Finanzen

KI und Geldpolitik: Warum die Fed vor einem Zinsdilemma steht

Künstliche Intelligenz soll die Produktivität steigern und die Inflation bremsen. Doch ausgerechnet der milliardenschwere KI-Boom könnte die Preise zunächst weiter antreiben. In der Federal Reserve ist deshalb ein Richtungsstreit entbrannt: Muss die Notenbank die Zinsen senken, um das künftige Wachstum zu fördern, oder länger hoch halten, weil Rechenzentren, Strom und Halbleiter einen neuen Nachfrageschock auslösen?
25.07.2026 16:00
Lesezeit: 5 min

Fed-Zinsentscheid: Senkt künstliche Intelligenz den Zinsdruck?

Ist künstliche Intelligenz ein Grund, die Zinsen zu senken, oder spricht sie vielmehr für Zinserhöhungen? Innerhalb der amerikanischen Notenbank Federal Reserve gehen die Ansichten derzeit auseinander. Das berichten unsere Kollegen von Dagens Industri.

Teilweise erklären unterschiedliche Zeithorizonte diese gegensätzlichen Einschätzungen. Wie die Technologie die Geldpolitik tatsächlich beeinflussen wird, ist jedoch keineswegs eindeutig. Der neue Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, Kevin Warsh, hat aus seinem Ziel keinen Hehl gemacht, den Leitzins zu senken. Angesichts einer Inflationsrate, die seit Anfang 2021 über dem Zielwert von zwei Prozent liegt, und einer im historischen Vergleich niedrigen Arbeitslosigkeit ist allerdings nicht offensichtlich, warum eine Zinssenkung angemessen sein sollte.

Ein Grund besteht darin, dass der neue Fed-Chef bestimmte Messgrößen der zugrunde liegenden Inflation für aussagekräftiger hält. Diese zeigen einen geringeren Preisauftrieb als der bisher für das Inflationsziel maßgebliche PCE-Preisindex. Nach Warshs Auffassung bilden sie den tatsächlichen Preisdruck besser ab. Der wichtigste Faktor ist für ihn jedoch die Revolution der künstlichen Intelligenz.

"KI wird zu einer bedeutenden inflationsdämpfenden Kraft werden, die die Produktivität steigert und die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit stärkt", schrieb Kevin Warsh im Herbst 2025 in einem Gastbeitrag für das "Wall Street Journal". Das Zitat fasst gut zusammen, wie er sich auch bei anderen Gelegenheiten geäußert hat. Für die Geldpolitik bildet die Produktivität den entscheidenden Faktor. Häufig wird sie als Produktion je geleisteter Arbeitsstunde definiert. Sie misst damit, wie effizient eine Volkswirtschaft arbeitet.

Steigt die Produktivität, können Unternehmen mehr Waren und Dienstleistungen herstellen, ohne dafür zusätzliche Ressourcen einzusetzen. Dadurch sinkt der Kostendruck. Die Produktivität in den USA hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt, nachdem sie während der Pandemiejahre erheblich geschwankt hatte. Einige Beobachter gehen davon aus, dass diese Entwicklung zumindest teilweise auf erste Effekte künstlicher Intelligenz zurückzuführen ist.

Fed warnt vor einem kurzfristigen KI-Nachfrageschock

Bei ihrer jüngsten Zinsentscheidung schlug die Federal Reserve dennoch einen restriktiveren Ton an. Die Notenbank ließ den Leitzins unverändert bei 3,75 Prozent. Zugleich strich sie eine Formulierung, nach der der nächste Zinsschritt wahrscheinlich eine Senkung sein werde. Ein wichtiger Grund dafür war ausgerechnet die Revolution der künstlichen Intelligenz. "Die meisten Mitglieder stellten fest, dass ein Anstieg der Wirtschaftsaktivität über das potenzielle Wachstum hinaus, teilweise infolge umfangreicher KI-Investitionen, zu einem länger anhaltenden Inflationsdruck beitragen könnte", heißt es im Protokoll der Sitzung.

John Williams, Präsident der einflussreichen regionalen Federal Reserve Bank of New York, verfügt bei den Zinssitzungen dauerhaft über ein Stimmrecht. In einer Rede in der vergangenen Woche formulierte er die Risiken noch deutlicher. Er bezeichnete künstliche Intelligenz als einen "Nachfrageschock" und sprach von Preisen, die wie ein "Hockeyschläger" ansteigen könnten. Als zwei besondere Risikofaktoren nannte er Strom und Halbleiter.

Warum künstliche Intelligenz die Geldpolitik vor neue Rätsel stellt

Die unterschiedlichen Einschätzungen von Kevin Warsh und vielen seiner Kollegen hängen zum Teil mit dem betrachteten Zeitraum zusammen. KI-Investitionen erhöhen unmittelbar die Nachfrage und damit den Preisdruck. Die großen Produktivitätsgewinne dürften dagegen erst später eintreten.

Doch auch innerhalb des für die Zinsentscheidungen zuständigen Ausschusses sind nicht alle Mitglieder von diesen langfristigen Vorteilen überzeugt. Eine Gruppe habe laut Sitzungsprotokoll darauf hingewiesen, dass "sowohl hinsichtlich des Zeitpunkts als auch des Umfangs des möglichen Produktivitätsschubs durch KI große Unsicherheit besteht".

Wie schwer sich die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf die Geldpolitik beurteilen lassen, zeigte auch eine Rede, die die stellvertretende schwedische Notenbankchefin Aino Bunge im Mai hielt. Sie teilte die möglichen Folgen in vier Mechanismen ein. Zwei davon wirken eher kurzfristig.

Der erste Mechanismus ist der Nachfrageanstieg und der daraus resultierende Preisschub, den der Investitionsboom rund um künstliche Intelligenz auslöst. Genau diese Entwicklung beunruhigt unter anderem John Williams. Sie spricht für höhere Zinsen. Der zweite Mechanismus besteht in der Gefahr von Turbulenzen an den Finanzmärkten, falls eine mögliche KI-Blase platzt. Dieses Szenario würde für niedrigere Zinsen sprechen. Beide Faktoren betreffen vor allem die Entwicklung in den kommenden Jahren. Interessanter ist jedoch, dass auch langfristig keineswegs eindeutig feststeht, wie künstliche Intelligenz die Geldpolitik beeinflussen wird.

KI kann langfristig für höhere oder niedrigere Zinsen sprechen

Ein langfristiger Faktor ist die steigende Produktivität. "Wie beim Internet können wir mit einem Produktivitätsschub rechnen, der es uns ermöglicht, mit demselben Arbeitseinsatz immer mehr zu produzieren. Das senkt die Kosten, dämpft die Inflation und spricht damit für einen niedrigeren Leitzins", stellte Aino Bunge fest. Ihre Einschätzung entspricht in diesem Punkt vollständig der Sichtweise von Kevin Warsh.

Die Erwartung höherer Produktivität kann jedoch auch zu stärkerem Wachstum und steigenden Einkommen führen. Haushalte könnten Teile des erwarteten künftigen Wohlstandsgewinns vorwegnehmen und ihre Konsumausgaben erhöhen. Dadurch würden Nachfrage und Preisdruck steigen. Eine solche Entwicklung spräche im Gegenteil für höhere Zinsen.

Andererseits besteht die offensichtliche Gefahr, dass sich die wirtschaftlichen Gewinne durch künstliche Intelligenz ungleich verteilen. Bereits wohlhabende Bevölkerungsgruppen könnten besonders stark profitieren. Menschen mit hohen Einkommen sparen erfahrungsgemäß einen größeren Anteil ihres Einkommens. Ein wachsender globaler Sparüberschuss könnte den sogenannten neutralen Zinssatz senken. Das würde wiederum für eine lockerere Geldpolitik sprechen.

Wie die Geldpolitik auf die Revolution der künstlichen Intelligenz reagieren wird, bleibt daher offen. Als Kevin Warsh vor einigen Tagen vor dem Repräsentantenhaus sprach, klang er weniger überzeugt als zuvor. "Neue Möglichkeiten für die Wirtschaft bringen neue Herausforderungen für die Entscheidungsträger mit sich. Bei der Fed beobachten wir die Folgen für die Inflation und den Arbeitsmarkt", sagte er. Die Aussage bezog sich auf künstliche Intelligenz. Sie hätte jedoch ebenso gut beinahe jeden anderen wirtschaftlichen Einflussfaktor beschreiben können.

Hilft KI der EZB bei Zinssenkungen – oder treibt sie die Inflation?

Für die Europäische Zentralbank stellt sich grundsätzlich dasselbe Problem. Die hohen Investitionen in Rechenzentren, Stromnetze, Chips und digitale Infrastruktur können aber auch in Europa zunächst die Nachfrage und einzelne Preise erhöhen. Erst später könnten Produktivitätsgewinne die Kosten und damit den Inflationsdruck senken. Für die deutsche Wirtschaft ist die Frage besonders relevant, weil Unternehmen gleichzeitig unter hohen Energiekosten, Investitionsbedarf und schwachem Produktivitätswachstum leiden.

Ob künstliche Intelligenz der Europäischen Zentralbank künftig mehr Spielraum für Zinssenkungen verschafft oder zunächst einen höheren Preisdruck erzeugt, hängt daher davon ab, wie schnell Unternehmen die Technologie produktiv einsetzen und wie stark die dafür erforderlichen Investitionen die Nachfrage antreiben.

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Viktor Munkhammar

Viktor Munkhammar ist Journalist bei Dagens industri, dem schwedischen Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern, und schreibt für die DWN einen Gastbeitrag mit schwedischer Perspektive auf Geldpolitik, Konjunktur und Finanzmärkte.
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