Finanzen

Die lange Zutatenliste für den Inflations-Cocktail 2021

Mehrere Faktoren stehen bereit, um die Geldentwertung im laufenden Jahr anzufachen.
08.03.2021 15:21
Aktualisiert: 08.03.2021 15:21
Lesezeit: 4 min

Jahrelang war sie fast wie vom Erdboden verschluckt, nun meldet sie sich zurück in Deutschland: die Inflation. Manche Beobachter erwarten, dass die Teuerungsrate in der zweiten Jahreshälfte auf zeitweise mehr als drei Prozent steigen könnte. Eine Drei vor dem Komma - das gab es zuletzt 2008. Der Inflations-Cocktail hat diesmal eine lange Zutatenliste: die anziehende Weltkonjunktur nach der Corona-Rezession, die hohen Ersparnisse der Verbraucher, der Sondereffekt der ausgelaufenen Mehrwertsteuersenkung und Kommunen, die Steuern und Abgaben erhöhen wollen.

Hierbei ist zu beachten, dass die tatsächliche Inflation in der Eurozone schon seit Jahren deutlich höher liegen dürfte, als offiziell angegeben. Der Ökonom Michael Bernegger macht dafür insbesondere eine lückenhafte Berechnung des offiziellen Inflationsbarometers verantwortlich. Insbesondere das Weglassen der Kosten für Wohneigentum bei der Berechnung des zur Geldentwertung herangezogenen Waren- und Dienstleistungskorbs drückt die "offizielle" Inflation.

Weltkonjunktur

Ein großer Preistreiber dürfte die Weltwirtschaft sein, die sich im laufenden Jahr von der Corona-Rezession 2020 erholen dürfte. Die Marschrichtung geben die beiden weltgrößten Volkswirtschaften USA und China vor. So könnte die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten in diesem Jahr um 6,5 Prozent wachsen, sagt die Bank of America voraus. Für China rechnen Ökonomen sogar mit einem Plus von rund 8,5 Prozent. Wie schon nach der Finanzkrise im Jahr 2008 ist es in erster Linie China, welche die Weltwirtschaft mit seiner massiven Nachfrage stimuliert.

Das bringt kräftig steigende Preise für Rohstoffe mit sich. Bereits im Februar klagten die vom Institut IHS Markit befragten deutschen Industrieunternehmen über den stärksten Kostenanstieg bei Rohstoffen seit fast zehn Jahren. Verteuert haben sich demnach vor allem Rohstoffe wie Stahl. "Auch die Transportkosten legten wegen Kapazitätsengpässen zu", sagt Markit-Ökonom Phil Smith. Die Folge: Die Industriebetriebe legten die höheren Kosten zu einem Teil auf ihre Kunden um, indem sie ihrerseits die Preise so stark anhoben wie seit fast zweieinhalb Jahren nicht mehr.

Corona-Mehrkosten

Nachdem am 1. März nach wochenlanger Schließung die Friseurgeschäfte in Deutschland wieder öffnen durften, hat so mancher Salon die Preise erhöht. Mehrkosten durch strenge Hygienekonzepte und der wochenlange komplette Einnahmeausfall durch den zweiten Lockdown liefern die Begründung dafür. Das war nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr schon so: Die Preise für Friseurdienstleistungen lagen im September um 6,3 Prozent höher als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt herausfand.

Auch andere Corona-Verlierer - von Hotels bis zu Autovermietern - könnten versucht sein, künftig ihre Preise heraufzusetzen. "Gerade bei solchen Gütern, die nun über längere Zeit entbehrt werden mussten (Tourismus, Gastronomie), werden sich für die Unternehmen merkliche Preiserhöhungsspielräume bieten", erläutert der Konjunkturexperte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Stefan Kooths. Diese dürften umso höher ausfallen, je mehr Unternehmen die Zeit des Lockdowns nicht überstehen und aufgeben müssen. Geringerer Wettbewerb infolge einer Pleitewelle kann höhere Preise nach sich ziehen.

200 Milliarden Ersparnisse

Erleichtert werden Preiserhöhungen dadurch, dass die Verbraucher im Corona-Lockdown viel Geld gespart haben - etwa durch ausgefallene Urlaubsreisen, Restaurant- und Theaterbesuche. "In den beiden Pandemiejahren zusammen beläuft sich diese zusätzliche Ersparnis der privaten Haushalte auf schätzungsweise 200 Milliarden Euro", sagt IfW-Experte Kooths. Das entspricht mehr als zehn Prozent der jährlichen Konsumausgaben. "Es ist damit zu rechnen, dass ein Teil davon preistreibend wirken wird, sobald Konsummöglichkeiten wieder im gewohnten Maße gegeben sind", erwartet deshalb der Ökonom.

Kommunen

Auch der Staat dürfte in diesem Jahr an der Preisschraube drehen. Einer Umfrage der Unternehmensberatung EY zufolge plant eine Mehrheit von 64 Prozent der Städte und Gemeinden, Steuern oder Abgaben zu erhöhen. Teurer werden sollen insbesondere die Müllabfuhr und die Straßenreinigung, gefolgt von der Wasserversorgung und den Parkgebühren. Die Grundsteuer soll bei immerhin jeder fünften deutschen Kommunen steigen, die Gewerbesteuer bei jeder neunten. "Die Pandemie hat die Kommunen bei ihren Bemühungen um eine finanzielle Gesundung um Jahre zurückgeworfen", sagt EY-Partner Bernhard Lorentz. "Und für die kommenden drei Jahre rechnet jede zweite Kommune mit einem weiteren Schuldenanstieg."

Mehrwertsteuer

Nicht zuletzt dürften die Preise durch einen Sondereffekt angekurbelt werden. In der zweiten Jahreshälfte 2020 hatte die Bundesregierung die Mehrwertsteuersätze von 19 auf 16 beziehungsweise von sieben auf fünf Prozent gesenkt, um die Wirtschaft in der Pandemie anzukurbeln. Dadurch fielen die Preise zeitweise sogar. Seit Jahresbeginn gelten wieder die gewohnten Sätze. Das führt zu einem statistischen Effekt: Ab der zweiten Jahreshälfte dürfte die Inflationsrate merklich zulegen, da dann als Vergleichsmaßstab die von der Steuersenkung verbilligten Waren und Dienstleistungen herangezogen werden. "In Deutschland ist die Mehrwertsteuer wieder auf ihr altes Niveau angehoben worden, das schlägt auf die Preise durch", sagt Bundesbankchef Jens Weidmann.

Hinzu kommt noch, dass die seit Jahresbeginn geltende CO2-Sondersteuer aus dem Klimapaket Benzin und andere Energieprodukte verteuert. Im Windschatten des steigenden Ölpreises verteuern sich auch die CO2-Zertifikate. Der Preis für die von der EU ausgegebenen Papiere stieg Anfang Februar um 7,4 Prozent auf ein Rekordhoch von 37,56 Euro je Tonne ausgestoßenes CO2. Mit CO2-Zertifikaten erwerben Unternehmen das Recht, dieses Naturgas auszustoßen. Anfang März lag der Preis für die Zertifikate bei 38 Euro.

Hinzu kommt noch der rasante Anstieg der Strompreise. Im vergangenen Jahr zahlten deutsche Haushalte so viel Geld wie nie zuvor für Strom. Ursache für die massive Inflation beim Strompreis ist die Politik der Energiewende. Inzwischen gibt es Überlegungen, die Strompreise einfach aus dem Steueraufkommen zu finanzieren - auf diese Weise können die weiteren Preissteigerungen vor den Konsumenten versteckt werden - zur Kasse gebeten werden diese aber dann indirekt über ihre Steuern.

Geldpolitik

Nicht zuletzt findet auch ein Teil der von Zentralbanken weltweit aus dem Nichts geschaffenen Billionen (Schätzungen zufolge alleine im vergangenen Jahr netto mehr als 20 Billionen Dollar) ihren Weg in die Realwirtschaft, weil Staaten wie beispielsweise die USA in großem Stil Helikoptergeld an die Bürger ausreichen.

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