Politik

China ist überlegen - Europa und die USA müssen dies endlich anerkennen

Lesezeit: 4 min
29.11.2020 11:00
Der deutsche Ökonom Daniel Gros stellt eine provokante These auf: Chinas Aufstieg hat kaum etwas damit zu tun, dass der Staat die Wirtschaft massiv fördert und damit das freie Spiel der Kräfte aushebelt. Stattdessen nutzen die Chinesen ihre Ressourcen einfach besser als der Westen.
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Frühsport in Shanghai. (Foto: dpa)
Foto: Ole Spata

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Wahlen neigen dazu, Unterschiede in den Vordergrund zu rücken. Das trifft mit Sicherheit auf die jüngste Präsidentschaftswahl in den USA zu, deren Auszählung derzeit noch läuft. Sie gehört zu den umkämpftesten Wahlen in der Geschichte des Landes, und ihr Ausgang wird profunde Auswirkungen auf viele Aspekte der US-Politik haben. Ein Thema jedoch gibt es, bei dem sich beide Parteien einig zu sein scheinen: Die Notwendigkeit, China zu „stoppen“.

Die US-Regierung – und zunehmend auch die Europäische Kommission – sind inzwischen weitgehend der Ansicht, dass China seine wirtschaftlichen und technologischen Erfolge auf unfaire Weise erreicht hat, und zwar dank des allgegenwärtigen Einflusses der Regierung auf die chinesische Wirtschaft (etwas, was in westlichen Gesellschaften in dieser Form ja nicht möglich ist). Geostrategen propagieren häufig diese Sichtweise, weil sie glauben, dass eine Regierung ihrem Land technologische Überlegenheit ganz einfach dadurch sichern kann, indem sie in die jeweils „angesagten“ Sektoren investiert.

Es ist gar nicht der Staat

Doch zeigt eine gründlichere Analyse, dass dies so nicht zutrifft. Die erfolgreichen großen wirtschaftlichen Entwicklungspläne orientieren sich an den bestehenden Gegebenheiten und konzentrieren sich weitgehend auf Ziele, die angesichts der wirtschaftlichen Rahmendaten ohnehin erreicht worden wären. Das Erreichen dieser Ziele den staatlichen Eingriffen zuzuschreiben, ist daher unangemessen.

Ein warnendes Beispiel hierfür ist Japan. Während der Phase starken Wachstums in im Japan der Nachkriegsjahre (vor allem in den 1970er und 1980er Jahren) erwarb sich das „Ministerium für Internationalen Handel und Industrie“ (MITI) einen beinahe sagenumwobenen weltweiten Ruf wegen seines scheinbaren Erfolgs, Ressourcen in strategische Sektoren zu lenken. Vielen Ländern wurde geraten, diesem Modell nachzueifern.

Doch in den 1980er Jahren platzte Japans Immobilienblase, und das Wachstum verlangsamte sich deutlich. Wie sich erwies, hatten viele der vom MITI unterstützten Sektoren in Wahrheit keinen Erfolg gehabt. Was das Wachstum in Japan in Wirklichkeit angetrieben hatte, war nicht die Weitsicht des MITI, sondern eine hohe Sparquote und das rasch steigende Bildungsniveau einer disziplinierten Erwerbsbevölkerung – im Wesentlichen dieselben Faktoren, die bisher Chinas Entwicklung angetrieben haben.

Bis vor relativ kurzer Zeit schien sich die chinesische Führung der Grenzen staatlicher Eingriffe bewusst zu sein. Tatsächlich lautete der Rat der Kommunistischen Partei Chinas an die Behörden im Allgemeinen, das staatliche Engagement innerhalb der Wirtschaft zurückzufahren, weil staatseigene Unternehmen im Allgemeinen deutlich weniger effizient sind als private Unternehmen und nur etwa ein Drittel so profitabel.

Und doch hat die chinesische Führung, während sich die staatseigenen Unternehmen im Vergleich zu privaten Unternehmen weiterhin schlechter entwickeln, ihre Sicht in Bezug auf staatliche Eingriffe radikal verändert. Inzwischen ist die gängige Meinung, dass das Land seine Fortschritte – und tatsächlich seine sich abzeichnende globale Dominanz – in einigen Hightech-Sektoren der lenkenden Hand des Staates verdankt.

Sparquote und Bildung

Die wahre Triebkraft hinter Chinas Erfolg jedoch ist seine hohe Sparquote von fast 40 Prozent vom BIP, mehr als doppelt so viel wie in den USA und Europa. Dies verschafft China enorme Ressourcen für Investitionen zur Schaffung der Grundlagen technologischer Vorherrschaft. Insbesondere hat das Land massiv in die quantitative oder qualitative Verbesserung seiner Bildung investiert.

In den weiterführenden Schulen hat China, was den Schulbesuch angeht, schon fast völlig zum Westen aufgeschlossen. Und Tests durch das PISA-Programm der OECD legen nahe, dass die chinesischen Sekundarschüler eine viel höhere Problemlösekompetenz aufweisen als Sekundarschüler in Amerika oder Europa.

Darüber hinaus hat die Hochschulbildung – der wahre Schlüssel zur technologischen Führung – in China während der letzten zwei Jahrzehnte explosionsartige Fortschritte gemacht. Laut der amerikanischen „National Science Foundation“ bringt China inzwischen mehr als doppelt so viele Ingenieure hervor wie die USA sowie mehr nach dem Peer-Review-Verfahren begutachtete naturwissenschaftliche und technologische Veröffentlichungen. In ähnlicher Weise hat China die Europäische Union bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung überholt, und sofern sich die aktuellen Trends fortsetzen, sollte es die USA im Laufe des nächsten Jahrzehnts einholen (einige glauben, dass das bereits passiert ist).

Die USA sehen sich mit dem Schreckgespenst eines technologisch dominanten China konfrontiert – und sind eifrig darauf bedacht, dass sich eine derartige Dominanz nie verwirklicht. Und doch können die USA angesichts von Chinas Rahmendaten kaum etwas tun, um seinen Fortschritt zu behindern oder gar zu stoppen. Huawei ist nur ein Beispiel für ein Unternehmen, das, was die Entwicklung neuer Produkte angeht, von Chinas Reservoir an Millionen von Ingenieuren profitiert hat. Selbst wenn die USA es schaffen, Huawei zu zerstören, werden zwangsläufig viele andere chinesische Hightech-Unternehmen aufkommen, die von denselben Fachkräften beflügelt werden.

Die sogenannte „Dual-Circulation-Strategie“, die Chinas nächsten Fünfjahresplan mitbestimmen wird, steht mit den vorgenannten Rahmendaten perfekt in Einklang. Je mehr Chinas Wirtschaft wächst, desto unabhängiger wird das Land natürlich vom Export, und desto mehr Technologien werden seine neu herangezogenen Ingenieure meistern. Anders ausgedrückt: Die Pläne der Regierung für die kommenden Jahre würden sich vermutlich auch ohne staatliche Eingriffe verwirklichen.

Abkoppelung: Ein kostspieliger Fehler

Die US-Strategie – die bei einer wirtschaftlichen „Abkopplung“ von China ansetzt – hat dagegen kaum Erfolgschancen. Natürlich wäre eine derartige Abkopplung vermutlich möglich. Aber sie wäre auch kontraproduktiv.

Handel impliziert immer gegenseitige Abhängigkeit. Und während die Vorstellung, durch Kappen der Handelsbeziehungen von China „befreit“ zu sein, den USA gefallen mag, würden sie einen hohen Preis für diese Strategie bezahlen. Die chinesischen Lieferanten vom US-Markt auszuschließen, stellt eine stillschweigende Subvention teurerer Produzenten dar. Letztlich entsprächen die Auswirkungen einer Verringerung des bilateralen Handels mit China den Auswirkungen der gescheiterten Zoll-Politik gegenüber China: eine stillschweigende Steuer, die die US-Verbraucher entrichten müssten.

Wofür soll diese Strategie im Endeffekt überhaupt gut sein können? Chinas Zugriff auf wichtige US-Technologien zu begrenzen, könnte kurzfristig einen Unterschied machen, aber es ist unwahrscheinlich, dass es Chinas Entwicklung merklich verlangsamen würde. Das schiere Ausmaß der Human- und Finanzressourcen, die China im Laufe des nächsten Jahrzehnts einsetzen wird, bedeutet, dass es gut aufgestellt ist, viele Hightech-Sektoren zu dominieren, egal ob mit oder ohne Beitrag der USA.

Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Die nächste US-Regierung sollte Chinas fortgesetzten wirtschaftlichen und technologischen Aufstieg akzeptieren. Womöglich gefällt ihr die Vorstellung nicht, dass China die USA überholt – ein Meilenstein, der vermutlich innerhalb des nächsten Jahrzehnts erreicht werden wird. Doch weitere Versuche, dies abzuwenden, wären nicht nur nutzlos, sondern auch sehr kostspielig.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Daniel Gros ist Direktor des Centre for European Policy Studies.

Copyright: Project Syndicate, 2020.

www.project-syndicate.org

DWN-Chefredakteur Hauke Rudolph vertritt eine ganz andere Meinung als Daniel Gros. In Kürze wird er eine Replik veröffentlichen.

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Daniel Gros ist Direktor des Centre for European Policy Studies.


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