Deutschland

Auf welche Inflationssignale Marktprofis jetzt achten

Kaum ein Thema bewegt die Finanzmärkte derzeit so stark wie die Inflation.
20.05.2021 11:59
Lesezeit: 3 min

Kaum ein Thema bewegt die Finanzmärkte derzeit so stark wie die Inflation. Mit 2,0 Prozent ist die Teuerungsrate in Deutschland aktuell so hoch wie seit zwei Jahren nicht mehr. Steigt sie mit der erwarteten wirtschaftlichen Erholung von der Corona-Krise weiter stark, gerät die Europäische Zentralbank (EZB) unter Druck, ihre extrem lockere Geldpolitik zu überdenken. Das hat bereits zu steigenden Anleihe-Renditen geführt, was wiederum Investoren dazu verleitet, ihr Geld aus dem riskanteren Aktienmarkt abzuziehen und in Bonds zu stecken. Anleger versuchen daher, frühzeitig Wind davon zu bekommen, wie sich die Teuerungsraten entwickeln. Sie warten nicht nur auf die monatlichen Meldungen des Statistischen Bundesamtes zur Entwicklung der Verbraucherpreise, sondern nehmen folgende Frühindikatoren in den Blick:

ERZEUGERPREISE

Hier wird die Entwicklung der Preise für die im Bergbau, in der Industrie sowie in der Energie- und Wasserwirtschaft in Deutschland erzeugten und hier verkauften Produkte gemessen. Dieser Indikator "stellt damit die Preisveränderungen in einer frühen Phase des Wirtschaftsprozesses dar", betont das Statistische Bundesamt, das die Erzeugerpreise monatlich ermittelt. Steigen die Preise schon ab Fabriktor, dürften früher oder später auch die Verbraucher im Handel stärker zur Kasse gebeten werden. "Besonders interessant ist, ob höhere Kosten für Vorprodukte wie Kunststoffe dazu führen, dass Konsumgüter teurer werden", sagt der Deutschland-Chefvolkswirt von UniCredit, Andreas Rees. Im April legten die Erzeugerpreise mit 5,2 Prozent zum Vorjahresmonat so stark zu wie seit fast zehn Jahren nicht mehr.

GROSSHANDELSPREISE

Der Großhandel ist so etwas wie das Scharnier zwischen Herstellern und Verbrauchern. Drehen Lieferanten und Produzenten an der Preisschraube, sind auch die Großhändler versucht, höhere Kosten an die Kunden weiterzureichen. "Interessant ist hier, dass eine internationale Komponente mit drin ist", sagt Rees. Während die Erzeugerpreise auf inländische Hersteller fokussiert sind, kauft der Großhandel seine Ware zu einem guten Teil im Ausland ein. So lässt sich sehr früh ablesen, ob sich Deutschland eine Inflation importiert. Im April legten die Großhandelspreise um 7,2 Prozent zu - der größte Anstieg seit mehr als zehn Jahren.

ROHSTOFFPREISE

An den Finanzmärkten kann die Entwicklung der Rohstoffpreise in Echtzeit verfolgt werden. Ob Getreide oder Kupfer - an den internationalen Börsen wird fast alles gehandelt. Besonders im Fokus stehen die Rohölpreise, da Energie mit etwa zehn Prozent einen hohen Anteil am Warenkorb hat, den das Statistikamt zur Berechnung der Inflationsrate heranzieht. Hier summiert sich der Preisanstieg seit Jahresbeginn auf etwa 30 Prozent. Ähnlich stark verteuerte sich das für Stromkabel benötigte Kupfer, der Preis stieg zeitweise auf ein Rekordhoch von 10.474,50 Dollar je Tonne. Bauholz verteuerte sich im gleichen Zeitraum um fast 40 Prozent.

Bei Lebensmitteln - ein weiterer wichtiger Posten im Warenkorb - sieht es ähnlich aus. Weizen, Mais, Soja, Kaffee oder Zucker verbuchten in den vergangenen Monaten jeweils zweistellige prozentuale Gewinne und waren teilweise so teuer wie zuletzt vor acht Jahren.

FRACHTKOSTEN

Computer, Masken, Medikamente: Aus keinem anderen Land der Welt bezieht Deutschland mehr Waren als aus China. 2020 summierten sie sich auf einen Wert von 117 Milliarden Euro. Das Problem: Container-Transporte aus China sind in den vergangenen Monaten explodiert, befeuert von leeren Lagern in den Firmen nach der Corona-Rezession und auch vom boomenden Online-Handel. Die Frachtraten auf der wichtigsten Schifffahrtsroute zwischen China und Nordeuropa haben sich teilweise vervierfacht. Die Verschiffung eines 40-Fuß-Containers von China nach Europa kostete teils mehr als 8000 Dollar, nachdem vor einem Jahr noch weniger als 2000 Dollar verlangt wurden. Experten schauen sich daher die Entwicklung der Frachtpreise an, die etwa von Anbietern wie Freigthos ermittelt werden.

Parallel dazu gibt es den Baltic Dry Index, der die Tagesmieten für Schüttgut-Frachtschiffe widerspiegelt. Er hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt und markierte Anfang Mai ein Elf-Jahres-Hoch bei 3266 Punkten.

EINKAUFSMANAGER

Einen Hinweis auf die Preisentwicklung liefert auch die monatliche Umfrage des Instituts IHS Markit unter Hunderten Einkaufsmanagern aus der Industrie und dem Dienstleistungssektor in Deutschland. Sie werden gefragt, wie sich ihre Einkaufspreise entwickelt und ob sie ihrerseits ihre Verkaufspreise angehoben haben. Erstgenannte stiegen in der Industrie zuletzt so stark wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr, da sich eine breite Palette an Materialien verteuert hat - unter anderem Chemikalien, Elektronik, Metalle, Verpackungen, Kunststoffe und Holz. Auch die Verkaufspreise zogen deutlich an, da viele Hersteller ihre höheren Kosten teilweise an die Kunden weitergaben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Italiens Ex-Ministerpräsident Letta im Interview: Einmalige Chance für Europa zur Reform des Binnenmarkts
10.05.2026

Europas Wettbewerbsfähigkeit gerät unter Druck, während sich das politische Kräfteverhältnis in der EU verschiebt. Kann der Kontinent...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Quantencomputing an der Börse: Was Anleger jetzt wissen sollten
10.05.2026

Quantencomputing wird für Anleger zunehmend greifbar, da technische Fortschritte und neue Börsengänge den Markt in eine neue Phase...

DWN
Politik
Politik Wie denken Jugendliche über Deutschland? Jugendstudien geben ernüchternde Antworten
10.05.2026

Psychische Belastungen sind bei jungen Deutschen auf Höchststand. Jugendliche sind zunehmend besorgt über ihre eigene Zukunft. Immer mehr...

DWN
Immobilien
Immobilien Mieten 101: Wie Sie Ihre Traumwohnung kriegen - trotz eines angespannten Immobilienmarktes
10.05.2026

Jeder kennt Horrorgeschichten von Wohnungsbesichtigungen mit 50 Bewerbern auf ebenso vielen Quadratmetern. Wie Sie als Bewerber aus der...

DWN
Panorama
Panorama Futuristische Kabinen auf alten Gleisen: Neues öffentliches Verkehrssystem mit autonomen Fahrzeugen?
10.05.2026

Stillgelegte Bahnstrecken könnten für den öffentlichen Nahverkehr im ländlichen Raum wieder an Bedeutung gewinnen. Kann Monocab OWL...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Die Box, die Distanzen schrumpfen ließ: 60 Jahre Logistik-Wunder
10.05.2026

Sie sehen aus wie bunte Bauklötze aus Stahl und passen nahtlos auf Schiffe, Züge sowie Lastwagen: Container. Als am 5. Mai 1966 das erste...

DWN
Panorama
Panorama Klimafreundlicher Straßenbau: Kälterer Asphalt soll CO2-Ausstoß senken
10.05.2026

Klimafreundlicher Asphalt wird für die Baubranche zunehmend zum Prüfstein zwischen Kosten, CO2-Reduktion und technischer...

DWN
Technologie
Technologie Antropic: Gefürchtetes KI-Modell erschüttert Banken und Regierungen
10.05.2026

Anthropic will den Zugang zu Mythos ausweiten, obwohl das Weiße Haus Sicherheitsbedenken anmeldet. Das KI-Modell soll unbekannte...