Finanzen

Geschichte der Zentralbanken, Teil 2: Eine Chronologie der Exzesse

Lesen Sie hier den zweiten und abschließenden Teil der DWN-Reihe "Geschichte der Zentralbanken". Wir zeigen auf, warum Notenbanken überhaupt gegründet wurden, wie sie ihre Befugnisse immer mehr ausdehnen und warum das Anlass zu großer Sorge gibt.
25.04.2021 08:00
Lesezeit: 6 min

In Europa wurden die ersten Zentralbanken teilweise schon sehr viel früher gegründet als die US-Fed. Als die älteste heute noch existierende Zentralbank gilt die 1656 installierte Schwedische Reichsbank. Etwa 40 Jahre später wurde die Bank of England gegründet. Der ehemalige Bundesbank-Präsident Axel Weber erklärte in einem Beitrag für die Handelszeitung, wozu Notenbanken ursprünglich installiert wurden: „Zentralbanken wurden eingeführt, um die Kriegsfinanzierung zu sichern.“ Die ersten Notenbanken als Finanziers von Staatsschulden und Kriegen – seit den Zeiten der Münzverschlechterung in der Antike hatte sich im Geldwesen innerhalb von zwei Jahrtausenden erstaunlich wenig verändert.

Nur hat sich eine andere Methodik entwickelt. Wo in der Antike noch minderwertige Münzen tatsächlich physisch hergestellt wurden, findet die Geldschöpfung der Notenbanken heute größtenteils über den Ankauf von (Staats-)Anleihen und die Kreditvergabe an Geschäftsbanken – und zwar nur in Form von digitalen Buchungen – statt.

„Der erste Keynesianer“

Eine Lehrstunde über die verheerenden Folgen inflationärer Geldpolitik ereignete sich einige Jahrzehnte später in Frankreich, wo im frühen 18. Jahrhundert der heute als Urvater des ungedeckten Papiergeldes geltende John Law sein Unwesen trieb. Law war Gründer und Leiter der „Banque General“, die sich im Laufe der Zeit zur inoffiziellen Notenbank Frankreichs entwickelte. Vor seiner Karriere als Banker verdiente sich der schillernde Schotte seine Sporen übrigens als Glücksspieler.

Law glaubte, den heiligen Gral der Geldtheorie gefunden zu haben: Bei wirtschaftlichen Schwächephasen ist nach seiner Theorie vor allem zu wenig Geld im Umlauf. Diesen Geldmangel könne man durch eine staatliche Druckerpresse ganz einfach beheben. Etwas überspitzt formuliert bedeutet das also, dass man Wohlstand einfach drucken kann. Mit diesen Ansichten nahm Law wesentliche Gedanken des berühmten Ökonomen John Maynard Keynes vorweg, weshalb er manchmal als „der erste Keynesianer“ bezeichnet wird.

Am Hof von König Ludwig XV. konnte John Law mit seinen Ansichten punkten. 1715 lag Frankreich wirtschaftlich am Boden. Zahlreiche Kriege und absurd hohe Steuern hatten das Land ausgezehrt und den Staatshaushalt unter einem Turm von Schulden begraben. Ein vermeintliches Wundermittel zur Sanierung der Staatsfinanzen und Belebung der Wirtschaft kam da gerade recht.

Staatsanleihen wurden einfach in die Bücher der „Banque General“ und später auch der Mississippi-Gesellschaft ausgelagert – später konnte man Staatsanleihen in Aktien der beiden Gesellschaften umwandeln. Staatsschulden wurden also quasi wie Eigenkapital behandelt. Im Gegenzug durfte Law seine eigenen Banknoten herausgeben, die bald – mit tatkräftiger Unterstützung der Regierung – zum dominierenden Zahlungsmittel in Frankreich wurden.

Das Land erlebte in der Folge von Laws inflationärer Geldpolitik eine kredit-getriebene Scheinblüte – begleitet von einer zunehmenden Einschränkung des Handels und der Zahlungsfunktion von Gold und Silber. Zwischen 1719 und 1720 verfünffachte sich die Geldmenge. 1720 dann platzte die Blase begleitet von einem katastrophalen Börsen-Einbruch. Es folgten eine schwere Depression und grassierende Inflation.

Das Vertrauen in den Papier-Livre war zwischenzeitlich so gering, dass die Regierung mit öffentlichen Verbrennungen von Banknoten reagierte – wohl um zu demonstrieren, dass die umlaufende Geldmenge tatsächlich reduziert wurde. Das Law´sche Schneeballsystem hatte gerade einmal fünf Jahre lang gehalten, bevor es in sich zusammenbrach.

Eine kleine Bemerkung am Rande: Die französischen Staatsschulden hatten sich durch die unkonventionellen Maßnahmen nicht verringert – zumindest nominal nicht. Die Regenten waren Spielernaturen wie Law selbst und spekulierten darauf, dass man ihre Schulden bis in alle Ewigkeit durch Aktienverkäufe kapitalisieren würde – warum also sparsam sein? Vor und nach John Laws Schreckensherrschaft hatte Frankreichs Regierung Verbindlichkeiten von rund zwei Milliarden Livre – und dass, obwohl Law in verzweifelten Stabilisierungs-Versuchen Unmengen an Staatspapieren vernichten ließ. 1721 waren die Staatsschulden durch die explodierende Inflation aber immerhin 80 Prozent weniger wert geworden. Nicht zum ersten und bei weitem nicht zum letzten Mal in der Weltwirtschafts-Geschichte wurden die Staatsschulden „weginflationiert“.

Zentralbankiers avancieren zu Währungs-Managern

Mit der Zeit erweiterten sich allmählich die Aufgabengebiete der Währungshüter. Die Zentralbanken nahmen aufgrund ihrer Privilegien bald eine dominierende Stellung ein: Zentralbank-Noten verdrängten zunehmend Münzreserven und private Banknoten oder wurden wie im deutschen Kaiserreich direkt zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt. Bald wurde das Recht zur Ausgabe von Banknoten nur noch den Zentralbanken zugestanden. Sie verwalteten außerdem Konten der Geschäftsbanken und wickelten Transaktionen zwischen diesen ab. Dadurch bauten die Notenbanken große Gold- und Silberreserven auf, was sie erst für die Rolle als Kreditgeber in der Not qualifizierte.

Offensichtlich ist es dann aber ein großes Problem, wenn auch die Zentralbank selbst eine Unterdeckung betreibt, also mehr Kredite vergibt oder Banknoten ausgibt, als sie an Gegenwert in Edelmetallen in ihren Tresoren lagert. Um die Geldmenge in Schach zu halten, sollten die Notenbanken den Banknotenumlauf strikt an ihre Edelmetallreserven koppeln.

Das späte 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhundert wurden daher vom sogenannten Goldstandard dominiert. Ähnlich wie die Einlöse-Verpflichtung im früheren Teilreserve-Bankensystem, hatte der Goldstandard eine bremsende Wirkung gegen allzu exzessive Ausweitungen der Geldmenge, wurde aber nie wirklich konsequent eingehalten. In Deutschland beispielsweise operierte die Reichsbank von Beginn an lediglich unter einer Teilreserve – nur 30 Prozent der Reichsbanknoten waren durch Gold gedeckt. Im ersten Weltkrieg wurde die Deckung dann zwischenzeitlich vollständig aufgegeben. Auch hier zeigt sich eine bemerkenswerte Parallele zur Kriegsfinanzierung in der Antike.

Infolge zahlreicher deflationärer Banken- und Finanzkrisen erweiterten sich die Zielsetzungen der Notenbanken. Neben der Stabilisierung des Bankensystems rückte auch die Kontrolle der Geldmenge und später in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die „Preisniveaustabilität“ immer mehr in den Vordergrund. In der Vergangenheit hatte man sich um die Stabilität des Geldwertes kaum Gedanken gemacht, zumal damals häufig gar keine entsprechenden Mess-Indizes erhoben wurden. Darüber hinaus fühlten sich Zentralbanker immer mehr für die Auf- und Abwertung der heimischen Währung verantwortlich – je nachdem ob die Währung von den freien Märkten gerade „zu hoch“ oder „zu niedrig“ bewertet wurde.

Die Notenbanken als entscheidende wirtschaftliche Akteure im Fiatgeld-System

Dazu kam in der jüngeren Historie das Ziel der „gesamtwirtschaftlichen Stabilität“ – was immer das im Detail sein mag (die Vorstellungen sind recht unterschiedlicher Natur). Wer Zentralbanken mit der Erhaltung der wirtschaftlichen Stabilität beauftragt, der macht die Währungshüter automatisch zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Akteur. Denn auf einmal können Notenbanker auch mitverantwortlich für die Senkung der Arbeitslosigkeit und ein gutes Wirtschaftswachstum sein. Als Teilziel steht dann meist noch so etwas wie die Erfüllung des mittelfristigen Produktionspotenzials der Volkswirtschaft.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben die Zentralbanken zweifellos ein Eigenleben entwickelt – ihre Kompetenzen gehen sogar noch weiter, als sie formal definiert sind. Nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems im Jahr 1971 sind alle Dämme gebrochen und die globale Geldschöpfung der Zentralbanken geradezu explodiert. Auch die Geldschöpfung der Geschäftsbanken (über die Vergabe von Krediten) hat durch die Entkoppelung des Geldes von jeglichen realen Werten keinerlei Anker mehr, das heutige Weltwährungssystem nennt man deshalb „Fiatgeld-System“.

In diesem System sind die meisten Notenbanken mittlerweile nicht mehr nur Kreditgeber, sondern auch Käufer letzter Instanz, welche die Kapitalmärkte und Staatsfinanzen bei den kleinsten Anzeichen von Verwerfungen mit Ankaufprogrammen und weiteren Zinssenkungen bis in den negativen Bereich „stabilisieren“.

Im Übrigen kann das Stabilitäts-Ziel sehr flexibel interpretiert und damit durchaus dem Ziel von Geldwert-Stabilität im Wege stehen. Der langjährige Fed-Präsident Alan Greenspan (von 1987 bis 2006 im Amt) sah zum Beispiel steigende Preise von Vermögenswerten als einen Indikator für einen höheren Wohlstand der Gesellschaft an. Seine Niedrigzinspolitik – die Standards für die ganze Welt setzte – kann man vor diesem Hintergrund durchaus als zielkonform betrachten, denn ein steigender Wohlstand (wenn auch nur auf dem Papier) dient doch der gesamtwirtschaftlichen Stabilität, oder etwa nicht? Eins sollte man allerdings bedenken: Der ehemalige Fed-Chef befand sich mit seinen Ansichten beachtlich nahe am Gedankengut des gescheiterten Geld-Innovators John Law.

Vor diesem Hintergrund graust es ein wenig, wenn sich die Europäische Zentralbank nun auch für die Bekämpfung des Klimawandels berufen fühlt. Wer weiß, welche geldpolitischen Exzesse in Zukunft noch auf uns warten.

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