Politik

Für Putin sind Russen und Ukrainer ein Volk, doch nicht für Selenskyj

Für Putin sind Russen und Ukrainer ein Volk. Doch der ukrainische Präsident sieht das anders. Unabhängig davon gibt es eine Realität, die erkannt werden muss: Die Donbass-Region ist längst ein inoffizieller Teil Russlands.
27.01.2022 19:25
Lesezeit: 3 min

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kam im Jahr 2019 an die Macht. Er versprach, den Konflikt in der Donbass-Region zu beenden. Doch jetzt wird deutlich: Selenskyj ist nicht imstande, den Krieg in der Ost-Ukraine zu beenden. Er ist auch nicht bereit, Kompromisse einzugehen, zumal er verständlicherweise auf der territorialen Integrität der Ukraine besteht, wobei die Donbass-Region faktisch längst verloren ist. Gegenüber Russland als kulturelles und historisches Gebilde weist er eine distanzierte Haltung auf.

Russlands Präsident Wladimir Putin betrachtet die Ukraine hingegen als Teil der russischen Gemeinschaft. Am 12. Juli 2021 unterstrich dies Putin in einem Artikel mit dem Titel „Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“, der auf der Webseite des Kremls veröffentlicht wurde.

Darin führt Putin aus:

„Russen, Ukrainer und Weißrussen sind alle Nachkommen der alten Rus, dem größten Staat Europas. Slawische und andere Stämme auf dem riesigen Territorium von Ladoga, Nowgorod und Pskow bis nach Kiew und Tschernigow waren durch eine Sprache (die wir heute als Altrussisch bezeichnen), wirtschaftliche Bindungen und die Herrschaft der Fürsten der Rurik-Dynastie miteinander verbunden, und – nach der Taufe von Rus – auch durch den orthodoxen Glauben. Die geistliche Wahl des Heiligen Wladimir, der sowohl Fürst von Nowgorod als auch Großfürst von Kiew war, bestimmt noch heute weitgehend unsere Zugehörigkeit. Der Thron von Kiew hatte eine beherrschende Stellung in der alten Rus (…) Im Wesentlichen entschieden sich die herrschenden Kreise der Ukraine jedoch dafür, die Unabhängigkeit ihres Landes mit der Leugnung ihrer Vergangenheit zu rechtfertigen, abgesehen von Grenzfragen. Sie begannen, die Geschichte zu mythologisieren und neu zu schreiben, alles herauszuschneiden, was uns verband. Sie umschreiben die Zeit, als die Ukraine Teil des Russischen Reiches und der Sowjetunion gewesen ist, als eine Zeit der Besatzung.“

Putin kritisiert die EU und die USA wegen des Ukraine-Konflikts

Lange vor dem Jahr 2014 hätten die EU und die USA die Ukraine dazu gedrängt, ihre wirtschaftlichen Verbindungen mit Russland zu kappen. „Schritt für Schritt wurde die Ukraine in ein gefährliches geopolitisches Spiel hineingezogen, das darauf abzielte, die Ukraine in eine Grenze zwischen Europa und Russland zu verwandeln, ein Sprungbrett gegen Russland (...) Es war ein Bedarf für ein ,Anti-Russland'-Konzept vorhanden, das wir niemals akzeptieren werden“, so Putin.

Russlands Präsident hebt auch den religiösen Aspekt der von ihm beschworenen Einheit der Ukraine und Russlands hervor.

Putin wörtlich:

„Auch unsere spirituelle Einheit wurde angegriffen. Wie in den Tagen des Großherzogtums Litauen wurde eine neue Kirche eingeführt. Die weltlichen Behörden, die aus ihren politischen Zielen keinen Hehl machen, haben sich unverhohlen in das kirchliche Leben eingemischt, (...) Kirchen beschlagnahmt, Priester und Mönche geschlagen. Selbst weitgehende Autonomie der ukrainisch-orthodoxen Kirche bei gleichzeitiger Wahrung der spirituellen Einheit mit dem Moskauer Patriarchat missfällt ihnen sehr. Sie müssen dieses prominente und jahrhundertealte Symbol unserer Verwandtschaft um jeden Preis zerstören (…) Am wichtigsten ist, dass die Menschen in den westlichen und östlichen russischen Ländern dieselbe Sprache sprachen. Ihr Glaube war orthodox. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts blieb die einheitliche Kirchenregierung in Kraft (…) In Übereinstimmung mit der Union von Brest von 1596 unterwarf sich ein Teil des westlichen russisch-orthodoxen Klerus der Autorität des Papstes. Der Prozess der Polonisierung und Latinisierung begann und verdrängte die Orthodoxie.“

Selenskyj: „Ukrainer und Russen sind definitiv nicht dasselbe Volk!“

Doch Ende Juni 2021 hatte der ukrainische Präsident betont, dass Ukrainer und Russen nicht ein und dasselbe Volk seien. Diese Erklärung gab er im Rahmen eines Interviews mit der Nachrichtenagentur „Interfax-Ukraine“ ab. Ihm zufolge haben die beiden Völker einen gemeinsamen Teil der Geschichte, doch „Ukrainer und Russen sind definitiv nicht dasselbe Volk!“. Wenn Ukrainer und Russen ein Volk wären, „würde die Griwna (Währung der Ukraine, Anm.d.Red.) höchstwahrscheinlich in Moskau zirkulieren und eine gelb-blaue Flagge würde über der Staatsduma wehen“.

Der russische Präsident hakte nach und sagte: „Ich habe das schon oft gesagt und ich kann es noch einmal wiederholen. Ich glaube, dass Ukrainer und Russen tatsächlich ein Volk sind.“

Die Fronten in der Ukraine sind nicht nur auf der militärischen, sondern offenbar auch auf der Ebene der historisch-kulturellen Erzählung und Erinnerung verhärtet.

Putin hat recht damit, wenn er die kulturellen, familiären und ethnischen Bindungen zwischen Ukrainern und Russen betont. Doch ethnische und kulturelle Bindungen oder die direkte gemeinsame Blutlinie haben im Verlauf der Geschichte niemals eine Rolle gespielt, wenn es um die Schaffung von künstlichen oder „echten“ Nationen und Grenzziehungen (aus geopolitischen Gründen) gegangen ist.

In Süd- und Nordkorea lebt dasselbe Volk und dieselbe Ethnie. Aber die politischen Differenzen zwischen Süd- und Nordkoreanern sind wesentlich größer als zwischen anderen Völkern.

Und welcher Ethnie gehörten eigentlich die Mitglieder der Konfliktparteien im Bosnien-Krieg an?

Fazit: Ein All-Out-War in der Ukraine unter Einbindung der USA/NATO ist ausgeschlossen. Doch wer nicht ganz blind ist, wird erkennen können, dass die Donbass-Region schon längst ein inoffizieller Teil Russlands ist.

Ob in mittelfristiger Zukunft eine Einverleibung durch ein Referendum oder durch den Einsatz kriegerischer Handlungen seitens der pro-russischen Separatisten und Söldner erfolgen wird, bleibt abzuwarten.

Eine ideologische und/oder emotionale Betrachtung der Lage durch Parteinahme für die eine oder andere Seite kann zu Trugschlüssen führen.

Übrigens hat der chinesische Außenminister Wang Yi im Gespräch mit US-Außenminister Antony Blinken kürzlich gesagt, dass Russlands Sicherheitsbedenken wegen der wachsender Spannungen in der Ukraine „ernst genommen“ werden sollten.

Vielleicht kommt irgendein US-amerikanischer Militär-Diplomat aus dem Pentagon auf die Idee, dem chinesischen Außenminister „behind closed doors“ folgende Antwort zu geben:

„Lieber Herr Wang, keine Sorge. Die USA nehmen ihre eigenen und die Sicherheitsbedenken der Russen in der Ukraine wirklich sehr, sehr ernst! Sie – und Herr Selenskyj – sollten die Sicherheitsbedenken der Russen und Amerikaner ebenfalls ernst nehmen.“

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Cüneyt Yilmaz

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Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.

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