Deutschland

Blühende Landschaften: Ostdeutschland entwickelt sich zum Zentrum der europäischen Elektro-Mobilität

Ostdeutschland steht eine glänzende Zukunft bevor: Das sagt die Ökonomin Dalia Marin.
Autor
avtor
22.10.2020 09:35
Lesezeit: 3 min
Blühende Landschaften: Ostdeutschland entwickelt sich zum Zentrum der europäischen Elektro-Mobilität
Brandenburg: Frühling im Spreewald. (Foto: dpa) Foto: Patrick Pleul

Anfang dieses Monats beging Deutschland den 30. Jahrestag seiner Wiedervereinigung. Nach Jahren der Frustration und Düsternis verspürt der schwer geprüfte Osten – die ehemalige DDR – endlich neue Hoffnung. Dies liegt an großen neuen Investitionen in die Fertigung von Elektrofahrzeugen.

Ostdeutschland entwickelt sich rasch zum europäischen Zentrum künftiger Elektromobilität. VW produziert seinen ID.3 in Zwickau und Dresden. BMW fertigt seinen i3 in Leipzig, während das chinesische Unternehmen CATL Fahrzeug-Akkus für BMW in einem Werk in Thüringen in der Nähe von Erfurt produzieren wird. Ein weiteres chinesisches Unternehmen, Farasis Energy, wird in Sachsen-Anhalt Fahrzeug-Akkus für Mercedes-Benz herstellen. Und darüber hinaus hat Tesla im vergangenen Jahr Pläne zur Herstellung von Elektroautos und Akkus in einer neuen „Gigafabrik“ in Brandenburg (in der Nähe von Berlin) angekündigt – im Juni nächsten Jahres soll die Produktion starten.

Kluge Industriepolitik

Warum zieht es all diese Unternehmen nach Ostdeutschland – und warum gerade jetzt? Die hohen Löhne in der Region, insbesondere im Vergleich zu denen in Osteuropa, hatten Ostdeutschland lange zu einem unattraktiven Investitionsstandort gemacht. Doch zwei politische Ankündigungen der jüngsten Zeit haben diese Dynamik verändert.

Erstens enthüllte Wirtschaftsminister Peter Altmaier im Februar 2019 seine „nationale Industriestrategie 2030“, die unter anderem die Aufnahme der Akku-Produktion in Deutschland und andernorts in Europa fordert. Seine Ankündigung folgte auf den Start der „European Battery Alliance“ durch die Europäische Kommission 2017. Dieses Programm zielt auf die Schaffung eines wettbewerbsfähigen europäischen Batterie-Sektors ab. Im weiteren Jahresverlauf 2019 stellte die Kommission dann Battery 2030+ vor, eine langfristige Initiative, die Forschungseinrichtungen, die Industrie und öffentliche Finanzierungseinrichtungen zusammenführt.

Dieses Engagement der Europäischen Union und der Bundesregierung löste einen staatlich angestoßenen Prozess der Agglomeration aus. Die Hersteller von Elektrofahrzeugen haben jetzt einen Anreiz, sich in Deutschland und anderen europäischen Länder anzusiedeln, um näher an anderen Akku-Herstellern und an Produktionsstandorten für wichtige Vorleistungsgüter für die Akku-Produktion dran zu sein.

Kluge Subventionspolitik

Zweitens zielt der von EU-Präsidentin Ursula von der Leyen eingeleitete europäische Green Deal darauf ab, Regionen beim Kohleausstieg zu unterstützen, und zwar auch durch Bereitstellung von Subventionen zur Abfederung der wirtschaftlichen Auswirkungen. Deutschland weist einige der weltgrößten Kohlevorkommen auf, zwei Drittel davon liegen in Sachsen und Brandenburg. Die EU-Finanzierung im Rahmen des Green Deal versetzt die ostdeutschen Länder in die Lage, hohe Subventionen anzubieten, um die Akku-Hersteller in die Region zu locken.

Im Verbund mit den Finanztransfers aus der EU hat das Bekenntnis der Bundesregierung zu Elektroautos Ostdeutschland eine neue Chance zur Reindustrialisierung eröffnet und damit zur Schaffung von Wohlstand und Stolz. Und wenn die Automobil-Unternehmen ihre Lieferketten in ihrer Nähe ansiedeln, wird das weitere Firmen nach Ostdeutschland holen. Die im Inland produzierten Elektrofahrzeuge werden billiger werden, wenn die Konkurrenz zwischen den Herstellern zunimmt und Akkus nicht mehr aus Asien importiert werden müssen. Und schließlich wird eine erhöhte lokale Nachfrage nach Arbeitskräften die Einkommen in die Höhe treiben.

Dies ist eine wichtige Entwicklung. Ostdeutschland hat seit dem Zusammenbruch des Kommunismus drei Jahrzehnte lang unter Deindustrialisierung gelitten, was überwiegend auf schlechte politische Entscheidungen zurückzuführen war. Vor der Wiedervereinigung im Oktober 1990 entschied die damalige Bundesregierung, den Handel mit der DDR über Nacht zu liberalisieren, und die Ostmark wurde im Verhältnis 1:1 in D-Mark umgetauscht. Die Währungsreform führte dazu, dass die ostdeutschen Löhne auf 70 Prozent des westdeutschen Niveaus stiegen, obwohl die Produktivität im Osten nur 30 Prozent der des Westens betrug. Dies führte zum sofortigen Bankrott der ostdeutschen Industrie.

Die Treuhand: Gut für Ostdeutschland

Die Treuhandanstalt, eine neue, von der DDR-Regierung eingerichtete Behörde, privatisierte und verkaufte ostdeutsche Firmen und Vermögenswerte, häufig zu einem symbolischen Preis von einer DM, im Tausch gegen Arbeitsplatzgarantien an westliche Unternehmen. Diese enorme Subvention gab westlichen Firmen einen Anreiz, in den Osten zu gehen, obwohl die Region ihren komparativen Kostenvorteil niedriger Löhne eingebüßt hatte. Gut eingefangen wird die angespannte politische Atmosphäre jener Tage durch die hervorragende Netflix-Serie Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit, die die Ermordung des ersten Treuhandchefs Detlev Rohwedder im Jahre 1991 dokumentiert.

Die Bundesregierung machte dann den Fehler, die Treuhand aufzulösen, nachdem diese fast alle ostdeutschen Firmen an westliche Investoren verkauft hatte. Ohne die Subventionen der Behörde versiegten die Investitionen in Ostdeutschland, und die Konvergenz der Region in Richtung des westdeutschen Pro-Kopf-Einkommensniveaus stockte.

Deutschlands holperiger Wiedervereinigungsprozess wurde durch zwei falsche Narrative geprägt. Das erste war, dass die Treuhand Ostdeutschland verraten habe, indem sie wertvolle Vermögenswerte an westliche Unternehmen verschenkte. Doch diese Geschenke waren notwendige Subventionen, um Firmen dazu zu bewegen, in eine Region zu kommen, die im Gefolge der Währungsreform ihren Kostenvorteil eingebüßt hatte.

Blühende Landschaften

Das zweite schädliche Narrativ war, dass Ostdeutschland der Welt nichts zu verkaufen hatte und einen minderwertigen Fertigungssektor hatte. Doch die Region hatte nichts zu verkaufen, weil die Währungsreform sie des Kostenvorteils beraubt hatte, den Länder mit ähnlichem Entwicklungsniveau normalerweise genießen. Dieses Narrativ hatte eine schädliche Wirkung auf die ostdeutsche Psyche, weil die Menschen plötzlich das Gefühl hatten, in einer Marktwirtschaft nichts wert zu sein. Ihr Selbstwertgefühl war im Kommunismus vermutlich höher, weil die DDR im Ostblock als Fertigungspionier galt und erfolgreich in andere osteuropäische Länder exportierte.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl versprach dem Osten 1990 „blühende Landschaften“. Viele haben diese Vision lange als zu optimistisch betrachtet, und noch hat sie sich nicht eingestellt. Doch wenn er sich zu einem Kraftzentrum im Bereich der Elektromobilität entwickelt, kann der Osten zum ökologischen Wandel beitragen und beweisen, dass Kohl Recht hatte.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Dalia Marin ist Volkswirtschafts-Professorin und leitet das „Seminar für Internationale Wirtschaftsbeziehungen“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Copyright: Project Syndicate, 2020.

www.project-syndicate.org

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Dalia Marin

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Dalia Marin ist Professorin für Internationale Wirtschaftswissenschaften an der Managementschule der Technischen Universität München und Research Fellow am Centre for Economic Policy Research.

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