Zunehmende Spannungen auf den Energiemärkten
Die Unruhe an den Energiemärkten hat deutlich zugenommen, eine schnelle Normalisierung rückt in weite Ferne. Damit wächst die Gefahr, dass sich die wirtschaftlichen Folgen weltweit ausbreiten und die ohnehin fragile Konjunktur zusätzlich belasten, schreibt das dänische DWN-Partnerportal Borsen.
Der Iran-Krieg hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Während Israel und die USA zunächst militärische Ziele und die Machtbasis des Regimes angriffen, reagierte der Iran mit der Blockade der Straße von Hormus sowie Angriffen auf Israel und die Golfstaaten. Die Energieproduktion blieb dabei zunächst weitgehend unberührt. Inzwischen richtet sich die Gewalt jedoch gezielt gegen Öl- und Gasinfrastruktur.
Damit dürfte der Krieg deutlich langfristigere Auswirkungen auf die Energiemärkte haben als noch vor wenigen Tagen erwartet. Investoren hatten auf ein rasches Ende gesetzt, verbunden mit der Hoffnung auf eine schnelle Stabilisierung der globalen Energieversorgung. Stattdessen rückt nun ein Zeitraum von Monaten oder länger mit anhaltend hohen Energiepreisen in den Fokus.
Zerstörte Infrastruktur belastet die Versorgung
Die neue Entwicklung macht deutlich, dass eine Normalisierung der Energiepreise vor dem Sommer kaum realistisch ist. Vielmehr spricht vieles dafür, dass die Preise auch im Herbst deutlich über dem Vorkriegsniveau liegen werden, da zentrale Energieinfrastruktur beschädigt wurde und sich nicht kurzfristig ersetzen lässt. Es könnte drei bis fünf Jahre dauern, bis Katars Gasproduktion nach den jüngsten Zerstörungen wieder vollständig normalisiert ist. Diese Perspektive hat sich bereits in den Märkten niedergeschlagen und zu spürbaren Preissprüngen geführt, die sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette bemerkbar machen.
Am Donnerstag lag der Ölpreis bei 118 Dollar je Barrel, während die europäischen Gaspreise zeitweise über 70 Euro je Megawattstunde stiegen. Vor den Angriffen Israels und der USA auf den Iran lag der Ölpreis noch bei rund 70 Dollar je Barrel, der Gaspreis bei etwa 30 Euro je Megawattstunde. Die weiter steigenden Energiepreise entfalten erhebliche wirtschaftliche und finanzielle Wirkungen. Sie erhöhen die Produktionskosten, belasten die Kaufkraft der Verbraucher und verstärken den Druck auf Unternehmen in energieintensiven Branchen.
Stärkerer Preisschock als im Jahr 2022
Zwar liegt der Ölpreis noch unter den Höchstständen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, als er kurzzeitig über 130 Dollar je Barrel stieg. Dennoch fällt der wirtschaftliche Schock durch den Ölmarkt bereits jetzt stärker aus als damals, gemessen an der Dynamik des Preisanstiegs. Vor dem Krieg im Jahr 2022 lag der Ölpreis auf einem deutlich höheren Ausgangsniveau als in diesem Jahr. Während die Preise zuletzt um mehr als 50 Prozent gestiegen sind, lag der Anstieg nach Beginn des Ukrainekriegs bei rund 30 Prozent, bevor die Preise wieder etwas nachgaben.
Ob die wirtschaftlichen Folgen am Ende schwerer wiegen als damals, hängt maßgeblich von der weiteren Preisentwicklung ab. Angesichts der aktuellen Eskalation spricht jedoch wenig für eine schnelle Entspannung, da die Angebotsseite strukturell geschwächt ist. Im Gasmarkt ist ein direkter Vergleich schwieriger, da die Preise bereits 2021 deutlich gestiegen waren. Betrachtet man jedoch die Stärke des Schocks, nähert sich die aktuelle Situation zunehmend dem Niveau von 2022 an.
Schwache Konjunktur verschärft die Risiken
Ein wesentlicher Unterschied zur Lage im Jahr 2022 liegt in der Ausgangssituation der Weltwirtschaft. Damals befand sich die globale Wirtschaft im Aufschwung nach der Corona-Krise, gestützt durch expansive Fiskal- und Geldpolitik sowie eine hohe Nachholnachfrage. Zudem sorgte die Aufhebung der Corona-Beschränkungen für eine kräftige Nachfrage nach Reisen und Dienstleistungen. Trotz steigender Energie- und Lebensmittelpreise verzeichneten Europa und die USA eine robuste wirtschaftliche Entwicklung.
Heute ist die Lage deutlich fragiler. Sowohl in den USA als auch in Europa gelten die Volkswirtschaften als anfällig, und die Wachstumserwartungen waren bereits vor dem jüngsten Energiepreisschock gedämpft. Der Internationale Währungsfonds ging im Januar von einem Wachstum von 2,5 Prozent in den USA und 1,3 Prozent im Euroraum aus. Zum Vergleich lag das Wachstum im Jahr 2022 trotz erheblicher Belastungen bei 3,5 Prozent im Euroraum und 2,5 Prozent in den USA.
Weltwirtschaft nähert sich einer kritischen Phase
Die aktuelle Entwicklung deutet darauf hin, dass sich die Weltwirtschaft stärker als noch vor wenigen Jahren an der Grenze zu einer echten Krise bewegt. Eine globale Wachstumsrate von unter 2,5 Prozent sowie steigende Arbeitslosigkeit in den USA und Europa erscheinen angesichts der Energiepreisdynamik plausibel. Die Märkte reagieren derzeit sehr sensibel auf neue Entwicklungen im Kriegsverlauf. Verlässliche Prognosen sind daher kaum möglich, da sich die Rahmenbedingungen innerhalb kurzer Zeit deutlich verändern können.
Eine grobe Orientierung liefert jedoch die Faustregel, dass ein Anstieg des Ölpreises um 10 Prozent das globale Wachstum um etwa 0,1 Prozentpunkte reduziert. Angesichts eines Preisanstiegs von rund 60 Prozent seit Kriegsbeginn sind die wirtschaftlichen Effekte bereits deutlich spürbar.
Energiepreisschock erhöht den Druck auf Deutschland
Für Deutschland als energieintensive Volkswirtschaft verschärfen die steigenden Energiepreise die bestehenden strukturellen Probleme. Industrie, Transportsektor und private Haushalte sehen sich mit deutlich höheren Kosten konfrontiert, während die konjunkturelle Dynamik schwach bleibt. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, drohen zusätzliche Belastungen für Wachstum und Beschäftigung. Die Kombination aus hohen Energiepreisen und schwacher Nachfrage erhöht das Risiko einer konjunkturellen Abschwächung deutlich.
Damit rückt auch für Deutschland die Gefahr einer Rezession näher. Besonders betroffen wären energieintensive Industrien, deren Wettbewerbsfähigkeit bereits unter Druck steht und die nur begrenzt in der Lage sind, steigende Kosten weiterzugeben.
