Deutschland

Deutscher Strommarkt: „Die Energieversorger verdienen sich dumm und dämlich“

Nicht nur die Gaspreise steigen an den Terminmärkten immer weiter an, sondern auch die Strompreise bereiten den Gewerbetreibenden große Sorgenfalten.
Autor
28.07.2022 16:35
Aktualisiert: 28.07.2022 16:35
Lesezeit: 3 min
Deutscher Strommarkt: „Die Energieversorger verdienen sich dumm und dämlich“
Düstere Aussichten für die deutsche Industrie: Die Strompreise werden kurzfristig wohl nicht sinken. (Foto: dpa) Foto: Federico Gambarini

Eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland: Nicht nur die Gaspreise steigen an den Terminmärkten immer weiter an, sondern auch die Strompreise. Und bringen damit die deutsche Wirtschaft ins Wanken. Allerdings: Im Gegensatz zu den von Russland abhängigen Gaslieferungen, scheint die Stromkrise zu Teilen auch hausgemacht.

„Es fehlt ganz einfach der politische Wille, an dieser Situation etwas zu verändern“, meint Roland Schmidt, Berater eines Energiedienstleisters für Gewerbe- und Industriekunden. Richtig ist: Deutschland hätte selbst genügend Strom, ohne das teure Gas verstromen zu müssen.

Der Merit Order Effekt

Ein weiteres Handicap: Nach dem sogenannten „Merit Order Effekt“ richtet sich der Strompreis an der Strombörse nach dem teuersten Kraftwerk, wobei vor allem die gestiegenen Gaspreise die Hauptreiber der derzeitigen Entwicklung sind. Und: An der europäischen Strombörse EPEX SPOT SE ziehen die Spotpreise für Strom stündlich an und belaufen sich mittlerweile für deutschen Strom auf rund 40 Cent pro Kilowattstunde (kWh).

Zum Vergleich: In den vergangenen zwölf Jahren betrug der Strompreis für Gewerbetreibende zwischen vier und sechs Cent pro kWh. Im August 2021 ist er plötzlich auf zehn bis zwölf Cent angestiegen, um im Dezember im Schnitt auf ein Zwölfjahreshoch von 25 Cent zu klettern.

Ob der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, der Bundesverband der Deutschen Industrie oder speziell der Verband der Chemischen Industrie: Allesamt bemängeln sie gegenüber den DWN die derzeitige Situation auf dem Strommarkt.

Eine klare Position

Vor allem die energieintensive chemische Industrie vertritt dabei eine klare Position. Der Verband tritt unter anderem dafür ein, „dass die Zertifikatspreise beim Emissionshandel durch eine politische Entscheidung auf europäischer Ebene beeinflusst werden. Zudem sollte die Bundesregierung eine weitere Erhöhung des Strompreises ausbremsen, indem sie die erheblichen staatlichen Aufschläge reduziert.

Einen Anfang hat die Ampelkoalition bereits gemacht und die EEG-Umlage, auch Ökostromumlage genannt, auf null herabgesetzt. Allerdings muss noch dringend über einen Preis für Industriestrom nachgedacht werden, der die globale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erhält und mittelfristig die erforderliche Transformation zur Treibhausgasneutralität unterstützt“, erklärt Jörg Rothermel, Energieexperte im Verband der Chemischen Industrie gegenüber den DWN.

Hingegen betont Roland Schmidt, dass „die Gewerbetreibenden derzeit diese Kröte der ständig steigenden Preise wohl einfach schlucken müssen, während sich die großen deutschen Energieversorger wie RWE, EnBW, E.ON oder Vattenfall dumm und dämlich verdienen.“

Und: Auch wenn es grundsätzlich zwischen den einzelnen Stromversorgern und Gewerbetreibenden langfristige Verträge gebe, so fingen bereits erste Flächenversorger, die selbst keinen Strom produzieren, sondern ihn an der Börse einkaufen, bereits an, die Preise einseitig anzupassen.

Eine politische Lüge

„Es ist auch eine politische Lüge“, so Schmidt, „die Preissteigerungen allein mit dem Ukraine-Konflikt zu rechtfertigen. Es war vielmehr die überhitzte Reaktion der Märkte auf die hypothetische Abschaltung der Kohle- und Atomkraftwerke, ohne im Gegenzug eine vernünftige Basis von regenerativen Energiequellen zu haben, die den Strompreis in die Höhe schnellen ließ. Überhaupt: Der ideologische Wille der Politik nach grünem Strom schadet derzeit der Wirtschaft mehr als er ihr nützt“, klagt der Energieberater.

Fakt ist auch: Deutschland hat im vergangenen Jahr laut Bundesnetzagentur insgesamt 17,4 Terawattstunden Strom exportiert. Der meiste Strom ging nach Polen, Österreich, die Schweiz, Tschechien und Luxemburg. Der Anteil des aus erneuerbarer Energie erzeugten Stroms an der Netzlast lag bei 42,8 Prozent. Im Jahr davor waren es noch 48 Prozent. Rund 13 Prozent des Stromaufkommens wurde hingegen mit Gas abgedeckt.

Frankreich braucht Strom

Allerdings werden derzeit im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahren beträchtliche Mengen an Strom nach Frankreich geliefert. Der Grund: Frankreich war in einigen Regionen des Landes gezwungen, bei 29 von den insgesamt 56 Atomkraftwerken eine Risikoabschaltung vorzunehmen, weil die Hitzewelle die Kühlung der Atomkraftwerke bedrohte und zu zusätzlichen Problemen führte. „Nicht zuletzt Strom, der hierzulande vermisst wird und durch teures Gas ersetzt werden muss“, meint Schmidt. Während die Strompreise in Frankreich regelrecht explodiert seien, und eine kWh mittlerweile 50 Cent koste.

Eine Prognose

Normalerweise richten sich die Strom-Preiszyklen an der Börse im Großen und Ganzen nach den Jahreszeiten. Das heißt, wenn es hell und warm ist, ist der Strom billig, wenn es dunkel und kalt ist, wird er teuer. Allerdings: Dieses Jahr scheint alles anders zu sein. Und auch nicht besser zu werden. „Selbst wenn Wladimir Putin über die Pipeline Nordstream 1 mehr Gas liefern und alle Atomkraftwerke in Frankreich wieder ans Netz gehen würden“, so Schmidt, „werden die Preise dieses Jahr nicht mehr sinken.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Offshore-Windkraft vor Comeback: Energieriesen setzen wieder auf Europa
23.05.2026

Die Offshore-Windkraft hat schwere Jahre hinter sich. Jetzt wittern Energieriesen in Europa wieder Chancen, doch aus Optimismus wird nur...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft 39 Billionen Dollar Schulden: Amerikas größter Gläubiger heißt Amerika
23.05.2026

Die USA häufen alle drei Monate eine Billion US-Dollar Schulden an und zahlen inzwischen mehr als eine Billion Dollar Zinsen pro Jahr. Wer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mythos Fachkräftemangel beendet: Deutschlands Arbeitsmarkt bricht langfristig ein
23.05.2026

Schwache Frühjahrsbelebung, keine Trendumkehr: Der deutsche Arbeitsmarkt kippt langfristig in eine neue Massenarbeitslosigkeit. Warum es...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Fußball-WM 2026: Sporthändler hoffen auf Umsatzboom durch Trikotverkäufe – ist das realistisch?
23.05.2026

Fußball-WM als Umsatzmotor? Die Sporthändler setzen auf Fans, die nicht nur zum Public Viewing, sondern auch in die Geschäfte kommen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Netzplan im Projektmanagement: Wie Unternehmen ihre Projekte planbar machen
23.05.2026

Der Netzplan macht im Projektmanagement sichtbar, was Bauchgefühl übersieht. Warum die Netzplantechnik 2026 wieder Konjunktur hat – und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Cupra Terramar im Test: Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens ist nur noch Erinnerung
23.05.2026

Der Cupra Terramar will nicht brav sein. Er kombiniert SUV-Format, Premium-Gefühl und sportliche Optik mit einem Benziner, der mehr kann,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hohe Ölpreise: IEA erwartet neuen Wachstumsschub für Elektroautos
23.05.2026

Elektroautos verkaufen sich weltweit so stark wie nie zuvor. Hohe Energiepreise und die Krise im Nahen Osten könnten diesen Trend...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ökonomen ratlos: Stehen wir vor einer großen Weltwirtschaftskrise?
23.05.2026

Pessimisten warnen vor Stagflation, Optimisten vertrauen auf KI und starke Unternehmen. Die Wahrheit über die Weltwirtschaft könnte...