Wirtschaft

Öko-Organisation gegen Laborfleisch: „Great Reset enthält einen Plan zur Umgestaltung der menschlichen Ernährung“

Einem Bericht zufolge dient der „Great Reset“ dazu, die Macht der globalen Lebensmittel- Pharma- und Chemiekonzerne über die globale Ernährung zu stärken. Imitate aus dem Labor sollen Fleisch ersetzen. Doch es gehe nicht um Ernährung, sondern um ein großes Geschäft auf Kosten der Gesundheit der Weltbevölkerung.
18.06.2021 20:31
Aktualisiert: 18.06.2021 20:31
Lesezeit: 3 min
Öko-Organisation gegen Laborfleisch: „Great Reset enthält einen Plan zur Umgestaltung der menschlichen Ernährung“
08.08.2018, Israel, Nes Ziona: Der Startup-Gründer Didier Toubia hält eine Petrischale und ein Teller mit einem Steak in seinen Händen. In der Petrischale befinden sich bestimmte Stammzellen einer Kuh, aus denen künftig in drei bis vier Wochen ein Steak im Labor gezüchtet werden soll. (Foto: dpa) Foto: Ilia Yechimovich

Vor 30 Jahren gründete Dr. Vandana Shiva die Organisation „Navdanya“. Die Bio-Webseite „Rapunzel“ berichtet: „Das bedeutet ,Neun Samen' und steht symbolisch für den Schutz von ökologischer und kultureller Vielfalt des Saatguts. Dieses Netzwerk lokaler Gemeinden und Organisationen in Indien gilt als Pionier einer Bewegung, welche regionales Saatgut traditioneller Nahrungspflanzen sichert und bewahrt. Navdanya sammelt regionale Sorten und baut sie auf der Versuchsfarm im nordindischen Dehradun am Fuß des Himalaya an, um diese traditionellen Sorten vor dem Aussterben zu bewahren. Die Ziele: Die biologische Anbaumethoden zu fördern, die Bauern vor Abhängigkeit von patentiertem Saatgut oder Hybridsamen zu schützen, die Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen und lokale Märkte zu stärken. Parallel bietet Navdanya Weiterbildung für Bauern an und organisiert Vertriebswege für biologisch angebaute Produkte.“

Die Organisation ist nach eigenen Angaben aktiv, „um die Souveränität von Saatgut und Nahrungsmitteln sowie Kleinbauern auf der ganzen Welt zu verteidigen“. In einem Beitrag vom 9. November 2020 übt die Organisation scharfe Kritik am sogenannten „Great Reset“ des Weltwirtschaftsforums (WEF).

Das „Great Reset“ des WEF enthalte einen Plan zur Umgestaltung der globalen Lebensmittel- und Agrarindustrie sowie der menschlichen Ernährung. „Die Architekten des Plans behaupten, es werde die Nahrungsmittelknappheit, den Hunger und die Krankheit verringern und sogar den Klimawandel mildern. Ein genauerer Blick auf die Unternehmen und Think Tanks, mit denen das WEF zusammenarbeitet, um diese globale Transformation einzuleiten, legt jedoch nahe, dass das eigentliche Motiv eine strengere Kontrolle der Unternehmen über das Lebensmittelsystem durch technologische Lösungen ist. Vandana Shiva, Wissenschaftlerin, Umweltschützerin, Verfechterin und Autorin der Ernährungssouveränität, sagte gegenüber The Defender: ,Beim Great Reset geht es um multinationale Unternehmensakteure auf dem Weltwirtschaftsforum, die so viele Elemente des planetarischen Lebens wie möglich kontrollieren. Von den digitalen Daten, die Menschen produzieren, bis zu jedem Stück Lebensmittel, das wir essen‘. Laut Klaus Schwab, Gründer und Vorstandsvorsitzender des WEF, orientiert sich das Forum am Ziel, ,Privatunternehmen als Treuhänder der Gesellschaft‘ zu positionieren, um ,soziale und ökologische Herausforderungen anzugehen‘. Im Juli veröffentlichte Schwab ein 195-seitiges Buch mit dem Titel ,COVID-19: The Great Reset‘, in dem er Branchenführer und Entscheidungsträger aufforderte, ,die Pandemie gut zu nutzen‘ (…)“. Das „TIME Magazine“, dessen Besitzer das WEF-Mitglied Marc Benioff ist, habe gesagt, dass die Pandemie eine einzigartige Gelegenheit biete, um „die Art , wie wir leben, zu verwandeln“. Zu den Partnerorganisationen des „Great Reset“-Programms zählen die größten Akteure in den Bereichen Datenerfassung, Telekommunikation, Waffenherstellung, Finanzen, Pharma, Biotechnologie und Lebensmittelindustrie.

„Die Pläne des WEF für das ,Zurücksetzen‘ (,Reset, Anm.d.Red.) von Ernährung und Landwirtschaft umfassen Projekte und strategische Partnerschaften, die gentechnisch veränderte Organismen, im Labor hergestellte Proteine und Pharmazeutika sowie Industriechemikalien als nachhaltige Lösungen für Lebensmittel- und Gesundheitsprobleme bevorzugen. Zum Beispiel hat das WEF eine Organisation namens EAT Forum gefördert und mit ihnen zusammengearbeitet. Das EAT-Forum bezeichnet sich selbst als ,Davos für Lebensmittel‘, das ,einen Mehrwert für Unternehmen und Industrie schaffen‘ und ,die politische Agenda festlegen‘ will. EAT wurde von Wellcome Trust mitbegründet, einer Organisation, die mit Mitteln von GlaxoSmithKline gegründet wurde und weiterhin strategische Partnerschaften mit dem Arzneimittelhersteller unterhält. EAT arbeitet mit fast 40 Stadtregierungen in Europa, Afrika, Asien, Nordamerika, Südamerika und Australien zusammen. Die Organisation unterstützt auch das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) bei der ,Schaffung neuer Ernährungsrichtlinien‘ und Initiativen zur nachhaltigen Entwicklung. Laut Frederic Leroy, Professor für Lebensmittelwissenschaft und Biotechnologie an der Universität Brüssel, arbeitet das EAT-Netzwerk eng mit einigen der größten Fleischimitationsunternehmen zusammen, darunter Impossible Foods und andere Biotech-Unternehmen, die gesunde nahrhafte Lebensmittel durch gentechnisch veränderte Laborkreationen ersetzen möchten. ,Sie gestalten es als gesund und nachhaltig, was es natürlich nicht ist‘, sagte Leroy gegenüber The Defender. Impossible Foods wurde ursprünglich von Google, Jeff Bezos und Bill Gates kofinanziert. Jüngste Laborergebnisse zeigten, dass das Fleischimitat des Unternehmens 11-mal höhere Glyphosatwerte enthielt als sein engster Konkurrent. Die größte Initiative von EAT heißt FReSH und wird von der Organisation als Versuch beschrieben, die Transformation des Lebensmittelsystems voranzutreiben. Zu den Projektpartnern zählen Bayer, Cargill, Syngenta, Unilever und sogar der Technologieriese Google.“

Leroy sagt: „Unternehmen wie Unilever und Bayer sowie andere Pharmaunternehmen sind bereits chemische Verarbeiter. Viele dieser Unternehmen sind daher sehr gut positioniert, um von diesem neuen Lebensmittelgeschäft zu profitieren, bei dem es um die Verarbeitung von Chemikalien und Extrakten geht, die für die weltweite Herstellung dieser im Labor hergestellten Lebensmittel erforderlich sind.“

Shiva teilte „The Defender“ mit, dass das „WEF gefälschte Wissenschaft vorführt“ und „dass Schwab diese Technologien als Lösungen fördert, was beweist, dass es beim Great Reset darum geht, eine Unternehmensextraktionsmaschine und das Privateigentum am Leben zu erhalten und zu stärken“. EAT entwickelte eine so genannte „planetare Gesundheitsdiät“, die das WEF als „nachhaltige Ernährungslösung der Zukunft“ bezeichnet (HIER). Doch Leroy kritisiert: „Die Diät zielt darauf ab, die Fleisch- und Milchaufnahme der Weltbevölkerung in einigen Fällen um bis zu 90 Prozent zu senken und sie durch im Labor hergestellte Lebensmittel, Getreide und Öl zu ersetzen.“

Shiva wörtlich: „Bei der von EAT vorgeschlagenen Diät geht es überhaupt nicht um Ernährung, sondern um ein großes Geschäft und um die Übernahme des Lebensmittelsystems durch Unternehmen (…) Die einheitliche globale Ernährung von EAT wird mit westlicher Technologie und Agrarchemikalien hergestellt. Dies durch multinationale Lobbyarbeit souveränen Nationen aufzuzwingen, ist das, was ich als Lebensmittelimperialismus bezeichne.“

Mehr zum Thema:

Nach CO2-Sondersteuer: Jetzt soll auch noch unser Fleisch teurer werden

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Digitaler Impuls versus reale Werte

Am Montag hat ein einzelner Social-Media-Beitrag von Donald Trump die Finanzmärkte um 1,7 Billionen US-Dollar bewegt – und zwar nicht...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Wettbewerbsfähigkeit: Hinter verschlossenen Türen wächst die Angst
29.03.2026

Europa galt lange als stabiler Wirtschaftsraum mit klaren Regeln und berechenbaren Märkten. Doch hinter den Kulissen wächst die Sorge,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Iran-Krieg verschiebt Kräfteverhältnisse am Himmel: Europäische Airlines profitieren – wie lange noch?
29.03.2026

Stillgelegte Flughäfen, steigende Ticketpreise und neue Flugrouten: Der Iran-Krieg verändert die Dynamik im globalen Luftverkehr...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Biotech-Strategie: Warum Gubra bewusst auf spätere Deals setzt
29.03.2026

Ein Biotech-Unternehmen stellt seine Strategie radikal um und geht bewusst höhere Risiken ein. Gubra will Wirkstoffe länger selbst...

DWN
Politik
Politik Ehegattensplitting vorm Aus? Die Institution Ehe soll tiefgreifend verändert werden
28.03.2026

Beim Ehegattensplitting wird das Einkommen beider Ehe- oder Lebenspartner gemeinsam versteuert, was sich lohnt, wenn einer deutlich weniger...

DWN
Finanzen
Finanzen Prediction Markets: Der Machtkampf um ein neues Finanzsystem eskaliert
28.03.2026

Ein digitaler Milliardenmarkt wächst rasant und entzieht sich klassischen Regeln. Prediction Markets verbinden Wetten und Finanzgeschäfte...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnimmobilienmarkt: Wo Investoren jetzt und in Zukunft Rendite finden
28.03.2026

Der deutsche Wohnimmobilienmarkt stabilisiert sich spürbar. Preise steigen wieder, Transaktionen nehmen zu und Kapital kehrt zurück. Doch...

DWN
Technologie
Technologie Neuer Skoda Epiq im Check: City-SUV mit cleveren Details kommt im Herbst
28.03.2026

Der Skoda Epiq will ab Herbst den Markt der günstigen Elektro-SUVs aufmischen. Mit viel Platz, cleveren Details und moderner Technik...

DWN
Politik
Politik Krieg im Iran: Rückenwind oder Risiko für Netanjahu?
28.03.2026

Israel steht erneut im Krieg mit dem Iran, während im Inland politische Spannungen wachsen. Viele Bürger unterstützen die Angriffe, doch...