Deutschland

Gesamte MV-Werftengruppe meldet Insolvenz an

Die MV-Werftengruppe hat am Montag Insolvenz angemeldet. Neben den Ostseewerften ist auch eine Bremerhavener Werft von der Pleite betroffen.
10.01.2022 11:37
Aktualisiert: 10.01.2022 11:37
Lesezeit: 3 min
Gesamte MV-Werftengruppe meldet Insolvenz an
Schiffbauer arbeiten von einer Hubbühne aus an einem der insgesamt drei Azipods unter dem im Bau befindlichen Kreuzfahrtschiff "Global Dream" im Dock der MV-Werft. (Foto: dpa) Foto: Jens Büttner

Am Ende halfen gegenseitige Appelle der MV-Werften-Führung und der Verantwortlichen von Bund und Land auch nicht mehr: Die Werften-Gruppe hat am Montag beim Amtsgericht Schwerin den Insolvenzantrag eingereicht. Die Langzeitfolgen der Corona-Pandemie auf dem Kreuzfahrtmarkt zwangen das Unternehmen in die Knie.

Noch am Sonntag hatten der Präsident von Eigner Genting Hongkong, Colin Au, und Werften-Geschäftsführer Carsten Haake Bund und Land aufgefordert, ihre ablehnende Haltung gegenüber der Baufinanzierung des riesigen Kreuzfahrtschiffes "Global Dream" zu überdenken. Das rund 1,5 Milliarden Euro teure Schiff sei zu 75 Prozent fertiggestellt, die Auslieferung an den Mutterkonzern für September dieses Jahres geplant, sagte Au. Er verwies auf die rund zwei Milliarden Euro, die sein Unternehmen seit 2016 an den drei Standorten Wismar, Warnemünde und Rostock in Produktionsstätten und Schiffe investiert habe.

Doch die Fertigstellung der für den asiatischen Markt konzipierten "Global Dream" für bis zu 9500 Passagiere steht nun in den Sternen, nachdem die Verhandlungen zur weiteren Finanzierung scheiterten. Rund 600 Millionen Euro sollten aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds des Bundes bereitgestellt werden. Im Gegenzug verlangte der Bund nach dpa-Informationen einen Eigenbeitrag des Eigentümers von 60 Millionen Euro. Als Sicherheit für die Finanzspritze des Bundes sollte das Schiff verwendet werden. Auch die Landesregierung war zu einer weiteren Finanzspritze bereit. Doch bis zuletzt blieben die Forderungen der Politik unerfüllt.

Der Genting-Konzern hatte die Werften 2016 übernommen, um dort für eigene Reedereien Kreuzfahrtschiffe bauen zu lassen. Nach dem coronabedingten Zusammenbruch des Kreuzfahrtmarktes Anfang 2020 war Genting aber in finanzielle Schieflage geraten und die für 2021 erwartete Trendwende blieb aus. Colin Au betonte zwar, dass in Asien die Kreuzfahrtbranche wieder gestartet sei und profitabel arbeite. Doch aus Verhandlungskreisen von Bund und Land war zu hören, dass diese Meinung dort kaum geteilt wurde.

Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) sprach von einem Schwarze-Peter-Spiel im Ringen um die Werften. Es sei im Interesse der Landesregierung, der Beschäftigten und des Schiffbaus, die Werftenstandorte zu erhalten, hatte er noch kurz vor dem Insolvenzantrag betont.

Gut vorstellbar ist, dass auch die Klage der Werften gegen das Land die Fronten verhärtet hatten. Die Werften forderten die Auszahlung von 78 Millionen Euro. Dies sei 2021 vereinbart worden, sollte Genting eine gewisse Liquiditätsschwelle erreichen, hieß es. Doch das Landgericht Schwerin war vergangene Woche davon ausgegangen, dass die aktuellen Liquiditätsprobleme des Konzerns so nicht gelöst werden könnten. Ob der für Dienstag angesetzte Gerichtstermin noch Bestand haben wird, war zunächst nicht zu klären.

Die rund 1900 Werftmitarbeiter hatten bis zuletzt gehofft, dass es doch noch zu einem Kompromiss kommen würde, das Schiff fertiggestellt und die ausstehenden Löhne gezahlt werden können. Ende voriger Woche hatte die Werftleitung darüber informiert, dass die Zahlung der Löhne und Gehälter in Höhe von rund acht Millionen Euro ausgesetzt wurde.

Hintergrund: Auf und ab für ostdeutsche Werften

Die Werften sind das industrielle Rückgrat des eher strukturschwachen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Doch ist die Branche leidgeprüft. Bis 1990 hatte die Fischerei- und Handelsflotte der damaligen DDR für volle Auftragsbücher gesorgt, vor allem aber die Sowjetunion, die nach dem Mauerfall jedoch als Großabnehmer wegfiel.

Fehlende Aufträge und starke internationale Konkurrenz führten dazu, dass von ehemals knapp 50 000 zunächst nur 10 000 Werftarbeiter nach dem Neustart zu Beginn der 90er Jahre ihre Jobs behielten. Der Bau von Containerschiffen erwies sich auf Dauer nicht als tragfähiges Geschäftsmodell. Insolvenzen und Weiterverkäufe der Werften in Wismar, Rostock, Stralsund und Wolgast sorgten mit dafür, dass der personelle Aderlass weiterging.

Nach der fehlgeschlagenen ersten Privatisierung eines Teils der Werften an den Bremer Vulkan-Verbund durch die Treuhand 1992 kamen die Werften in unterschiedlichen Verbindungen in dänischen, norwegischen und russischen Besitz. Zwischenzeitlich gerieten sie so in ruhigere Fahrwasser. Doch mussten Bund und Land vereinzelt eingreifen, um die Unternehmen zu retten - und dabei auch Verluste im dreistelligen Millionenbereich hinnehmen.

Von der jüngsten Firmenpleite sind die Standorte Wismar, Rostock-Warnemünde und Stralsund betroffen. Sie sind seit 2016 unter dem Namen MV Werften in Besitz des chinesisch-malaysischen Genting- Konzerns. Dieser hatte die Werften gekauft und dort investiert, um für eigene Reedereien Kreuzfahrtschiffe zu bauen. Auf den drei Werften waren nach Unternehmensangaben zuletzt noch etwa 1900 Werftarbeiter beschäftigt. Rund 600 waren infolge der Corona-Krise bereits 2021 in Transfergesellschaften ausgegliedert worden.

Der Ausbruch der Pandemie Anfang 2020 hatte Genting Hongkong schwer getroffen. Der asiatische Tourismus-Konzern betreibt Kreuzfahrtschiffe unter den Marken Star Cruises, Dream Cruises und Crystal Cruises sowie die Resorts World Manila (RWM). Hinter dem Unternehmen, das allein 2020 einen Verlust von 1,72 Milliarden US-Dollar hinnehmen musste, steht die Genting Gruppe - ein Konglomerat des malaysischen Casino-Magnaten und Milliardärs Lim Kok Thay. Vor der Krise waren China und Hongkong die größten Märkte für die Kreuzfahrten des Unternehmens.

Auch Bremerhavener Lloyd-Werft geht in die Insolvenz

Im Gefolge der MV-Werften an der Ostsee hat auch die traditionsreiche Lloyd-Werft in Bremerhaven am Montag Insolvenz angemeldet. Das bestätigte das Amtsgericht Bremerhaven auf Anfrage. Vorher hatte das Regionalmagazin "Buten un binnen" darüber berichtet. Bei dem Bremerhavener Schiffbaubetrieb geht es um etwa 300 Arbeitsplätze.

Als vorläufiger Insolvenzverwalter wurde der Hamburger Rechtsanwalt Per Hendrik Heerma eingesetzt. Er hatte diese Funktion auch bei der Elsflether Werft übernommen, die 2019 mit der Sanierung des Marineschulschiffs "Gorch Fock" gescheitert war.

Wie die MV-Werften in Mecklenburg-Vorpommern gehört auch die 1857 gegründete Lloyd-Werft dem asiatischen Genting-Konzern. An der Lloyd-Werft hat die Bremerhavener Stahl- und Schiffbaugruppe Rönner Interesse bekundet. Verkaufsgespräche brachten aber kein Ergebnis. Auch soll es ausländische Interessenten an Lloyd geben.

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