Politik

Der Fußball zeigt dem Kapitalismus die Grenzen auf

Die Europäer stehen gegen die Sport-Moguln auf, die ihren Fußball zerstören wollen. Jetzt könnte "die Zeit für eine breiter angelegte Rebellion" gekommen sein, schreibt der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis.
01.05.2021 14:06
Aktualisiert: 01.05.2021 14:06
Lesezeit: 4 min

Europa hat seinen moralischen Rubikon entdeckt: die Grenze, ab der die Kommerzialisierung nicht mehr hinnehmbar ist. Die Linie im Sand, die die Europäer sich zu überqueren weigern - komme was wolle -, ist jetzt gezogen worden.

Wir haben uns den Banken gebeugt, die das kapitalistische System beinahe zum Einsturz gebracht hätten, und sie auf Kosten unserer schwächsten Bürger gerettet. Wir schauen weg, wenn die Unternehmen in großem Maßstab Steuern hinterziehen und öffentliches Vermögen bei Notverkäufen verschleudert wird. Wir akzeptieren die Verelendung des staatlichen Gesundheits- und Bildungswesens, die Verzweiflung der prekär Beschäftigten, die Suppenküchen, die Wohnungsräumungen sowie das erschütternde Maß an Ungleichheit inzwischen als naturgegeben. Wir sahen tatenlos zu, als unsere Demokratien vereinnahmt wurden und die großen Technologie-Konzerne uns unsere Privatsphäre nahmen. All dies konnten wir ertragen.

Doch einen Plan, der den Fußball, wie wir ihn kennen, beenden würde? Niemals.

Letzte Woche haben die Europäer den Milliardären und ihren Financiers, die versuchten, uns das „wunderbare Spiel“ zu stehlen, die Rote Karte gezeigt. Eine mächtige Koalition aus Konservativen, Linken und Nationalisten, die Europas Norden und Süden einigte, erhob sich im gemeinsamen Widerstand gegen eine geheime Absprache der Eigentümer vieler der reichsten Fußballclubs des Kontinents, eine sogenannte „Super League“ zu gründen. Den Eigentümern – darunter einem russischen Oligarchen, einem Mitglied des saudischen Königshauses, einem chinesischen Einzelhandelsmagnaten und drei amerikanischen Sportpotentaten – erschien der Schritt offensichtlich finanziell sinnvoll. Doch aus Sicht der europäischen Bevölkerung war er der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

In der vergangenen Saison qualifizierten sich 32 Vereine für die Champions League. Diese teilten sich zwei Milliarden Euro an Erlösen aus Fernsehrechten. Doch die Hälfte der Clubs – Teams wie Real Madrid und Liverpool – lockten die große Masse der europäischen Fernsehzuschauer an. Ihren Eigentümern war klar, dass sich der Kuchen deutlich vergrößern ließe, wenn man mehr Derbys zwischen Vereinen wie Real und Liverpool veranstaltete statt Spiele mit schwächeren Mannschaften aus Griechenland, der Schweiz und der Slowakei.

Und so wurde der Vorschlag von der Superliga ausgebrütet. Statt zwei Milliarden Euros unter 32 Vereinen aufzuteilen, so die Rechnung der 15 Spitzenclubs, könnten sie vier Milliarden Euro untereinander aufteilen. Zudem könnte die Superliga als geschlossene Gesellschaft, in der jedes Jahr dieselben Clubs antreten (egal, wie gut sie bei den nationalen Meisterschaften abschneiden), das enorme sportliche und damit finanzielle Risiko ausräumen, dem alle diese Vereine heute ausgesetzt sind: sich nicht für die Champions League des nächsten Jahres zu qualifizieren.

Aus Sicht eines Financiers waren der Ausschluss der schwächeren Teams und die Bildung eines geschlossenen Kartells der logische nächste Schritt in einem Prozess der Kommerzialisierung, der vor langer Zeit begonnen hatte. Dies war ein Geschäft, das die künftigen Einnahmeströme vervierfachen und Risiken ausräumen würde, indem es die Einnahmeströme in einen besicherten Vermögenswert verwandelte. Ist es ein Wunder, dass JPMorgan Chase eiligst jedem der 15 Clubs, die zustimmten, die Champions League zu verlassen, ein Handgeld von 300 Millionen Euro bot?

Während die Brexit-Saga Jahre dauerte, brach dieser spezielle Ausbruchsversuch innerhalb von zwei Tagen zusammen. Egal, welche finanzielle Logik hinter der Superliga steckte: Die Verschwörer hatten versäumt, eine immaterielle, aber unwiderstehliche Kraft zu berücksichtigen. Nämlich die unter Fans, Spielern und Trainern, ja unter kompletten Gesellschaften weit verbreitete Überzeugung, dass ausschließlich sie und nicht das Großkapital die wahren Eigentümer von Real, Liverpool, Juventus, Barcelona, und so weiter seien.

Und wer kann den Eigentümern verdenken, dass sie dies nicht kommen sahen? Niemand protestierte, als sie ihre Clubs an die Börse brachten, wo ihre Aktien neben denen von McDonald’s und Barclays gehandelt werden. Die Fans sahen jahrelang passiv zu, während die Oligarchen Milliarden in ein paar führende Clubs steckten und jeden echten Wettbewerb unterbanden, indem sie deren Mannschaften mit den besten Spielern der Welt füllten.

Doch während die europäische Öffentlichkeit tolerieren konnte, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein kleiner Verein je wieder einen Blumentopf gewinnen würde, extrem gesunken war, hätte die Superliga diese Chance komplett beseitigt. Die Gewinnmaximierung würde nun offiziell ausschließen, dass ein schwacher Club wie Stoke City oder Panionios Athen eines Tages die Champions League gewinnen könnte. Die vollständige Beseitigung jeder noch so fernen Hoffnung, egal wie unwahrscheinlich der Kapitalismus sie bereits gemacht hatte, war der Auslöser, der dem Vorhaben der Fußball-Oligarchie einen Riegel vorschob.

In den USA ist selbst zynischen Sportmoguln bewusst, dass der freie Markt den Wettbewerb abwürgt. Die „National Football League“ ist ein Ausbund aggressiver Konkurrenz, und das nicht nur, weil superfitte Spieler ihre Gesundheit dem Reichtum und einer Chance auf Ruhm beim Super Bowl opfern. Die NFL ist wettbewerbsfähig, weil sie ihren Teams eine strenge Gehaltsobergrenze vorgibt, während den schwächsten Teams die von ihnen gewünschten besten Nachwuchsspieler garantiert sind. Der amerikanische Kapitalismus hat den freien Markt geopfert, um den Wettbewerb zu retten, die Vorhersehbarkeit zu minimieren und die Spannung zu maximieren. Die Planwirtschaft lebt hier in Sünde mit dem ungehemmten Wettbewerb – direkt im Scheinwerferlicht des amerikanischen Showbusiness.

Falls das Ziel eine von Spannung geprägte, finanziell nachhaltige Fußballliga ist, ist das amerikanische Modell, was Europa braucht. Doch falls es den Europäern ernst ist mit ihrer Behauptung, dass die Vereine den Fans, Spielern und Gemeinschaften, aus denen sie ihre Unterstützung ziehen, gehören sollten, dann sollten sie verlangen, dass die Aktien der Clubs von der Börse genommen und das Prinzip „Ein Mitglied, eine Stimme“ gesetzlich festgeschrieben wird.

Die entscheidende Frage, ob die Oligarchie reguliert oder abgeschafft werden sollte, reicht weit über den Sport hinaus. Wird die Ausgaben- und Regulierungsagenda von US-Präsident Joe Biden ausreichen, um der ungezügelten Macht der Wenigen, die Chancen der Vielen zu zerstören, Grenzen zu setzen? Oder erfordern echte Reformen ein radikales Umdenken dabei, wem was gehört?

Nun, da die Europäer ihren moralischen Rubikon gefunden haben, ist womöglich die Zeit für eine breiter angelegte Rebellion gekommen, die Bill Shankly – den legendären Liverpool-Manager und überzeugten Sozialisten – bestätigt. „Manche Menschen glauben, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod“, hatte Shankly einmal geäußert. „Ich kann Ihnen versichern: Er ist viel, viel wichtiger.“

Aus dem Englischen von Jan Doolan, Copyright: Project Syndicate, 2020.www.project-syndicate.org
Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Yanis Varoufakis

Zum Autor: Yanis Varoufakis war im Jahr 2015 kurzfristig griechischer Finanzminister. Er ist Vorsitzender der Partei MeRA25 und Professor für Volkswirtschaft an der Universität Athen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Eurozonen-Wirtschaft: Übergang in einen neuen Konjunkturzyklus
15.02.2026

Die Eurozonen-Wirtschaft tritt laut Prognosen der Bank Citadele in einen neuen Konjunkturzyklus ein, getragen von sinkenden Zinsen und...

DWN
Finanzen
Finanzen Investitionsstrategien im KI-Zeitalter: Kriterien für langfristige Wertschöpfung
15.02.2026

Künstliche Intelligenz prägt Investitionsentscheidungen und verändert die Bewertungsmaßstäbe an den Finanzmärkten. Wie lassen sich im...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schlüsselindustrien im Umbruch: Deutschlands Rolle am europäischen Markt
15.02.2026

Deutschland steht vor neuen wirtschaftlichen Weichenstellungen in einem sich wandelnden europäischen Umfeld. Wie lässt sich unter diesen...

DWN
Politik
Politik Grenzwerte: Umweltbundesamt bestätigt ausreichende Luftqualität in Deutschland
15.02.2026

Die Europäische Union gibt Grenzwerte vor, die in den Ländern eingehalten werden müssen. Die Luftqualität in Deutschland hat im...

DWN
Technologie
Technologie Elektronische Patientenakte spärlich genutzt: Gesundheitsministerin will ePA attraktiver machen
15.02.2026

Gesundheitsministerin Nina Warken weiß, dass bisher nur ein Bruchteil der gesetzlich Versicherten die sogenannte ePA aktiv nutzen. Sie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB setzt auf strikte Regeln für Banken: Kapital als Stabilitätsanker
15.02.2026

Die EZB hält trotz politischen Drucks an strikten Kapitalregeln für Banken fest und warnt vor Risiken für die Finanzstabilität. Welche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Historische Marke: Musks Vermögen überschreitet 800 Milliarden Dollar
14.02.2026

Elon Musk überschreitet als erster Unternehmer die 800-Milliarden-Dollar-Marke und baut seinen Vorsprung an der Spitze der Forbes-Liste...

DWN
Politik
Politik Chinas Militär im Umbruch: Xi Jinpings Strategie im Taiwan-Konflikt
14.02.2026

Chinas Führung greift tief in die militärische Machtstruktur ein und ordnet die Spitzen der Streitkräfte neu. Welche Folgen hat dieser...