entwickelter Technik als dritte Kraft am Markt zu etablieren. Auf der Konferenz im südchinesischen Dongguan kündigte er überdies eine chinesische App-Allianz an, mit der die Vermarktung von Anwendungen aus China im Ausland jenseits der App-Stores von Apple und Google gefördert werden soll.

Inzwischen verfügt Huawei mit den selbst entwickelten Huawei Mobile Services über einen fast vollständigen Ersatz für die Google-Dienste. Bestimmte Funktionen sind allerdings noch nicht verfügbar. So müssen die neuen Smartphone-Modelle von Huawei ohne die Bezahlfunktion Google Pay auskommen, die sonst auf modernen Android-Smartphones verfügbar ist.

Von den Exportbeschränkungen sind auch Unternehmen außerhalb der USA betroffen, weil sie selbst US-Technologie einsetzen. Dazu gehören beispielsweise Chiphersteller rund um den Globus. So berichteten Medien in Südkorea, dass die koreanischen Tech-Riesen Samsung und SK Hynix wegen der US-Sanktionen keine Chips mehr an Huawei liefern werden.

Bei den neuen Notebooks kommt trotz des US-Embargos Technik aus den USA zum Einsatz. So steckt im neuen Huawei MateBook 14 der leistungsstarke Chip Ryzen von AMD aus Kalifornien. Im neuen Huawei MateBook X, einem besonders leichten und schmalen Notebook, ist wiederum ein aktueller Core-i5-10210-U-Prozessor des US-Chipgiganten Intel enthalten.

Lesen Sie dazu auch:

„Die Welt wird in zwei Blöcke zerfallen – mit konkurrierenden Technologien, Industrien und Transportkorridoren“

Geburt einer neuen Weltordnung: Zerfällt der Globus in einen amerikanischen und einen chinesischen Machtblock?

Trump treibt die technologische Abkopplung der USA von China voran

Technologische Abkopplung: Chinas Behörden ersetzen ausländische Software durch einheimische Systeme


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Kampf gegen Inflation: Die EZB steuert auf eine neue Eurokrise zu

Die EZB ist in der Zwickmühle. Wenn sie die Inflation bekämpfen will, muss sie ihr Anleihekaufprogramm stoppen. Doch schon die bloße...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Bargeld-Verbot: Edward Snowden warnt vor „digitalem Finanz-Faschismus“

Ohne Bargeld wäre es Edgard Snowden niemals gelungen, zu fliehen – und die Welt über die Überwachungspraktiken der US-Geheimdienste zu...

DWN
Politik
Politik Kriegsgefahr: Kann China den USA Paroli bieten?

Wie schlagkräftig ist die chinesische Armee? Trotz gigantischem Rüstungsbudget ist die Antwort schwer einzuschätzen. Warum die...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Die selbsterfüllende nächste Rezession – und ihre Parallelen zur „großen Depression“

Die Stimmungslage unter den Verbrauchern ist so niedrig wie noch nie. Ein Wirtschaftsabschwung ist nicht mehr aufzuhalten – es droht...

DWN
Technologie
Technologie US-Sanktionen kurbeln Chinas Chip-Industrie kräftig an

Die US-Sanktionen gegen China scheinen ihren Zweck zu verfehlen. Ex-Google-Chef Eric Schmidt warnt sogar: "Amerika steht kurz davor, den...

DWN
Deutschland
Deutschland Ostdeutschland könnte zur neuen Industrie-Hochburg der Bundesrepublik werden

Lange galten die neuen Bundesländer wirtschaftlich betrachtet als Sorgenkinder. Doch mit dem Einzug mehrerer Big Player der...

DWN
Finanzen
Finanzen Japans Notenbank droht Crash der globalen Finanzmärkte auszulösen

Namhafte Spekulanten wetten massiv auf einen Zinsanstieg in Japan, da die Notenbank keine andere Wahl zu haben scheint. Doch die globalen...

DWN
Deutschland
Deutschland Hilflos auf dem Weg in die nächste Flutkatastrophe

Mit dem Juli 2022 wird die Erinnerung an die Flutkatastrophe im Juli des vergangenen Jahres wach. Schon mehren sich die Anzeichen, dass...