Deutschland

Will die Bundesregierung „Feindeslisten“ unter Strafe stellen, um die Bürger oder sich selbst zu schützen?

Nach Wunsch der Bundesregierung sollen „Feindeslisten“ von Politikern, Virologen und Wissenschaftlern unter Strafe gestellt werden. Dabei hatte sie sich in den vergangenen Jahren immer wieder gleichgültig gezeigt, als es um „Feindeslisten“ gegen Vertreter ethnischer und religiöser Minderheiten ging.
06.02.2021 13:46
Aktualisiert: 06.02.2021 13:46
Lesezeit: 3 min
Will die Bundesregierung „Feindeslisten“ unter Strafe stellen, um die Bürger oder sich selbst zu schützen?
Die Mitglieder der Bundesregierung stehen anlässlich der Klausurtagung des Bundeskabinetts im Gästehaus der Bundesregierung im Schloss Meseberg zum Gruppenbild zusammen. (Foto: dpa) Foto: Monika Skolimowska

Die Verbreitung sogenannter Feindeslisten mit Daten vermeintlicher politischer Gegner soll ein eigener Straftatbestand werden. Ein entsprechender Vorschlag des Bundesjustizministeriums für eine gesetzliche Neuregelung liegt der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vor. Das Vorhaben ist Teil eines Anfang Dezember vom Kabinett verabschiedeten 89-Punkte-Plans zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus.

Mehr zum Thema: ATTACKE AUF DEN STAAT, ERSTER TEIL Weimar lehrt uns: Wenn der Rechtsstaat schwach ist, stürzen Extremisten die Republik

In den vergangenen Jahren tauchten immer wieder mutmaßlich von Rechtsextremisten verfasste Listen mit persönlichen Daten wie Adressangaben, Fotos oder Informationen über persönliche Umstände vermeintlicher politischer Gegner auf. So war bei einer Anti-Terror-Razzia in Mecklenburg-Vorpommern 2017 eine Liste mit etwa 25.000 Namen gefunden worden. Manche Listen kursieren im Internet. Berichte gab es unter anderem über eine Liste mit der Überschrift „Wir kriegen Euch alle“.

Zum Teil sei eine Veröffentlichung mit „ausdrücklichen oder subtilen Drohungen oder Hinweisen verbunden“, schreibt das Ministerium, „wie beispielsweise, die Person könne ,ja mal Besuch bekommen‘ oder ,gegen so jemanden müsse man mal etwas unternehmen‘“. Die Existenz solcher Listen führe zu einer „erheblichen Verunsicherung in der Bevölkerung und bei den Betroffenen“.

Eine solche „gefährdende Veröffentlichung personenbezogener Daten“ soll den Plänen zufolge künftig mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe bewehrt sein. Wenn es um nicht öffentlich zugängliche Daten geht, soll eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder Geldstrafe drohen.

Relevant ist der Kontext: Wer solche Daten in einer Art und Weise verbreitet, „die geeignet ist, diese Person oder eine ihr nahestehende Person der Gefahr eines gegen sie gerichteten Verbrechens oder einer sonstigen rechtswidrigen Tat gegen die sexuelle Selbstbestimmung, die körperliche Unversehrtheit, die persönliche Freiheit oder gegen eine Sache von bedeutendem Wert auszusetzen“ soll mit Strafe rechnen müssen.

Einen Bezug zu einer konkreten rechtswidrigen Tat gebe es meist gar nicht, schreibt das Ministerium. Allerdings würden solche Gegner-Listen oft in einem Kontext veröffentlicht, der Unsicherheit oder Furcht auslöse oder als bedrohlich empfunden werde. „Mit der Veröffentlichung von ,Feindeslisten‘ zielen Täter darauf ab, betroffenen Personen und der Öffentlichkeit die subtile Botschaft zu vermitteln, dass die Datenveröffentlichung zu Straftaten gegen die Betroffenen führen könnte.“

Mehr zum Thema: ATTACKE AUF DEN STAAT, ZWEITER TEIL: Deutschland und die großen Flüchtlingskrisen 1915 und 2015

Die Art und Weise der Datenveröffentlichung könne zudem die Bereitschaft Dritter, Straftaten zu begehen, wecken oder fördern. „Diese Wirkung von ,Feindeslisten‘ wird durch die Täter meist in Kauf genommen oder mit der Veröffentlichung sogar bezweckt.“ Die bestehenden Strafvorschriften erfassten dieses Phänomen nicht oder nur teilweise.

Die FDP forderte, die Durchsetzung des bestehenden Rechts in den Fokus zu rücken. „Vor allem Digital-Spezialisten sind rar, viele Stellen sind seit langem unbesetzt“, sagte der FDP-Innenexperte im Bundestag, Stephan Thomae. „Deswegen braucht es ein modernes und attraktives Dienstrecht, das flexible Berufseinstiege ermöglicht.“ Zudem fordert die FDP sogenannte Schwerpunktstaatsanwaltschaften, die Persönlichkeitsrechtsverletzungen im Netz effektiver verfolgen sollen.

Unionsfraktionsvize Thorsten Frei (CDU) erklärte, nun solle eine wichtige Strafbarkeitslücke geschlossen werden. „Die Zahl der Bedrohungen und Anfeindungen gegen Politiker, Journalisten, aber auch Wissenschaftler wie Virologen nimmt stetig zu“. Davor habe gerade erst der Chef des Bundeskriminalamts, Holger Münch, gewarnt. Dieser hatte dem „Spiegel“ gesagt, die Zahl der Anfeindungen gegen Menschen, die in der Pandemie in den Medien besonders präsent sind, sei gestiegen.

Die Heuchelei der Bundesregierung ist unerträglich

Dem gesamten Vorhaben liegt eine gewisse Heuchelei zugrunde. Denn Feindeslisten gab es in den vergangenen Jahrzehnten schon immer. Sie richteten sich aber nahezu ausschließlich gegen Politiker mit Migrationshintergrund, Vertreter von Minderheiten und Einzelpersonen, die keine Journalisten oder Wissenschaftler gewesen sind. Zudem ist fraglich, ob das geplante Gesetz auch eine Anwendung auf Linksextremisten finden soll. Seit dem Mord an Walter Lübcke weiß die Bundesregierung, dass das „Feuer“, das sie solange ignoriert hatte, auch auf sie überspringen könnte.

Beispielsweise hatten die „Feindeslisten“ des sogenannten NSU, bei dem immer noch nicht klar ist, was das für eine Organisation gewesen sein soll, überhaupt keine Konsequenzen nach sich gezogen. Diese Listen richteten sich nicht gegen die Bundesregierung oder gegen irgendwelche Virologen. Was ist beispielsweise mit den relativ aktuellen Drohbriefen, die an Unternehmer mit Migrationshintergrund in Hannover verschickt werden? Da müsste es doch schon längst „Feindeslisten“ geben?

Ein weiteres Beispiel: Auf der linksextremistischen Webseite „Indymedia“ wird regelmäßig zu Aktionen gegen Politiker aufgerufen, die rechts des politischen Spektrums verortet werden. Auf der Webseite werden auch regelmäßig Fotos von unliebsamen Polizeibeamten veröffentlicht. Soll das geplante Gesetz auch gegen diese Kreise angewandt werden?

Wie will die Politik mit Personen umgehen, die Drohbriefe an ehemalige und aktuelle Politiker des rechten politischen Spektrums versenden? Denn auch diese Drohbriefe dürften wie bei den Drohungen gegen Unternehmer mit Migrationshintergrund aus „Feindeslisten“ hervorgehen.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Nach der Genehmigung eines XRP-ETFs durch Trump:Standard Chartered sieht XRP als potenziell renditestärkste Kryptowährung im Jahr 2026

Vor dem Hintergrund der Genehmigung eines XRP-ETFs durch Donald Trump und einer deutlich verbesserten regulatorischen Lage in den USA...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik USA wollen sich für Jahre Zugriff auf Venezuelas Öl sichern
08.01.2026

Präsident Trump meldet Ansprüche auf die gewaltigen Bodenschätze an. Doch die Regierung in Caracas will sich nicht unter Druck setzen...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie hebt ab: Was hinter dem Aufwärtstrend des DAX-Werts steckt und welche Rolle Venezuela spielt
08.01.2026

Die Rheinmetall-Aktie ist am Donnerstag kräftig nach oben geklettert. Der DAX-Wert setzt damit seine Aufwärtsrally seit Beginn des neuen...

DWN
Finanzen
Finanzen Amazon-Aktie: Warum Anleger zwischen Chance und Risiko abwägen
08.01.2026

Amazon prägt den globalen Technologiemarkt, bleibt an der Börse zuletzt jedoch hinter anderen Konzernen zurück. Handelt es sich dabei um...

DWN
Technologie
Technologie Lego Smart-Brick: Technologischer Meilenstein verändert den Spielwarenmarkt
08.01.2026

Lego befindet sich in einer Phase außergewöhnlicher Marktdynamik und strategischer Neuorientierung. Reicht technologische Innovation aus,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Erholt sich die deutsche Industrie?
08.01.2026

Die deutschen Industrieunternehmen überraschen im November mit einem kräftigen Auftragsschub. Besonders Metallerzeugnisse und der...

DWN
Finanzen
Finanzen Zalando-Aktie: Logistikzentrum Erfurt schließt, 2.700 Jobs betroffen
08.01.2026

Der Berliner Modekonzern Zalando zieht die Reißleine und schließt sein Logistikzentrum in Erfurt. 2.700 Beschäftigte verlieren ihren...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Abfindung verhandeln: Wie Sie das Optimale aus Ihrem Jobverlust herausholen
08.01.2026

Die deutsche Wirtschaft streicht Stellen. Um Jobs abzubauen, bieten Unternehmen Mitarbeitern oft hohe Abfindungen an, um die...

DWN
Politik
Politik Venezuelas Ölreserven: Warum Trumps Zugriff die Weltordnung erschüttern könnte
08.01.2026

Donald Trump beansprucht Venezuelas Ölreserven und erhebt damit einen Machtanspruch, der weit über Lateinamerika hinausreicht. Hinter der...