Wirtschaft

Frachtraten mehr als verdoppelt: Ukraine-Krieg heizt Preisboom in der Logistik an

Die Corona-Pandemie hat die Frachtraten in den vergangenen beiden Jahren weltweit in schwindelnde Höhen getrieben - jetzt heizt der Ukraine-Krieg die Transportpreise weiter an.
17.03.2022 13:53
Aktualisiert: 17.03.2022 13:53
Lesezeit: 2 min
Frachtraten mehr als verdoppelt: Ukraine-Krieg heizt Preisboom in der Logistik an
Container-Transport-Fahrzeuge am Containerterminal im Hamburger Hafen. (Foto: dpa) Foto: Christian Charisius

Die Corona-Pandemie hat die Frachtraten in den vergangenen beiden Jahren weltweit in schwindelnde Höhen getrieben - jetzt heizt der Ukraine-Krieg die Transportpreise weiter an. Unternehmen müssen mit noch höheren Logistikkosten rechnen. "Wir haben starke Materialpreissteigerungen bei Halbleitern, Energie, Frachten - das setzt sich weiter fort 2022, sogar verstärkt", beschreibt etwa der Finanzchef des Autozulieferers ZF FriedrichshafenZFF.UL, Konstantin Sauer, die schwierige Lage. Die Sanktionen Europas gegen Russland wegen des Angriffs auf die Ukraine treffen die Luftfracht zwischen Europa und Asien unmittelbar. Seit dem 28. Februar ist der riesige Luftraum Russlands für Airlines aus 36 Ländern einschließlich Europas gesperrt, nachdem die EU-Staaten eine solche Sanktion gegen russische Gesellschaften verhängt hatten. "Wir erwarten, dass die Preise für Luftfracht auf der Europa-Asien-Route um mehr als 30 Prozent steigen werden", sagt Ruxandra Haradau-Döser, Luftfahrtexpertin von Kepler Cheuvreux.

Und das, nachdem die Luftfracht im vergangenen Jahr boomte, weil etwa die Autoindustrie in der Chip-Krise die raren, von asiatischen Herstellern ergatterten Halbleiter einfliegen ließ. Dieser Engpass hat bisher kaum nachgelassen. Jetzt werden die Transportkapazitäten über die Luft noch knapper: Mit den russischen Cargolinien AirBridgeCargo und Volga-Dnepr fallen wichtige Anbieter aus. Die europäischen Fracht-Airlines müssen Umwege fliegen, was Flüge von Frankfurt nach Asien nach Angaben von Lufthansa Cargo um anderthalb bis zweieinhalb Stunden verlängern kann. Die Maschinen tanken mehr Treibstoff, das verringert das mögliche Ladegewicht. Wegen der längeren Flugzeit sind außerdem weniger Flüge möglich. In den kommenden Monaten ist nach Schätzung von Analystin Haradau-Döser die Cargo-Kapazität zwischen Asien und Europa um rund 50 Prozent geringer als Anfang Februar. "Gleichzeitig erwarten wir, dass die Nachfrage steigt, weil Zugverbindungen zwischen China und Europa ausfallen", sagt die Analystin. Hinzu kommt der massive Ölpreisanstieg in Reaktion auf den Krieg. Die Mehrkosten gäben die Fluggesellschaften an die Kunden weiter.

Luftfrachtkapazitäten blieben außerdem begrenzt, weil sich die Passagierflüge von Europa nach Asien nur langsam, wenn überhaupt erholen, erklärte Bernstein Research. Die Hälfte der Fracht wird normalerweise als Beiladung in Passagierjets transportiert. Die Luftraumsperrung über Russland bedeute einen Rückgang der globalen Frachtkapazität um zehn Prozent. Die Frachtraten seien derzeit zweieinhalb Mal so hoch wie 2019. "Das wird noch schlimmer", schreibt Bernstein-Analyst Alex Irving.

Die Analysten von Stifel Research erklären, es sei noch zu früh für eine genaue Prognose. Die Frachtraten dürften aber im ersten Halbjahr weiter steigen, eine Normalisierung auf sich warten lassen. "Wir glauben, das post-pandemische Umfeld wird viel günstiger sein für die Spediteure als die vor-pandemische Welt", heißt es in einem Kommentar der Stifel-Analysten Marc Zeck und Johannes Braun.

Auch die Deutsche PostDPWGn.DE, Luftfrachtanbieter mit DHL, erklärte unlängst, die schon hohen Frachtraten seien seit dem Angriff Russlands weiter gestiegen. Höhere Kerosin-Preise würden an die Kunden weitergegeben. Lufthansa Cargo geht von weiterem Preisanstieg auf den Asien-Routen aus. Cargo-Chefin Dorothea von Boxberg erwartet ein weiteres "starkes Jahr". Die Lufthansa-Tochter verdoppelte dank des Preisanstiegs bei knapperem Angebot 2021 das Betriebsergebnis auf 1,5 Milliarden Euro. Das ist noch nichts im Vergleich zur französischen Schiffsreederei CMA CGMCMACG.UL - sie verzehnfachte den Gewinn 2021 auf 17,9 Milliarden Dollar.

Was das für die Kunden heißt, zeigt das Beispiel ContinentalCONG.DE. Der Autozulieferer gab für Sonderfrachten - vor allem für die eingeflogenen Halbleiter - im vergangenen Jahr allein 200 Millionen Euro aus. Das Unternehmen rechnete mit ähnlich hohen Kosten in diesem Jahr, die wiederum nur ein Bruchteil des Kostenanstiegs durch höhere Preise für Energie, Rohstoffe oder Bauteile sind. Aber das war eine Kalkulation noch vor Ausbruch des Krieges. ZF-Finanzchef Sauer erklärte, das Unternehmen versuche, den starken Kostenanstieg durch Einsparungen auszugleichen, aber das gelinge nur teilweise. "Das wird noch die Inflation beflügeln in unserem Land", warnte er. "Da kommt noch einiges auf uns zu."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Endgame? Kiel Report sieht Wirtschaft Russlands immer stärker unter Druck
11.06.2026

Die russische Wirtschaft galt lange als überraschend widerstandsfähig gegenüber Sanktionen und Kriegsfolgen. Ein neuer "Kiel Report" des...

DWN
Panorama
Panorama "Würdevoll absteigen": Zehn Vorschläge zur Neuorientierung des Westens
11.06.2026

Der Westen verliert seinen jahrhundertelangen Führungsanspruch – und Politikwissenschaftler Daniel Marwecki fordert, diese Realität...

DWN
Technologie
Technologie Sanders fordert KI-Revolution: 50 Prozent für die Bürger
11.06.2026

US-Senator Bernie Sanders fordert den wohl radikalsten Eingriff in die KI-Branche seit ihrem Aufstieg: Die Hälfte der größten...

DWN
Politik
Politik Regierungserklärung: Merz fordert zu Reformbereitschaft auf
11.06.2026

Deutschland verliert Jobs, Unternehmen kämpfen mit Kosten und Bürokratie – für Friedrich Merz ist die Zeit des Zögerns vorbei. Der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Personalabbau bei Chemieriese Evonik: 1.850 Arbeitsplätze fallen weg
11.06.2026

Deutschlands Industrie baut weiter ab: Der Essener Chemiekonzern Evonik streicht 1.850 Stellen bis Ende 2026. Die Krise der deutschen...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB vor erster Zinserhöhung seit 2023
11.06.2026

Der Ölpreisschock durch den Iran-Krieg treibt die Verbraucherpreise im Euroraum nach oben. Damit wächst der Druck auf die EZB, zu...

DWN
Politik
Politik FCAS gescheitert: Wie die Gier nationaler Unternehmen Europa sprengt
11.06.2026

Die EU verkündet lautstark, dass sie gemeinsame und keine nationalen Vorzeigeprojekte braucht. Bei konkreten grenzüberschreitenden...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Nach tiefstem Stand seit sechs Monaten stabilisiert sich der Goldkurs leicht
11.06.2026

Der Goldpreis zeigt sich am Donnerstagmorgen nach den deutlichen Verlusten der vergangenen Tage nur verhalten erholt. Zwar notiert das...