Unternehmen

Shootingstar der deutschen Batterie-Branche wird nach Amerika verkauft

Was wie eine alltägliche Wirtschaftsmeldung klingt, ist in Wahrheit ein industriepolitisches Drama ersten Ranges.
16.02.2021 10:49
Aktualisiert: 16.02.2021 10:49
Lesezeit: 2 min
Shootingstar der deutschen Batterie-Branche wird nach Amerika verkauft
Hessen, Langen: Ein Mitarbeiter hebt in der Batteriesystemfabrik von Akasol eine Batterie mit einem Hebekran. (Foto: dpa) Foto: Fabian Sommer

Der hessische Batteriehersteller Akasol wird amerikanisch. Der US-Autozulieferer BorgWarner will das Unternehmen für knapp 730 Millionen Euro kaufen. Den Anteilseignern werde 120 Euro je Aktie geboten, teilte Akasol am Montag in Darmstadt mit. Die Offerte liege rund ein Viertel über dem durchschnittlichen Niveau der vergangenen drei Monate. Am Freitag hatte die Aktie zum Xetra-Handelsschluss etwas mehr als 104 Euro gekostet und damit mehr als doppelt so viel wie beim Börsengang im Jahr 2018.

Die Übernahme aller Aktien würde BorgWarner rund 730 Millionen Euro kosten. Da Akasol-Gründer und Konzernchef Sven Schulz, der rund 47 Prozent der Anteile hält, und andere Gründer ihre Aktien verkaufen werden, hat sich der US-Konzern bereits 59 Prozent der Akasol-Papiere gesichert. Damit ist die von BorgWarner gesetzte Mindestannahmeschwelle von 50 Prozent plus eine Aktie schon erreicht. Zudem befürworten Aufsichtsrat und Vorstand von Akasol das Angebot, wie es hieß. Akasol-Aktien stiegen nach Bekanntwerden der Übernahmepläne am Montagmorgen um fast 19 Prozent.

Akasol – Schlüsselstein für die deutsche E-Strategie

Das 2008 gegründete Unternehmen stellt Lithium-Ionen-Batteriesysteme für Busse, Bahnen, Lastwagen, Industriefahrzeuge sowie Schiffe her und will von der zunehmenden Elektrifizierung schwerer Fahrzeuge profitieren. Zu den Kunden gehören unter anderem Daimler, Alstom und Volvo. Akasol wuchs zuletzt kräftig, steckt aber in den roten Zahlen. Die Mitarbeiterzahl lag Ende September 2020 bei rund 300.

Mit dem Deal kann Akasol von der globalen Reichweite von BorgWarner profitieren: der weitaus größere US-Konzern mit 48 000 Mitarbeitern ist nach eigenen Angaben in 24 Ländern aktiv und erzielte zuletzt 14,5 Milliarden Dollar Umsatz (fast 12 Milliarden Euro). Akasol-Gründer Schulz, der das Unternehmen weiterführen soll, sprach von einer „guten strategischen Perspektive“ für die Darmstädter.

Akasol hatte erst im vergangenen Oktober die Serienproduktion in einer neu errichteten „Gigafactory 1“ in Darmstadt gestartet. Zudem will Akasol eine „Gigafactory 2“ in der Nähe der US-Stadt Detroit aufbauen.

Ausverkauf deutscher Interessen

Der Verkauf von Akasol an einen amerikanischen Konkurrenten wirft bei genauerer Betrachtung Fragen auf. Denn bei jeder sich bietenden Gelegenheit verkünden Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Kanzlerin Angela Merkel, dass mit Hochdruck am Aufbau einer europäischen Batterie-Industrie gearbeitet werden müsse, um Abhängigkeiten von Produzenten und Zulieferern aus Asien und anderen Erdteilen zu verhindern.

Der Verkauf des auch mit deutschen Steuergeldern aufgebauten Unternehmens (die Firma ist eine Weiterentwicklung der 1989 gegründeten Akademischen Solartechnikgruppe der Technischen Universität Darmstadt, die Fabrik im hessischen Langen wurde von öffentlichen Krediten mitfinanziert, Akasol beteiligte sich ab 2012 an dem mit Bundesmitteln geförderten Forschungsvorhaben Hei-PhoSS sowie ab 2016 an dem Forschungsprojekt MoBat zur Schnellladetechnik) wirkt deshalb sonderbar.

Zudem hatte die Bundesregierung erst Ende 2018 ein Gesetz erlassen, das es ihr ermöglicht, Übernahmen deutscher Unternehmen aus strategisch wichtigen Bereichen durch ausländische Käufer zu blockieren. Im April forderte Altmaier weitergehende Eingriffsrechte der Bundesregierung bei Übernahmen deutscher Firmen aus dem Nicht-EU-Ausland, wurde dafür aber vom Bundesverband der deutschen Industrie scharf kritisiert.

Die Übernahme verwundert, weil Akasol als Hersteller von Batterien eigentlich als Paradebeispiel eines strategisch relevanten Unternehmens gelten muss, da die Bundesregierung die Elektrifizierung des Straßenverkehrs massiv vorantreiben will und dafür auf eine solide heimische Industriebasis angewiesen ist.

„Ein Technologieführer bei Batterien wie Akasol aus Darmstadt, Hoffnungsträger für grüne Mobilität und Leuchtturmprojekt gleichermaßen, wird ausgerechnet jetzt ins Ausland verkauft. Und dass trotz der Tatsache, dass Hochleistungsakkus aktuell als das Herzstück der Verkehrswende gelten und hierzulande Kompetenz erst mühsam aufgebaut werden muss. Know-how, was die Akasol AG bereits vielfach besitzt, eine Erfolgsstory mit wissenschaftlichen Wurzeln in der TU Darmstadt - und letztlich auch mit deutschem Steuergeld finanziert. Aber die Sache mit dem Propheten im eigenen Land ist ja bekannt. Eine Volkswirtschaft, die so handelt, muss sich nicht wundern, wenn die Musik in zentralen Zukunftsfeldern bald woanders spielt“, kommentierte das Darmstädter Echo am Montag.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Terrorgefahr? Iranische Drohungen sorgen für neue Sicherheitswarnungen in Deutschland
14.07.2026

Ein iranischer Zeitungsbeitrag sorgt in Berlin für wachsende Besorgnis. Politiker mehrerer Parteien sehen darin mehr als bloße Propaganda...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chemieindustrie: Warum Deutschland seine industrielle Basis verspielt
14.07.2026

Sie steht selten im Rampenlicht, doch ohne sie läuft fast nichts: Europas Chemieindustrie liefert die Grundlage für Medikamente,...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Sandisk-Aktien brechen um 13 Prozent ein, da Chip-Ausverkauf die Wall Street erschüttert
13.07.2026

Turbulente Zeiten an der Börse: Erfahren Sie, welche Ereignisse die Technologieriesen jetzt ins Wanken bringen.

DWN
Finanzen
Finanzen Eurozone: Inflation fällt überraschend deutlich – was das für die EZB-Zinspolitik bedeutet
13.07.2026

Die Inflation in der Eurozone ist im Juni stärker gesunken als erwartet. Nach dem Preisschub durch den Krieg im Nahen Osten und hohe...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft E-Auto-Produktion in Europa legt zu: Neue Studie zeigt überraschende Entwicklung
13.07.2026

Die europäischen Strafzölle auf Elektroautos aus China sollten heimische Produktionsstandorte stärken. Erste Daten deuten tatsächlich...

DWN
Finanzen
Finanzen Lululemon-Aktie: Michael Burry sieht jetzt eine Chance
13.07.2026

Die Lululemon-Aktie hat in den vergangenen Monaten deutlich an Wert verloren. Mehrere Rückschläge, interne Probleme und ein schwieriges...

DWN
Politik
Politik Analyse: Wenn Putin verzweifelt, müssen wir seine Reaktion wirklich fürchten
13.07.2026

Der Druck auf Russland wächst militärisch und wirtschaftlich. Die Verluste an der Front sind enorm, die Wirtschaft ächzt unter dem...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Vollsperrungen bei der Deutschen Bahn: Konzept in der Kritik
13.07.2026

Monatelange Sperrungen, teure Sanierungen – und trotzdem bleibt der Bahnverkehr auf wichtigen Strecken chaotisch. Was steckt hinter den...