Deutschland

Özdemir gibt wegen Ukraine-Krieg Öko-Flächen für Futtermittelverwertung frei

Landwirtschaftsminister Cem Özdemir verstärkt das nationale Potenzial für Lebensmittelanbau.
11.03.2022 14:00
Aktualisiert: 11.03.2022 14:49
Lesezeit: 2 min

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir will für rund 1,2 Millionen Hektar sogenannter ökologischer Vorrangflächen die Nutzung zur Versorgung mit Futtermitteln erlauben, um den Anstieg der Futtermittelpreise als Folge des Ukraine-Krieges abzumildern. Der Grünen-Politiker kündigte am Freitag an, dass der Aufwuchs auf diesen Flächen als Futter freigegeben werde. Normalerweise werden auf Brachen oder Zwischenfrüchte-Flächen angebaute Pflanzen nicht verwertet, sondern müssen zur Bodenverbesserung untergepflügt werden. Programme für mehr Energieeffizienz und Erneuerbare Energien in der Landwirtschaft sollen zudem entbürokratisiert werden. In diesem Jahr stünden dafür voraussichtlich 48 Millionen Euro bereit. Dies komme auch Verbrauchern zugute, da gestiegene Energiepreise zur Kostensteigerung bei Lebensmitteln beitrügen.

Auf EU-Ebene will sich Özdemir zudem für Ausnahmen von der seit 2022 greifenden Regel einsetzen, dass Tiere im Ökolandbau ausschließlich mit ökologisch erzeugtem Futter versorgt werden dürfen. Diese Vorgabe sei durch den Wegfall von Ökofutter aus der Ukraine schwierig umzusetzen.

Eine indirekte Absage erteilte Özdemir Forderungen aus der Landwirtschaft, von der ab 2023 geltenden Pflicht zur Stilllegung von vier Prozent der Ackerfläche abzurücken. "Alles, was wir heute aufschieben, rächt sich morgen doppelt und dreifach", erklärte Özdemir. "Nahrungssicherung und Ressourcenschutz bedingen einander."

UN warnt vor Lebensmittelkrise

Die weltweiten Lebens- und Futtermittelpreise könnten den Vereinten Nationen zufolge infolge des Ukraine-Krieges drastisch steigen. Es drohe ein Anstieg von acht bis 20 Prozent, sagte die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) am Freitag voraus. Das wiederum könne zu einem sprunghaften Anstieg der Zahl unterernährter Menschen führen. Noch sei nicht klar, ob die Ukraine während eines lang anhaltenden Konflikts noch Getreide ernten könne. Aber auch hinter den russischen Lebensmittelexporten stehe nach den westlichen Sanktionen ein Fragezeichen.

"Die wahrscheinlichen Unterbrechungen der landwirtschaftlichen Aktivitäten dieser beiden großen Exporteure von Grundnahrungsmitteln könnten die Ernährungsunsicherheit weltweit ernsthaft eskalieren lassen", sagte FAO-Generaldirektor Qu Dongyu. Der FAO zufolge ist Russland der weltweit größte Exporteur von Weizen, während die Ukraine an fünfter Stelle rangiere. Zusammen seien die beiden Länder für 19 Prozent der weltweiten Gerstenversorgung verantwortlich. Bei Weizen liege der Anteil bei 14 und bei Mais bei vier Prozent. Insgesamt entfielen mehr als ein Drittel der weltweiten Getreideexporte auf diese beiden Länder.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rief am Freitag dazu auf, in diesem Frühjahr trotz der russischen Invasion soviel Getreide wie möglich auszusäen. "In diesem Frühjahr müssen wir, wie in jedem Frühjahr, eine vollwertige Aussaatkampagne durchführen. So viel wie möglich", sagte Selenskyj in einer Fernsehansprache. "Weil es um das Leben geht. Um unser Leben. Um unsere Zukunft." In der Ukraine beginnen die Feldarbeiten im Frühjahr traditionell Ende Februar oder im März. Die Landwirte erklärten, so bald wie möglich in sicheren Gebieten mit der Aussaat zu beginnen. Nach Angaben des stellvertretende Landwirtschaftsministers Taras Vysotskiy ist die kriegsbedingte Kraftstoffknappheit das Hauptproblem für die Landwirte. Sie hätten genug Saatgut, um mit der Aussaat fortzufahren.

Der Ukraine-Krieg droht einer Studie zufolge die Versorgung afrikanischer Staaten mit Getreide für die Lebensmittelproduktion deutlich zu verschlechtern. "Handelswege sind gekappt, Infrastruktur zerstört und alle verbleibenden Produktionskräfte dürften auf eine Kriegswirtschaft ausgerichtet werden", sagte Handelsforscher Hendrik Mahlkow vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Da das Land einer der wichtigsten Getreideexporteure der Welt ist, insbesondere für den afrikanischen Kontinent, wird dies die dortige Versorgungssituation spürbar verschlechtern." Allein in Tunesien drohe langfristig eine Verteuerung um etwa ein Viertel bei einigen Getreidesorten. Auch in Deutschland wären die Folgen spürbar, wenn auch weit weniger dramatisch.

Laut FAO sind 50 Länder, darunter viele der am wenigsten entwickelten Nationen, für 30 Prozent oder mehr ihrer Weizenlieferungen von Russland und der Ukraine abhängig, was sie besonders anfällig macht. "Die weltweite Zahl der Unterernährten könnte 2022/23 um acht bis 13 Millionen Menschen steigen", erklärte die UN-Organisation. Die stärksten Anstiege könnten dabei im asiatisch-pazifischen Raum erfolgen, gefolgt von Subsahara-Afrika, dem Nahen Osten und Nordafrika.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Aktien legen dank Hoffnung auf Friedensabkommen zu
13.04.2026

Ein überraschendes Signal sorgt für Aufwind an den Börsen – erfahren Sie, warum die Anleger plötzlich wieder optimistisch in die...

DWN
Finanzen
Finanzen USA starten Blockade der Straße von Hormus: Trump setzt Drohungen um, der Ölpreis steigt
13.04.2026

Die Spannungen im Nahen Osten spitzen sich weiter zu: Die USA greifen zu drastischen Maßnahmen in einer der wichtigsten Handelsrouten der...

DWN
Panorama
Panorama Lufthansa-Streik: Diese Rechte haben Passagiere bei einem Pilotenstreik
13.04.2026

Der Lufthansa-Streik bringt den Flugverkehr in Deutschland ins Wanken und sorgt bei Tausenden Reisenden für Unsicherheit. Flugausfälle,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft IWF warnt: Schwieriger Weg zurück für die Weltwirtschaft
13.04.2026

Die Ölkrise infolge des Iran-Kriegs verändert die globale Konjunktur nachhaltig. Warum selbst im besten Fall kein schneller Aufschwung...

DWN
Finanzen
Finanzen Autofahren in Deutschland immer teurer: Warum das so ist und was Sie tun können
13.04.2026

Autofahren wird für viele Menschen in Deutschland immer kostspieliger. Steigende Spritpreise, höhere Versicherungen und teurere...

DWN
Politik
Politik Analyse: Irans Führer fordern Trump heraus – wer hat am meisten zu verlieren?
13.04.2026

Die USA und der Iran verhandelten stundenlang, erzielten jedoch in Islamabad keinen Durchbruch. Sowohl die Kontrolle über die Straße von...

DWN
Finanzen
Finanzen BYD-Aktienkurs steigt: Kommt jetzt der Durchbruch?
13.04.2026

Die BYD-Aktie sorgt mit einem frischen Kaufsignal und starkem Auslandsgeschäft für Aufsehen. Gleichzeitig drücken Margenprobleme im...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entlastungspaket der Bundesregierung: Kritik vom IW an Kosten und Wirkung
13.04.2026

Steigende Energiepreise und Inflation setzen Haushalte und Unternehmen unter Druck. Die Regierung reagiert mit einem umfangreichen...