Wirtschaft

Die Weltwirtschaft wird sich bis 2025 nicht erholen

Eine Erholung der Weltwirtschaft dürfte bis zum Jahr 2025 nicht eintreten. Mit einer Aufhebung der Mobilitäts-Beschränkungen ist ab dem Jahr 2022 zu rechnen. Nicht die Zentralbanken, sondern staatliche Maßnahmen werden in der kommenden Zeit eine große Rolle bei der Genesung der Volkswirtschaften spielen müssen. Doch an der Digitalisierung und an der vierten industriellen Revolution führt kein Weg vorbei. Beide Bereiche sind mit Chancen und Risiken verbunden.
25.11.2020 16:24
Aktualisiert: 25.11.2020 16:24
Lesezeit: 5 min
Die Weltwirtschaft wird sich bis 2025 nicht erholen
24.03.2020, Hamburg: Containerschiffe liegen an den Terminals in Waltershof im Hamburger Hafen. (Foto: dpa)

Die jüngsten Corona-Infektionszahlen schüren die Befürchtungen eines neuen Abschwungs für die Weltwirtschaft. Diese Entwicklung führt einen enormen Druck auf Zentralbanken und Regierungen aus, die darauf aus sind, krampfhaft die Nachfrage anzukurbeln. Es besteht die Hoffnung, dass Corona-Impfstoffe im Dezember 2020 auf den Markt kommen werden, aber die Verbreitung wird Monate dauern und die Infektionszahlen nehmen in vielen großen Volkswirtschaften wieder zu. Die Behörden legen weitere Beschränkungen fest, um die Ausbreitung des Corona-Virus auf Kosten einer schwachen Wirtschaftstätigkeit zu begrenzen. Obwohl der Anstieg der US-Geschäftstätigkeit eine positive Stimmung herbeigeführt hatte, rechtfertigen die am Montag veröffentlichten europäischen Fabrikindizes eine ernsthafte Besorgnis, so die Japan Times. Unterdessen streiten sich Politiker von den USA bis nach Europa darüber, wie viel und was sie tun sollen, um ihre Volkswirtschaften zu stabilisieren.

Vom Wunsch einer baldigen „wirtschaftlichen Genesung“ sollten sich Politikmacher und Ökonomen distanzieren. Der Handels- und Industrieminister von Singapur, Chan Chun Sing, sagte am Montag: „Obwohl der Fortschritt der Impfstoffentwicklung sehr aufregend ist, wird es nicht die schnelle Lösung sein, auf die viele gewartet haben. Es wird Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis genügend Dosen produziert und ein Großteil der Weltbevölkerung geimpft ist.“

In einem solchen Umfeld, in dem sich die Europäische Zentralbank (EZB) darauf vorbereitet, ihre Geldpolitik im nächsten Monat zu lockern, könnte die US-Notenbank Fed den größten Teil ihrer Anleihekäufe auf langfristige Wertpapiere konzentrieren, um die Zinssätze zu senken. Es gibt jedoch Bedenken, dass den Zentralbanken der Spielraum für ein entschlossenes Handeln ausgeht und dass noch bessere finanzielle Bedingungen nicht zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führen werden. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt unter anderem davor, dass steigende Vermögenspreise möglicherweise von der Realwirtschaft abgekoppelt werden und somit die Finanzstabilität gefährden könnten.

Yellen will sich nicht auf Zentralbanken verlassen

Die frühere Fed-Präsidentin Janet Yellen, die von Joe Biden zur künftigen Finanzministerin ernannt wurde, erklärte gegenüber dem „New Economic Forum“ von Bloomberg, dass „Ersparnisschwemme“ und Investitionsknappheit“ die Hauptprobleme der Industrieländer seien. Yellen sagte: „Um ein gesundes Wachstum zu erzielen, müssen wir eine Finanzpolitik und eine Strukturpolitik haben – abgesehen davon, dass wir uns nur auf Zentralbanken verlassen“. Dadurch wollte Yellen offenbar den Beginn von umfassenden fiskalpolitischen Maßnahmen andeuten. Schließlich können die Zentralbanken nicht endlos den Leitzins senken.

Doch sie machte auch mit dem Hinweis auf die „Ersparnisschwemme“ deutlich, dass sie mit dem Überfluss an Ersparnissen der Industrieländer - unter anderem im Zusammenhang mit den Währungsreserven – unzufrieden ist. Dies wiederum stellt eine direkte Verbindung zu den Schwellenländern dar, weil oftmals ein großer Anlagebedarf der Schwellenländer die „Ersparnisschwemme“ in den Industrieländern auslösen.

Die Wahrheit ist, dass die Finanzpolitik in den USA und in Europa keine Eile bei irgendwelchen „Rettungsmaßnahmen“ gezeigt hat, was im Widerspruch zu den politischen Bekundungen steht. Die Gesetzgeber in den USA sind sich immer noch uneins darüber, wie viel ausgegeben werden soll. Andererseits hat das Finanzministerium unter Donald Trump in der vergangenen Woche die Fähigkeit der Fed, einige Kreditmärkte zu unterstützen, herabgestuft. Trump will zudem einen Teil der Corona-Hilfsprogramme der Fed nicht verlängern, was erstaunlicherweise mit dem Absatz von Yellen, wonach man sich nicht nur auf die Zentralbanken verlassen dürfe, harmoniert.

Und was passiert in Europa? Dort werden Hilfen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro durch einen Kampf um die politische Kontrolle verzögert. Polen und Ungarn hatten die Verabschiedung des Corona-Hilfspakets aus politischen Gründen blockiert. Gilles Moec, Chefökonom bei AXA, sagt dazu: „Da die Zentralbanken überall die zentrale Rolle der Finanzpolitik bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie anerkennen, haben die Regierungen gleichzeitig Schwierigkeiten, die nächste Säule ihrer Anreize umzusetzen“. Moec verzichtet offenbar aus Höflichkeitsgründen darauf, die Worte „politische Unzulänglichkeit“ in den Mund zu nehmen.

Wegen den zunehmenden Infektionen in den USA haben JPMorgan-Analysten für das nächste Quartal einen wirtschaftlichen Rückgang prognostiziert. Aktuelle Daten zeigen, dass mehr Menschen Arbeitslosengeld beantragen und weniger in Restaurants essen. Robert Kaplan, Präsident der Fed von Dallas, sagte in der vergangenen Woche gegenüber Bloomberg Television, dass es zu einem negativen Wachstum kommen könnte, wenn die Zunahme der Infektionen schlimmer wird und die Wirtschaftsaktivität weiterhin abnimmt.

Frühe Einkaufsmanager-Indizes zeigten, dass sich Japans Fertigungs- und Dienstleistungssektor im November schneller verschlechterte, was Bedenken hinsichtlich der Stärke der Erholung aufkommen ließ. Japans Premier Yoshihide Suga hat ein drittes zusätzliches Budget gefordert, um die Wirtschaft auf dem Weg zum Wachstum zu halten.

Bei den Wochenendtreffen des IWF und der G20 warnte er, dass die wirtschaftliche Genesung trotz positiver Nachrichten über Impfstoffe nicht eintreten könnte. China ist hingegen die einzige große Volkswirtschaft der Welt, die im Jahr 2020 tendenziell wächst, da die frühzeitige Kontrolle des Virus durch die Regierung eine Lockerung des Lockdowns ermöglicht hatte. Der scheinbaren Erholung des Welthandels ist nicht zu trauen, da sie aufgrund der Pandemie nach wie vor anfällig ist für unvorhergesehen Ereignisse.

Der Fed-Vorsitzende Jerome Powell und die EZB-Vorsitzende Christine Lagarde gehören zu den Zentralbankern, die wegen der Nachrichten über erfolgreiche Impfstoffversuche vor einer Begeisterung an den Aktienmärkten gewarnt haben. Der Hauptgrund für diese Vorsicht liegt in der Tatsache, dass die Weltbevölkerung so weit geimpft werden muss, dass die Mobilitäts-Beschränkungen beendet werden können. Schließlich spielen diese Mobilitäts-Beschränkungen die Hauptrolle bei der Verlangsamung des weltweiten Wachstums. Die Ankündigung eines Impfstoffs mag Marktoptimismus auslösen, wird aber vorerst keine Öffnung der Volkswirtschaften nach sich ziehen. Wer etwas anderes behauptet, liegt falsch. Die negative Haltung der Europäischen Zentralbank ist maßgeblich für das Anleiheaufkaufprogramm in Höhe von 1,35 Billionen Euro. Auf der kommenden Sitzung des EZB-Rats am 10. Dezember 2020 könnte eine Ausweitung des Programms beschlossen werden.

Eine Erholung der Weltwirtschaft liegt in weiter Ferne

Der Chefökonom der EZB, Philip Lane, sagte in einem Interview mit Les Échos: „Der Impfstoff bietet mehr Einblicke in das, was Ende nächsten Jahres passieren könnte und wie das Jahr 2022 aussehen wird, jedoch gilt dies nicht für die nächsten sechs Monate. Und die Situation wird sich in den letzten Wochen des Jahres 2020 nicht wesentlich verbessern.“

Ein Blick auf die Industrie löst einen pessimistischen Blick auf die mittelfristige Zukunft aus. Es finden zahlreiche Entlassungswellen statt. Während Boeing die geplanten Entlassungen fast verdoppelt hat, warnte die Adidas AG davor, dass erneute Corona-Sperren die Gewinne erneut drücken und die jüngste Umsatzerholung schnell beenden würden, berichtet die Japan Times. ThyssenKrupp muss zusätzlich zum geplanten Jobabbau weitere 5000 Stellen streichen, womit sich die geplanten Entlassungen auf 11.000 erhöhen werden. Ob staatliche Einstiege bei deutschen Unternehmen ein Patentrezept darstellen, um Massenarbeitslosigkeit und Konkurse zu verhindern? Es stellt zumindest eine Option dar, auf die die Bundesregierung zurückgreifen könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintritt, wird sich in den kommenden Monaten erhöhen. Doch die Große Koalition muss hier mit einer einheitlichen Stimme sprechen, um keine Verwirrung auf den Märkten auszulösen.

Die Analysten von JPMorgan sind zuversichtlich, dass eine neue finanzielle Unterstützung von insgesamt einer Billion US-Dollar in den USA und der Impfstoff ausreichen werden, um Mitte 2021 ein Wachstum von mehr als fünf Prozent zu erzielen. Hier ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen. Denn selbst dann wird das Erbe der Rekordverschuldung und der hohen Arbeitslosigkeit weiter bestehen.

Ökonomen der ABN Amro Group NV gehen davon aus, dass die weltweiten Mobilitäts-Beschränkungen bis 2022 anhalten werden. „Erst dann kann die Weltwirtschaft einen Wachstumsschub einleiten“, zitiert Bloomberg die Chefökonomin Sandra Phlippen aus einem Bericht. Im Kern kann dieser Aussage zugestimmt werden. Doch die Aufhebung der Mobilitäts-Beschränkungen wird keinen plötzlichen Wachstumsschub auslösen können, weil wir zum aktuellen Zeitpunkt nicht wissen, welche und wie viele Unternehmen der Corona-Krise zum Opfer fallen werden. Denn ein möglicher Wachstumsschub ab dem Jahr 2022 hängt ganz stark davon ab, in welchem Zustand sich die Funktionstüchtigkeit der globalen Lieferkette befinden wird.

Mit Prognosen über einen möglichen Beginn eines nachhaltigen Wachstumsschubs sollte man sich zurückhalten. Allerdings kann gesagt werden, dass die neue Normalität der Weltwirtschaft im Zusammenspiel mit der Digitalisierung und der vierten industriellen Revolution ab dem Jahr 2025 eintreten wird. Daran führt kein Weg vorbei. Beide Bereiche müssen nur kritisch begleitet werden. Bis dahin müssen sich Regierungen und Wirtschaftsverbände auf eine lange Durststecke einstellen.

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