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Experten skeptisch: Kann Deutschland tatsächlich Wasserstoff-Weltmeister werden?

Lesezeit: 5 min
19.07.2021 14:00
Deutschland drückt bei der Umsetzung seiner Nationalen Wasserstoff-Strategie stark aufs Tempo. Das Ziel ist sehr ambitioniert: Das Land soll bei dem künftigen Energieträger weltweit die Nummer eins werden. Experten sind skeptisch.
Experten skeptisch: Kann Deutschland tatsächlich Wasserstoff-Weltmeister werden?
Alle großen Stahlunternehmen in Deutschland sollen einen wichtigen Beitrag bei den Wasserstoff-Projekten leisten. (Foto: dpa)
Foto: Roland Weihrauch

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Deutschland schaltet bei der Einführung von Wasserstoff als neuem Energieträger einen Gang rauf. So haben 16 deutsche Unternehmen die H2Global Stiftung gegründet, deren Aufgabe es ist, den internationalen Markthochlauf von grünem Wasserstoff nach vorne zu treiben. Das erklärte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums auf Anfrage der DWN.

Die Organisation kauft den Rohstoff oder Derivate im Ausland mit langfristigen Verträgen an und verkauft diese in Deutschland über jährliche Auktionen. Das Vergabeverfahren für die Derivate aus grünem Wasserstoff startet noch in diesem Jahr. Mit Lieferungen der Wasserstoffprodukte ist ab 2024 zu rechnen.

Die Bundesregierung fördert das Projekt mit finanziellen Mittel, die die Differenz zwischen dem Ankaufspreis der Wasserstoffderivate und Verkaufspreis im Inland ausgleichen und so einen Anreiz für den Markthochlauf setzen sollen. Der zeitliche und finanzielle Rahmen für die Unterstützung beträgt 900 Millionen Euro für die kommenden zehn Jahre.

Zu den Gründungsunternehmen gehören traditionsreiche deutsche Konzerne wie Siemens Energy, Thyssenkrupp und die Deutsche Bank. Darüber hinaus beteiligen sich daran Energietechnologe-Firmen wie Nordex, MAN Energy Solutions und Hydrogenius LOHC Technologies sowie zehn weitere Unternehmen.

„Es ist ein herausragendes Beispiel für die Kopplung einer innovativen Industrie mit einer nachhaltigen Energiepolitik. Dabei leistet H2Global einen wichtigen Beitrag für einen wettbewerbsstarken und klimaneutralen Technologiestandort Deutschland“, lobte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sein neues Produkt in höchsten Tönen.

Damit drückt die Bundesregierung bei der Umsetzung ihrer Wasserstoff-Strategie stark aufs Tempo, die sie vor knapp einem Jahr verkündet hatte. Es geht insbesondere darum, den Ausstoß von Kohlendioxid zu begrenzen und das Klima zu schützen. Doch das ist noch nicht alles: Gerade Mitte Mai hat die Bundesregierung ihre Klimaziele noch einmal verschärft und sich dadurch selbst noch mehr unter Druck gesetzt.

Deutschland wählt 62 Großprojekte für europäische Förderung aus

Jetzt soll Deutschland bereits im Jahr 2045 klimaneutral sein, also fünf Jahre schneller als ursprünglich anvisiert. Ebenso soll bis 2030 der Ausstoß von Kohlendioxid noch einmal wesentlich stärker als bisher geplant reduziert werden. Nun soll eine Reduktion von 65 Prozent der Treibhaus-Emissionen erreicht werden, die 1990 ausgestoßen worden sind. Zuvor waren es 55 Prozent. Und bis 2040 gilt der neue Wert von 88 Prozent – ein Etappenziel, das bislang gar nicht in den Plänen geregelt war.

Da der Druck so groß ist, hat die Bundesregierung vor kurzem neben der HO2-Stiftung noch einen weiteren wichtigen Schritt bei der Umsetzung der Wasserstoff-Strategie gemacht. So hat sie 62 Groß-Projekte aus Deutschland ausgewählt, die durch ein besonderes europäisches Programm gefördert werden sollen.

Die Fördersumme beträgt insgesamt 33 Milliarden Euro. Die Bundesregierung hat 50 Projekte für Erzeugungsanlagen für Grünen Wasserstoff ausgewählt, die zwei Gigawatt Leistung herstellen. Das entspricht 40 Prozent des in der Nationalen Wasserstoffstrategie gesetzten Ziels von fünf Gigawatt bis 2030.

Darunter befinden sich alle Stahlunternehmen, die in Deutschland aktiv sind, wie ArcelorMittal, Stahl Holding Saar, Salzgitter Stahl und Thyssenkrupp Steel. Auch eine Reihe von Vorhaben der Chemieindustrie, beispielsweise von BASF am Standort Ludwigshafen, befinden sich darunter. Es geht unter anderem darum, ohne Ausstoß von Kohlendioxid Wasserstoff herzustellen.

„Wir machen Deutschland zum Wasserstoff-Land“, sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. „Dabei denken wir die Mobilität neu, europäisch und ganzheitlich – vom Energiesystem über die Antriebstechnologien bis hin zur Tankinfrastruktur. Derzeit ist der Verkehr noch zu mehr als 95 Prozent vom Einsatz fossiler Energien abhängig. Daher brauchen wir dringend Mobilität, die auf erneuerbare Energien setzt. Grüner Wasserstoff und Brennstoffzellen sind – quer über alle Verkehrsträger hinweg – eine super Ergänzung zu reinen Batteriefahrzeugen“, erklärte das Regierungsmitglied.

Hintergrund: Im Mittelpunkt der Nationalen Wasserstoff-Strategie steht, „einen Handlungsrahmen für die künftige Erzeugung, den Transport und die Nutzung von Wasserstoff und damit für entsprechende Innovationen und Investitionen zu schaffen“. Dort ist von mehreren Milliarden Euro die Rede, die in die Umsetzung der Strategie gesteckt werden sollen. Bundeswirtschaftsminister Altmaier betonte später immer wieder, dass „Deutschland weltweit sogar die Nummer eins beim Wasserstoff werden sollte“ – ein sehr ehrgeiziges Ziel also.

Am 30. September hat die Bundesregierung einen weiteren Schritt gemacht, um dieses Ziel zu erreichen. Sie gründete das Forschungsnetz Wasserstoff, das als Forum für Expertinnen und Experten aus Industrie, den Hochschulen und den Forschungsinstituten dient, die sich sektorübergreifend austauschen sollen. Das Netzwerk umfasst rund 1.000 Mitglieder.

Anfang November hob die deutsche Regierung zudem noch den Nationalen Wasserstoff-Rat aus der Taufe. Sie betrachtet ihn als „unabhängiges, überparteiliches Beratungsgremium“. Der Rat besteht aus 26 unterschiedlichen Expertinnen und Experten – beispielsweise aus Wirtschaft und Wissenschaft. Sie sollen die Bundesregierung beraten.

Diese sind alles wichtige Etappen gewesen, die Deutschland erreicht hat. Warum die Bundesregierung gerade jetzt im Jahr 2021 noch einmal aufs Tempo drückt, sind für manche Experten nicht eindeutig:

„Meine Interpretation ist, dass die Bundesregierung ein Subventionsprogramm für Grundstoffindustrien vorbereitet“, sagte Politikwissenschaftler Klaus Jacob von der FU Berlin im Gespräch mit den DWN. „Dabei spielt Wasserstoff eine wichtige Rolle, also sollen beispielsweise Stahlhersteller Subventionen dafür bekommen, dass sie von Kohle auf Wasserstoff umstellen – und zwar sowohl für Investitionen als auch für höhere Betriebskosten. Ein Zeitdruck ergibt sich dadurch, dass solche Subventionen durch die EU- Kommission geprüft werden und in den Beihilferahmen passen müssen, der gerade überarbeitet wird“, so der Wissenschaftler.

Experte: Ziele der Bundesregierung kaum zu erreichen

„Wir beurteilen die angedachten Subventionen kritisch. Es gehen davon keine Anreize aus, weniger Stahl oder Zement zu verbrauchen. Wir sehen die Notwendigkeit von Hilfen für die Umstellung, regen aber an, dass dies durch Aufkommen von Verbrauchssteuern auf Grundstoffe refinanziert werden. Also beispielsweise der Verbrauch von Zement wird besteuert. Aus dem Aufkommen erhalten die Hersteller, die auf Verfahren umstellen, die CO2-arm oder sogar -frei sind, ihre Beihilfen. Das könnte man sogar national machen“, so Jacob.

Darüber hinaus zeigen sich andere Fachleute von dem Wasserstoff-Programm insgesamt nicht so überzeugt: „In erster Linie sind die gesetzten Ziele kaum zu erreichen“, sagte ein Experte im Gespräch mit den DWN. „Deutschland will bis 2030 Produktionsanlagen errichten, die eine Leistung von fünf Gigawatt erreichen. Wenn wir nur einen Teil davon schaffen, können wir froh sein“, erklärte er. „Ähnliche Erfahrungen haben auch die Hersteller von Photovoltaik-Anlagen gemacht, die vom Staat gefördert worden sind. Die Ziele waren mit einer Technologie, die sich noch gar nicht richtig bewiesen hat, im Prinzip nicht zu erreichen gewesen,“ fügte der Fachmann hinzu.

 


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