Finanzen

Bank of England schockt mit massivem Zinsschritt

Die Bank of England hat die größte Zinserhöhung seit 1995 umgesetzt. Damit verursacht sie sehenden Auges eine Rezession. Großbritannien ist auf dem Abstieg.
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06.08.2022 15:34
Lesezeit: 4 min

Die Bank of England erwartet, dass die britische Wirtschaft noch in diesem Jahr in die Rezession abgleitet. Dennoch hat sie am Donnerstag den Leitzins von 1,25 Prozent auf 1,75 Prozent angehoben - so stark wie seit 1995 nicht mehr. Denn sie betrachtet die hohe Inflation als das dringlichere Problem. Die Zinsanhebung durch die Bank of England folgt auf die jüngsten Zinserhöhungen der US-Notenbank Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank.

Die Bank of England erklärte, die britische Wirtschaft stehe kurz vor einer Rezession, die ab den letzten drei Monaten dieses Jahres fünf Quartale in Folge andauern werde. Damit wäre der Abschwung genauso lang wie der nach der Finanzkrise. Die Notenbank fügte hinzu, dass die Inflation weiter steigen werde, und zwar deutlich über das derzeitige Vier-Jahres-Hoch. Zugleich werde das Einkommen der privaten Haushalte drastisch sinken.

Die Zinserhöhung um einen halben Prozentpunkt war erwartet worden. Doch die düstere Warnung vor einer Stagflation, also vor fehlendem Wirtschaftswachstum kombiniert mit Inflation, verblüffte die Märkte. Das britische Pfund fiel unmittelbar nach der Ankündigung gegenüber dem Dollar, bevor es seine Verluste wieder ausgleichen konnte, und die Rendite der zehnjährigen britischen Benchmark-Anleihe fiel deutlich.

"Ich denke, es war das geldpolitische Äquivalent einer Horrorshow", zitiert das Wall Street Journal Elliot Hentov, Leiter der makropolitischen Forschung bei State Street Global Advisors. "Es ist rundum schlecht: hohe Inflation, tiefe Rezession, lange Rezession, Einschnitte bei den Realeinkommen, ein Verlust an Kaufkraft, Wohlstand und Reichtum, und sie haben wahrscheinlich auch noch Recht."

Eine drastische Erhöhung der Kreditkosten während einer drohenden Rezession wird der Wirtschaft kurzfristig mehr schaden. Viele Zentralbanken setzen jedoch darauf, dass größere Zinserhöhungen zum jetzigen Zeitpunkt, da Preisschocks wie bei den Energiekosten noch relativ neu sind, dazu beitragen, dass sich bei Unternehmen und Verbrauchern keine Inflationserwartungen festsetzen, sodass eine längere Phase steigender Zinsen vermieden wird.

Die weltweite Inflation ist derzeit so hoch wie seit Anfang der 80er Jahre nicht mehr. Die Notenbanken sehen sich daher gezwungen, die seit der Finanzkrise 2008 anhaltende Periode ultraniedriger Zinssätze zu beenden. Acht von neun Vertretern der Bank of England stimmten für die jüngste Anhebung. Die Notenbank hat nun auf sechs Sitzungen ihres geldpolitischen Ausschusses in Folge die Kreditkosten erhöht. Die ist die längste Serie seit Ende der 90er Jahre.

Auch die US-Notenbank ist der Meinung, dass die Inflation zu hoch ist, und hat in der vergangenen Woche den Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,75 Prozentpunkte auf eine Spanne zwischen 2,25 und 2,5 Prozent angehoben. Zudem haben mehrere Vertreter der Fed diese Woche erneut erklärt, die Zinsen würden noch weiter angehoben. Dies ist ein Schlag gegen all jene Investoren, die noch immer auf ein Ende der Zinswende hoffen.

Die Gefahren höherer Zinsen

Der Fed-Vorsitzende Jerome Powell hat in diesem Sommer die Möglichkeit eingeräumt, dass Zinserhöhungen die US-Wirtschaft in eine Rezession treiben könnten. Doch er bezeichnete es zugleich als "absolut notwendig", dass die US-Notenbank die Inflation eindämmt. Allerdings sagt die Fed - anders als die Bank of England - in ihrer jüngsten Runde von Wirtschaftsprognosen keine Rezession voraus.

Die Vergangenheit zeigt, dass eine zu schnelle Straffung fehlschlagen kann, insbesondere wenn die Immobilienpreise schnell gestiegen sind und die Haushalte sich so stark verschuldet haben, dass ein starker Zinsanstieg zu Zahlungsausfällen und Stress im Bankensystem führt, schreibt Jennifer McKeown, Leiterin des globalen Wirtschaftsdienstes bei Capital Economics in London, am Donnerstag in einer Mitteilung an Kunden.

McKeown nennt Kanada, Australien und Neuseeland als besonders gefährdet, erwähnt aber auch die USA - und das Vereinigte Königreich. Nirgendwo ist der Konflikt zwischen Kontrolle der Inflation und Schädigung der Wirtschaft deutlicher als in Großbritannien, wo die Wirtschaft schon seit der Finanzkrise um ein schnelleres Wachstum kämpft. Die Produktivität wächst langsamer, und der Brexit hat die britischen Exporte sinken lassen.

Die europäischen Staaten sind mit steigenden Strom- und Erdgaspreisen konfrontiert, nachdem Russland die Erdgaslieferungen, auf die der Kontinent angewiesen ist, langsam gedrosselt hat. Obwohl das Vereinigte Königreich weniger von russischen Energielieferungen abhängig ist als Länder wie Deutschland, sind dennoch auch hier die Erdgaspreise von den Auswirkungen der Krise betroffen.

Bis zu ihrer Entscheidung am Donnerstag hatte sich die Bank of England an kleine, stetige Erhöhungen ihres Leitzinses gehalten, obwohl sie eine der ersten großen Zentralbanken war, die überhaupt gehandelt hat. Die britische Zentralbank begann mit der Straffung der Geldpolitik bereits im Dezember, während selbst die Federal Reserve bis März wartete und die EZB sogar bis Juli.

Die Bank of England sagte nun, dass eine größere Zinserhöhung notwendig sei, um die Inflation wieder auf das 2-Prozent-Ziel zu bringen, da diese sich seit der letzten Sitzung deutlich verstärkt habe. Im Juni war die Inflation in Großbritannien auf 9,4 Prozent gestiegen. Dies ist der höchste Wert seit 40 Jahren. Die Kerninflation, bei der die volatilen Lebensmittel- und Energiepreise herausgerechnet werden, zeigt jedoch Anzeichen einer Abkühlung. Die Notenbank erwartet, dass die Inflation im vierten Quartal einen Höchststand von 13,2 Prozent erreichen wird.

Notenbank-Gouverneur Andrew Bailey sagte, die Drosselung der russischen Gaslieferungen nach Europa und der darauf folgende Anstieg der Gaspreise habe bei weitem den größten Beitrag zur Inflation im Vereinigten Königreich geleistet. "Die Rückkehr der Inflation auf das 2-Prozent-Ziel bleibt unsere absolute Priorität", sagte er. "Die Inflation trifft die am wenigsten Wohlhabenden am härtesten. Wenn wir nicht handeln, werden die Folgen später noch schlimmer sein."

Bank of England startet die "Quantitative Straffung"

Die Bank of England kündigte auch Pläne an, einige der Anleihen zu verkaufen, die sie im Rahmen ihrer Programme zur quantitativen Lockerung erworben hatte. Die Wertpapierkäufe im Rahmen der quantitativen Lockerung hatte die Notenbank im Gefolge der weltweiten Finanzkrise begonnen und erst kürzlich wieder aufgenommen, um den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Wirtschaft und Finanzmärkte entgegenzuwirken.

Die Bank of Englang hat im März damit begonnen, ihren Bestand an Staatsanleihen zu reduzieren, eine Politik, die als quantitative Straffung bekannt ist und zur Eindämmung der Inflation beitragen soll. Wie die Fed hat sie dies bisher getan, indem sie Anleihen, die sie besitzt, fällig werden ließ, ohne neue zu kaufen, um sie zu ersetzen. Seit ihrem Rekordstand im April ist die Bilanzsumme der Fed bereits massiv geschrumpft.

Als erste große Zentralbank schlug die Bank of England am Donnerstag jedoch vor, bereits im September mit dem Verkauf von Anleihen zu beginnen, die noch nicht fällig sind. Zusammen mit den fällig werdenden Anleihen dürfte sich das über ein Jahr auf 80 Milliarden britische Pfund belaufen. Die Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses der Notenbank werden auf ihrer Septembersitzung über den Vorschlag abstimmen.

Bailey hatte zuletzt ausdrücklich gesagt, dass seine Notenbank eine Anhebung um einen halben Punkt in Betracht ziehen würde. Diese Woche ließ er nun die Option einer weiteren, über das übliche Maß hinausgehenden Zinserhöhung auf der nächsten Sitzung der Bank offen. "Alle Optionen liegen auf dem Tisch für unsere September-Sitzung", sagte er. "Wir werden, wenn nötig, energisch handeln."

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