Politik

Konkurrenz im Atomtest-Paradies: Washington verstärkt Einfluss-Politik im Pazifik

Die USA nutzten die Südseeinseln bislang als Testgebiet für Atombomben und Außenposten, die Lage war ruhig. Doch jetzt ist Konkurrenz in der Region unterwegs und in Washington herrscht Sorge.
10.06.2022 11:00
Aktualisiert: 10.06.2022 11:13
Lesezeit: 2 min
Konkurrenz im Atomtest-Paradies: Washington verstärkt Einfluss-Politik im Pazifik
01.11.1952 explodiert auf der Insel Elugelab im Enewetak Atoll (Marschallinseln) im Pazifik die erste Wasserstoffbombe. Die US-amerikanische Bombe trug die Bezeichnung XX-58 IVY MIKE. Nach der Detonation der 10,4 Megatonnenbombe blieb von der Insel nur noch ein Unterwasserkrater übrig. (Foto: dpa) Foto: -

Die US-Regierung wird in der kommenden Woche ein Diplomaten-Team auf die im Pazifik liegenden Marshallinseln entsenden. Das Team wird vom 14. bis zum 16. Juni die Inseln besuchen, die Gespräche sollen offenbar in einem US-Stützpunkt auf dem Kwajalein-Atoll stattfinden, sagten namentlich nicht genannte Insider der South China Morning Post.

Ein Grund für den Besuch stellt das Auslaufen eines Kooperationspaktes zwischen den USA und den Marshallinseln - des Compact of Free Association (COFA) - im kommenden Jahr und Verhandlungen um eine Weiterführung dar. Ähnliche Kooperationsvereinbarungen unterhalten die USA mit den Bundesstaaten von Mikronesien und mit Palau.

Die wichtigsten Themen der Verhandlungen für die Marshallinseln sind Fragen rund um die Präsenz der US-Armee sowie eine Wiedergutmachung für die durch Atomtests verursachten Langzeitschäden. Für die Amerikaner dürfte es vornehmlich um Einzelheiten und die Stabilität der wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen beider Länder insgesamt gehen.

Insel-Hopping der Chinesen

In den geostrategischen Überlegungen des Pentagon kam den im Machtbereich der USA und des engen Partners Australien liegenden Inseln bislang keine besondere Dringlichkeit zu. Dies änderte sich jedoch in den vergangenen Wochen.

Zuerst schreckte der Abschluss eines Sicherheitsabkommens der Salomonen mit China die US-Verbündeten in der Region, namentlich Australien und Neuseeland, auf. Nachdem die Inselgruppe die diplomatische Anerkennung Taiwans aufgegeben und dafür Beziehungen mit Peking aufgenommen hatte, war es im vergangenen November zu schweren Ausschreitungen gekommen, die sich auch gegen die chinesische Minderheit im Land richteten. Australien entsandte daraufhin Soldaten und Polizisten auf die Salomonen.

Doch die Chinesen beließen es nicht bei ihrer Annäherung an die rund 2.000 Kilometer nordöstlich von Australien liegenden Salomonen, sondern verstärkten zuletzt ihr wirtschaftliches und politisches Engagement im gesamten pazifischen Raum. Im Zuge einer zehntägigen Reise in die Region versuchte Chinas Außenminister Wang Yi Ende Mai und Anfang Juni, einen Sicherheitsvertrag mit mehreren Inselstaaten abzuschließen - welcher allerdings abgelehnt wurde.

Im Bereich der Wirtschafts- und Katastrophenhilfe hingegen schlossen zehn Staaten (Salomonen, Papua-Neuguinea, Samoa, Kiribati, Tonga, Fidschi, Vanuatu, die Mikronesischen Inseln, Niue und die Cook-Inseln) insgesamt fünf Kooperationsabkommen mit China ab.

Der Sicherheitsvertrag mit den Salomonen (der Staat unterhält seit Jahren auch ein gleichwertiges Abkommen mit Australien und Canberra hatte in den 2000er Jahren sogar mehrere Jahre lang Soldaten auf den Salomonen stationiert) als auch das Engagement Pekings im weiteren Pazifik habe die Amerikaner aufgeschreckt, berichten Quellen.

Gegengewicht zur amerikanischen „Indo-Pazifik"-Doktrin

Peking versucht mit seinem verstärkten Engagement im westlichen Pazifik offenbar, die zahlreichen und explizit gegen China gerichteten Projekte und Militärbündnisse abzuschwächen, die Washington in den vergangenen Jahren unter der geografischen Doktrin eines „freien und offenen Indo-Pazifik“ lancierte.

Dazu gehört etwa der vergangenes Jahr gegründete Aukus-Militärpakt (mit Großbritannien und Australien), das Quad-Format (im Verbund mit Indien, Australien und Japan), das erst kürzlich lancierte Wirtschaftsformat „Indo-Pacific Economic Framework“, der Aufbau spezieller Militärbasen- und infrastrukturen sowie spezieller Finanzvehikel im westlichen Pazifik, die zunehmende militärische und diplomatische Unterstützung Taiwans sowie die militärische Aufrüstung Japans.

Testgelände im Paradies

Die Marshallinseln sind nicht irgendeine Inselgruppe, sondern spielten in der militärischen Expansion der USA in den Pazifik in der Vergangenheit eine wichtige Rolle: Ab 1947 und bis zur Unabhängigkeit im Jahr1986 waren die Inseln ein von Washington kontrolliertes UN-Treuhandgebiet. Bis heute ist der Kleinstaat mit den USA über ein Assoziierungsabkommen verbunden, welches auch die Übernahme der Verteidigungsmaßnahmen durch die Amerikaner beinhaltet.

Die US-Streitkräfte hatten zwischen 1946 und 1958 insgesamt 67 Atomtests auf den Marshallinseln durchgeführt, nachdem die Einwohner der beiden Atolle Bikini und Eniwetok zwangsumgesiedelt wurden. Zu diesen Atomwaffen-Tests gehörte auch die stärkste jemals von den USA gezündete Atombombe „Castle Bravo“ auf dem Bikini-Atoll im Jahr 1954. Die Sprengkraft der „Castle Bravo"-Bombe war rund 1.000 Mal stärker als die im August 1945 über Hiroschima abgeworfene Bombe.

Die Einwohner der Atolle und auch die Umwelt leiden bis heute unter den gesundheitsschädlichen Folgen der Tests. Möglicherweise können die Marshallinseln die verstärkten Annäherungsversuche der Chinesen als Hebel benutzen, um den Amerikanern in den anstehenden Verhandlungen größere Konzessionen abzutrotzen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Merz unter Druck: Öffnet sich für Söder das Kanzleramt?
20.09.2026

Markus Söder hat Kanzlerambitionen mehrfach ausgeschlossen. Doch nach dem CDU-Debakel in Sachsen-Anhalt und wachsendem Druck auf Friedrich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preiskrieg in der Autoindustrie: Warum Rabatte die Zukunft gefährden
20.09.2026

Europas Autobauer liefern sich einen Preiskampf ausgerechnet in einer Phase, in der sie Milliarden für ihre technologische Zukunft...

DWN
Immobilien
Immobilien Schlafen überm Edeka: Wie das Baurecht Wohnen im Gewerbegebiet blockiert
20.09.2026

Obwohl bundesweit 1,4 Millionen Wohnungen fehlen und Millionen Quadratmeter Gewerbefläche leer stehen, verbietet die Baunutzungsverordnung...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rhein Group: Draghi versammelt Europas Machtelite
19.09.2026

Mario Draghi hat Europas wirtschaftliche Schwächen analysiert. Jetzt will er handeln: Mit der Rhein Group versammelt der frühere...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: Das müssen Sie unbedingt wissen
19.09.2026

Mecklenburg-Vorpommern wählt einen neuen Landtag – und diesmal könnte sich das politische Kräfteverhältnis grundlegend verschieben....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niedrigwasser am Rhein: Wenn der deutschen Wirtschaft das Wasser fehlt
19.09.2026

Der Rheinpegel in Kaub ist der wichtigste Pegel für die Schifffahrt zwischen Rotterdam und Basel. Dort fiel der Wasserstand im August 2026...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes GLC im Test: Elektrisch ist er endlich so, wie er sein muss
19.09.2026

Der elektrische Mercedes GLC 400 4Matic bringt fast 500 PS, viel Komfort, hohe Ladeleistung und einen überraschend moderaten Verbrauch. Im...

DWN
Politik
Politik Berlin wählt: Diese Koalitionen sind möglich – und was sonst noch wichtig ist!
19.09.2026

Rund 2,5 Millionen Berliner entscheiden am Sonntag über die politische Zukunft ihrer Stadt. Nach einem von Wohnungsnot, Verkehr und...