Finanzen

Die Zentralbanken waren lange zu erfolgreich - jetzt müssen sie wieder Bescheidenheit lernen

In gewisser Weise waren die Zentralbanken lange zu erfolgreich. Denn das hat die Währungshüter glauben gemacht, dass die niedrige Inflation der letzten Jahrzehnte ihrem Können und ihrer Expertise zuzuschreiben war. Doch stimmt das?
Autor
avtor
02.01.2022 11:00
Lesezeit: 3 min
Die Zentralbanken waren lange zu erfolgreich - jetzt müssen sie wieder Bescheidenheit lernen
Venezuela, Caracas: Demonstranten haben Geldscheine, die wegen der horrenden Inflation so gut wie nichts mehr wert sind, Bereitschaftspolizisten vor die Füße geworfen. So schlimm wie in dem südamerikanischen Staat wütet die Inflation in Europa nicht. Dennoch gibt sie Anlass zu Besorgnis. (Foto: dpa) Foto: Rayner Pena

In den letzten Jahrzehnten ist die Arbeit der Notenbanker irgendwie langweilig und frustrierend geworden. In den 1990er Jahren hatten sie ihre Unabhängigkeit erhalten, weil das der beste Weg zu sein schien, um Preisstabilität sicherzustellen. Die vorherrschende Ansicht war (damals), dass, wenn man den Regierungen die Kontrolle über die Geldpolitik überließe, dies zu Konjunkturimpulsen führen würde, die letztlich eine höhere Inflation ohne merklichen Anstieg der Produktionsleistung oder Beschäftigung befeuern würden. Die Lösung sei, umsichtige Technokraten zu ernennen, deren einzige Aufgabe darin bestünde, ein Inflationsziel festzulegen und einzuhalten.

In gewisser Hinsicht war dieser Ansatz zu (!) erfolgreich. Die Inflation blieb 20 Jahre lang niedrig, insbesondere auch nach der globalen Finanzkrise – einer Episode, die den Notenbankern auf die harte Tour die enorme Bedeutung der Finanzstabilität vermittelte. Der Preisanstieg verlangsamte sich kaum, selbst als die Wirtschaft 2009 abstürzte (das sogenannte „Rätsel der ausgebliebenen Deflation“), und blieb niedrig, als die Erholung langsam an Fahrt gewann und zur Vollbeschäftigung führte. In den USA bewegte sich die Inflation während dieser beiden Jahrzehnte in einem engen Korridor um zwei Prozent, in der Eurozone lag sie zwischen ein und zwei Prozent und in Japan bei unter ein Prozent.

Natürlich behaupteten die Notenbanken, dass diese niedrige und stabile Inflation das Ergebnis ihrer geschickten Geldpolitik sei, trotz des Handicaps, dass sie die Zinsen nicht deutlich unter null drücken konnten. Doch für einen Außenstehenden bleibt es ein Rätsel, warum etwa die Europäische Zentralbank ihr früheres Inflationsziel von „mittelfristig knapp unter zwei Prozent“ nicht erreichen konnte, obwohl sie ein Programm zum Ankauf von Anleihen im Wert von Billionen Euros umsetzte.

Eine Untersuchung der EZB selbst gibt vor, zu zeigen, dass die Asset-Käufe der Bank (die „quantitative Lockerung“) sehr effektiv waren. Doch wirft dies die Frage auf, ob ein paar hundert Milliarden Euro mehr das Inflationsziel erreicht hätten. Zudem legt eine kritische Betrachtung der Notenbankuntersuchung nahe, dass die quantitative Lockerung bei der Bekämpfung der Deflation nicht so wirksam war, wie angenommen wird.

Es schien daher, dass die Fähigkeit der Geldpolitik, die Inflation auf genau zwei Prozent zu drücken, begrenzt war. Für die Notenbanker war das frustrierend. Doch der Öffentlichkeit war es weitgehend egal, weil die Deflation nie eine aktive Gefahr darstellte und die Verbraucher keinen echten Unterschied zwischen einer Inflationsrate von beispielsweise 1,2 Prozent und einer von zwei Prozent wahrnahmen. Die langjährige Abwesenheit ernster Sorgen über die Preisstabilität war womöglich ein Grund, warum die Notenbanken in letzter Zeit Ausflüge in andere Bereiche unternahmen, wie etwa in die Ökologisierung ihrer Geldpolitik.

Darüber hinaus aktualisierten, weil die Inflation viele Jahre lang leicht unter dem Zielwert gelegen hatte, sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die amerikanische Federal Reserve ihre geldpolitischen Strategien. Zu Beginn dieses Jahres verabschiedete die EZB ein neues symmetrisches Inflationsziel von zwei Prozent („symmetrisch“ bedeutet, dass leichte Abweichungen von zwei Prozent nach oben oder unter akzeptabel sind). Die Fed erklärte 2020 ausdrücklich, dass sie es zulassen würde, dass die Inflation „für eine gewisse Zeit moderat über zwei Prozent“ läge, wenn sie zuvor länger unter diesem Niveau gelegen habe. Zudem ergänzte die Fed, deren zweifaches Mandat auch die Förderung der Vollbeschäftigung umfasst, dass sie sich bemühen würde, „Beschäftigungsdefizite“ zu begrenzen.

Doch ist die Ära stabiler, niedriger Inflation, die diese Änderungen ausgelöst hat, nun plötzlich zu Ende gegangen. Die Inflation steigt derzeit auf beiden Seiten des Atlantiks steil an, was auf die gemeinsamen Auswirkungen massiver Steuerimpulse, einer unerwartet starken Erholung der privaten Nachfrage, Lieferbeschränkungen als Folge logistischer Engpässe sowie höheren Energiepreise zurückzuführen ist.

In der Eurozone schoss die Inflation im Oktober auf ein Mehrjahreshoch von 4,1 Prozent und dann im November auf 4,9 Prozent, den höchsten Stand seit Einführung des Euro. Selbst die Kerninflation, die die schwankungsanfälligen Energie- und Lebensmittelpreise unberücksichtigt lässt, liegt inzwischen bei 2,6 Prozent und steigt weiter an. In den USA ist die Inflation sogar noch höher; die Jahresverbraucherpreise stiegen im Oktober um 6,2 Prozent. Die neuen Strategien der EZB und der Fed nehmen sich nun aus wie ein Fall der Anpassung des Mitarbeiterhandbuchs zur Führung des alles entscheidenden letzten Krieges. Zum Glück gibt es Anzeichen, dass die politischen Entscheidungsträger diese Ansätze inzwischen ignorieren und dass ihre konservativen Instinkte zurückkehren.

In den USA ist dies bereits klar. Nur wenige Tage, nachdem Präsident Joe Biden ihn für eine zweite vierjährige Amtszeit im Amt bestätigte, machte Notenbankchef Jerome Powell deutlich, dass die Inflation sich zu einer echten Gefahr entwickele, was eine schnellere Beendigung des Anleihekaufprogramms der Fed erfordere. Es ist seitens der Geldpolitiker keine Rede mehr von einer Begrenzung der „Beschäftigungsdefizite“, weil das Bemühen um ein hohes Beschäftigungsniveau wenig Sinn ergibt, wenn Millionen Menschen freiwillig aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden sind.

Die Fed scheint daher im Verlauf nur weniger Wochen wieder auf ihren traditionellen Modus der Inflationsbekämpfung umgeschwenkt zu sein. In der Eurozone spielt sich der Wandel langsamer ab, was unter anderem daran liegt, dass in den Entscheidungsfindungsprozess der EZB viel mehr Personen eingebunden sind. Das EZB-Präsidium hat 21 stimmberechtigte Mitglieder (von insgesamt 25), verglichen mit nur zwölf im Offenmarktausschuss der Fed. Darüber hinaus fällt die Überschreitung des Inflationsziels in der Eurozone geringer aus. Doch selbst hier muss man fragen, ob notfallbedingte Anleihekäufe heute noch erforderlich sind.

Es ist zu früh, um zu sagen, ob wir bald wieder eine niedrige Inflation haben werden. Für den Moment jedoch müssen sich die Notenbanker wieder auf ihre traditionelle Aufgabe konzentrieren. Auch die hohe Inflation der 1970er Jahre begann mit Produktionsengpässen und steigenden Energiepreisen und wuchs sich zu einer Epidemie aus, weil die politischen Entscheidungsträger zu lange darauf setzten, dass der Preisdruck vorübergehender Art bleiben würde. Die heutigen Notenbanker müssen diese schwierige Lektion neu lernen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Copyright: Project Syndicate, 2021.

www.project-syndicate.org

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Daniel Gros

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Daniel Gros ist Direktor des europapolitischen Instituts der Università Commerciale Luigi Bocconi.

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