Politik

Wo ist Kamala Harris? Über die Entzauberung einer einstigen Hoffnungsträgerin

Kamala Harris wurde bejubelt als erste Frau und erste Schwarze im US-Vizepräsidenten-Amt. Doch der große Enthusiasmus ist verflogen. Harris ist weitgehend unsichtbar, hinter den Kulissen wachsen die Spannungen.
11.10.2021 10:00
Aktualisiert: 11.10.2021 10:31
Lesezeit: 3 min

Christiane Jacke von der dpa beschreibt den politischen Rückzug von Kamala Harris:

Kamala Harris sitzt in einem prunkvollen Raum in ihrem Amtsgebäude gleich neben dem Weißen Haus. Von der verzierten Decke hängen Kronleuchter, hinter der US-Vizepräsidentin prangt ein gewaltiger goldgerahmter Spiegel an der Wand. Um den wuchtigen Tisch in der Mitte des Raums hat die Demokratin mehrere Kabinettsmitglieder versammelt, andere Vertreter von Ministerien sind per Video zugeschaltet. Der Anlass ist etwas weniger pompös: das Treffen einer Arbeitsgruppe «zur Organisierung und Stärkung von Arbeitnehmern». Nebenan im Weißen Haus geht es derweil ums Eingemachte.

Joe Biden kämpft seit Wochen um die innenpolitischen Kernvorhaben seiner Präsidentschaft: zwei gewaltige Investitionspakete, die wegen Widerstandes aus den Reihen der Demokraten im Kongress wackeln. Biden war zuletzt mit kaum etwas anderem beschäftigt, führte wesentliche Verhandlungsgespräche selbst. Harris dagegen spielte bei diesem zentralen Kraftakt der Regierung nach außen hin kaum eine Rolle.

Welche Art von Vize ist sie für Biden?

Biden hat versprochen, als echtes Team mit Harris zu regieren und sie maßgeblich in alle großen Entscheidungen einzubinden. Im Kampf um sein innenpolitisches Vermächtnis aber scheint es, als setze der 78-Jährige vor allem auf seine eigenen Erfahrungen und Kontakte. Harris war zwar Senatorin, bevor sie Vizepräsidentin wurde. Aber sie saß nur vier Jahre im Senat, Biden dagegen 36 Jahre. Seine Jahrzehnte im Kongress und seine außenpolitische Erfahrung waren ein wichtiger Grund, warum Präsident Barack Obama Biden vor zwölf Jahren zu seinem Vize machte. Biden brachte Erfahrung mit, die Obama fehlte.

Harris' Rolle für Biden ist eine andere. Ihm dient sie, um andere Teile der Bevölkerung anzusprechen: Jüngere, Frauen, Schwarze, Asiatischstämmige und jene, die im Leben auf Barrieren stoßen, die einem weißen Mann fremd sind. Harris sollte seine Präsidentschaft jünger, moderner, vielfältiger machen. Und in die Zukunft weisen.

Die 56-Jährige wurde frenetisch bejubelt und gefeiert als die erste Frau und erste Schwarze im Vizepräsidenten-Amt der USA. Der Aufstieg der Tochter von Einwanderern aus Jamaika und Indien ist für viele ein Paradebeispiel für Amerikas Verheißung als Land der unbegrenzten Möglichkeiten - und dafür, dass auch in den USA die Zeiten vorbei sind, in denen die höchsten politischen Ämter Männern vorbehalten waren. Der Rückenwind für Harris zum Start hätte kaum größer sein können. Mancher hatte gar erwartet, sie könnte Biden ein Stück weit die Schau stehlen. Doch das ist nicht passiert. Im Gegenteil.

Ein heikles Thema für Harris

In den ersten Wochen der neuen Regierung kam Harris inhaltlich zunächst so gut wie gar nicht vor. Sie war zwar bei vielen Biden-Terminen dabei, aber meist nur als Teilnehmerin im Hintergrund, quasi als Sekundantin für die Kameras. Im Frühling gab Biden ihr dann ein großes eigenes Thema: Er beauftragte Harris, sich um die Eindämmung der Migration aus Mittelamerika zu kümmern. Ausgerechnet.

Kaum ein Thema wird in den USA derart aufgeheizt diskutiert wie die Einwanderung über die Grenze zu Mexiko. Die Zahl illegaler Grenzübertritte ist auf dem höchsten Stand seit gut 20 Jahren. Die Regierung steht deswegen zunehmend unter Druck. Und Harris ist nun das Gesicht für die Probleme. Ihr Team bemühte sich zwar nach Kräften zu betonen, sie sei für die Bekämpfung der Fluchtursachen zuständig, nicht für die Lage an der Grenze. Doch das verhallte ungehört.

Im Juni reiste Harris dann nach Guatemala und Mexiko. Der erste Auslandstrip ihrer Amtszeit verlief nicht optimal. Ihre dort kundgetane Botschaft an Migranten («Kommt nicht») brachte Harris beim linken Flügel der eigenen Partei viel Kritik ein. Hinzu kam ein missglücktes Fernsehinterview während der Reise, bei dem sie auf die erwartbare Frage, wann sie selbst an die Grenze reisen würde, keine Antwort parat hatte, sondern verbal ins Stolpern geriet. Der Sender CNN berichtete, auch im Weißen Haus habe dies Verblüffung ausgelöst.

Es folgten Schlagzeilen über Frust, Kommunikationsprobleme und frostige Stimmung in Harris' Mannschaft. Mitarbeiter schmissen demnach entnervt hin. Auch von Spannungen zwischen Bidens und Harris' Teams war die Rede. Bidens Stabschef Ron Klain fühlte sich bemüßigt zu erklären, der Präsident habe volles Vertrauen in Harris.

Eine nicht zu bewältigende Aufgabe?

Biden gab ihr schließlich ein weiteres Thema, das ebenfalls keine raschen Lösungen verspricht: das Wahlrecht, das im Wesentlichen von den Bundesstaaten gestaltet wird und extrem umkämpft ist. Hat Biden Harris mit den beiden hoch komplexen Themen die Chance gegeben, sich auf schwierigem Terrain zu profilieren? Oder hat er sie damit gezielt in eine aussichtslose Lage manövriert? In Umfragen jedenfalls geht es für Harris seit ihrem Mittelamerika-Trip im Juni nach unten.

Erst in den vergangenen Tagen folgte ein weiterer Patzer: Bei einem Besuch an einer Universität im Bundesstaat Virginia ließ Harris den Vorwurf einer Studentin unwidersprochen, Israel begehe «ethnischen Völkermord». Das löste Irritationen aus.

Die Serie negativer Schlagzeilen wirft Fragen zu Harris' Zukunft auf. Sie wurde eigentlich als natürliche Nachfolgerin von Biden gehandelt, wenn dieser - mit dann Anfang 80 - nicht für eine zweite Amtszeit antreten sollte. In der US-Geschichte wurden 15 der bislang 48 Vizepräsidenten später selbst zur Nummer eins im Staat: Neun rückten auf, weil der Präsident starb oder zurücktrat. Vier wurden direkt im Anschluss an ihre Vize-Zeit ins Oval Office gewählt. Zwei weitere schafften es erst Jahre nach ihrer Vizepräsidentschaft per Wahl ins Präsidentenamt - einer davon Biden. Und Harris? Inzwischen gibt es auch in ihrer Partei Zweifel, ob sie die richtige Wahl wäre.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

DWN
Finanzen
Finanzen Jetzt juckt es mich beim Anthropics-IPO in den Fingern
01.11.2026

Als ich vor einem Monat darüber schrieb, warum ich derzeit nicht in Anthropic investieren möchte, waren meine wichtigsten Argumente der...

DWN
Politik
Politik Robert Habeck warnt vor Putins nächster Falle: „Wir dürfen nicht wieder wegsehen“
01.11.2026

Europa hat die Gefahr durch Putin lange unterschätzt. Der frühere Wirtschaftsminister Robert Habeck fürchtet, dass sich dieser Fehler in...

DWN
Unternehmen
Unternehmen US-Logistikkonzern C.H. Robinson verblüfft mit KI-gestütztem Gewinnsprung: So ist das gelungen!
01.11.2026

28 Prozent weniger Mitarbeiter, über 60 Prozent mehr Produktivität und Frachtangebote in nur 31 Sekunden: Der US-Logistikkonzern C.H....

DWN
Technologie
Technologie Millionen Hackerangriffe wegen PHP-Sicherheitslücke: Wie sicher sind Websites noch und was ist zu tun?
01.11.2026

Millionen Hackerangriffe innerhalb weniger Stunden, abgeschaltete Regierungswebsites und eine PHP-Sicherheitslücke, die seit mehr als...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Quantum-Systems-Chef in Litauen: Drohnen kann man nicht im Lager anhäufen, Bedrohungen verändern sich
01.11.2026

Quantum Systems baut seine Präsenz in Litauen aus und wird dort die Bundeswehr-Brigade unterstützen. Produktionspläne hängen jedoch von...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kupferpreise auf Rekordhoch: Warum das Kupfermetall knapp wird
01.11.2026

Das Industriemetall ist nicht nur bei Diebesbanden gefragt. Kaum eine Zukunftsbranche kommt ohne den Leiter zurecht. Nach Bewertung der IEA...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Server statt Spielzeug: Playmobil-Werk wird Rechenzentrum
01.11.2026

Die Mutter der bekannten Spielwarenmarke hat die Produktion ins Ausland verlagert. 350 Mitarbeitende verloren dabei ihren Arbeitsplatz....

DWN
Immobilien
Immobilien Preisschock am Bau: Neue KI soll explodierende Materialkosten und Baustopps verhindern
01.11.2026

Kriege, Krisen und explodierende Rohstoffpreise bringen die Baubranche zunehmend unter Druck. Bauprojekte werden teurer, Kalkulationen...