Technologie

Energie-Experte: Frankreich steuert auf Strom-Abschaltungen zu

Die französische Regierung könnte im anstehenden Winter gezwungen sein, den Strom für ganze Regionen zeitweise abzuschalten.
28.08.2022 09:00
Lesezeit: 3 min

Einem an der Universität im belgischen Gent tätigen Experten für elektrische Energie zufolge könnte die französische Regierung im anstehenden Winter gezwungen sein, ganze Regionen zeitweise vom Stromnetz zu trennen, um noch größere Verwerfungen zu verhindern.

Der Energie-Wissenschaftler Joannes Laveyne verweist dabei insbesondere auf den Umstand, dass große Teile des nuklearen französischen Kraftwerkparks derzeit vom Netz getrennt sind und unklar ist, wie viele der Atomkraftwerke im Herbst und Winter wieder aktiv sein können.

Frankreichs Meiler stehen still

Frankreich generiert rund 70 Prozent seines Strombedarfs mithilfe der Nukleartechnologie. Doch mehr als die Hälfte der 56 Kernkraftwerke des Landes sind derzeit inaktiv – und das aus drei Gründen: Einige werden regelmäßigen Wartungsarbeiten unterzogen, andere werden repariert oder es werden drohende Mängel am Material vorsorglich behoben und die dritte Gruppe wurde angesichts der niedrigen Pegelstände in den Flüssen als Vorsorge vor Überhitzung vom Netz genommen oder in ihrer Leistung gedrosselt.

Frankreichs Energieministerin Agnès Pannier-Runacher sagte dem Sender LCI Ende Juli, dass 18 Meiler in den „kommenden Wochen“ wieder hochgefahren werden sollten. Ob diese Prognose eintrifft, ist aber umstritten.

„EDF (Frankreichs staatlicher Energieriese – die Red.) tut alles, um so viele Kraftwerke wie möglich bis zum Winter wieder in Betrieb zu nehmen, aber im Moment herrscht noch große Unsicherheit. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Stromknappheit kommt“, zitiert The Brussels Times den Wissenschaftler.

Aus diesem Grund seien Stilllegungen von Fabriken und Unternehmensproduktionen „so gut wie sicher“, sagte Laveyne. „Die Unternehmen werden vorübergehend schließen, weil der Strom einfach unbezahlbar wird. Die Regierung wird auf kontrollierte Stromabschaltungen zurückgreifen müssen: Regionen werden zum Beispiel für eine Stunde im Dunkeln sitzen, um Strom zu sparen.“

Gezielte Abschaltungen (im Jargon „Brownout“ genannt) sind erforderlich, um unkontrollierten Stromausfällen (sogenannten „Blackouts“) vorzubeugen. Diese sind in ihrer Wirkung auf die Bürger und die Wirtschaft eines Landes meist viel dramatischer, weil Netzbetreiber und Energieerzeuger die Kontrolle über die Situation verlieren und das Problem durch das europäische Verbundnetz in andere Staaten fortgesetzt wird.

EDF hatte zu Jahresbeginn angesichts der zusätzlichen zeitweisen Schließungen seine Leistungsprognose gesenkt und rechnet seitdem mit 295 bis 315 Terawattstunden produzierten Stroms statt mit 300 bis 330.

Bereits jetzt macht sich der stilliegende Betrieb einiger Reaktoren bemerkbar. Laut einer Veröffentlichung des französischen Energieministeriums wurde im ersten Trimester dieses Jahres 7,5 Prozent weniger Atomstrom produziert - weil so wenige Meiler verfügbar waren. Auch die Stromimporte nach Frankreich seien „beachtlicher“ geworden, hieß es vom Ministerium.

Deutschland liefert Strom

Bemerkenswert ist, das Deutschland von den Schwierigkeiten Frankreichs direkt betroffen sein könnte. Beide Länder sind enge Partner im Stromhandel und haben sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich mit Lieferungen von Strom während Netzfrequenzschwankungen und Engpässen ausgeholfen.

Wie aus Daten der Übertragungsnetzbetreiber hervorgeht, importierte Deutschland zwischen April und Juni circa 1,7 Terawattstunden Strom aus Frankreich. Das entspricht etwa 1,5 Prozent des Stromverbrauchs in diesen Monaten. Im Vergleich zum zweiten Quartal 2021 war der Nettoexport nach Frankreich, also die exportierte Menge abzüglich des Imports, in diesem Jahr mehr als fünf Mal höher, hieß es in einer Veröffentlichung der Bundesnetzagentur.

Den Daten zufolge gab Deutschland im Juni mehr Strom nach Frankreich ab als es aus dem Nachbarland holte. In den beiden vergangenen Jahren war es im Juni den Daten zufolge jeweils andersherum. Damals hatte Frankreich mehr Strom nach Deutschland exportiert als Deutschland nach Frankreich. Für die Wintermonate fällt auf, dass Frankreich zuletzt mehr Strom aus Deutschland eingeführt hat als im Vorjahr.

Bedeutsam ist der angeschwollene Strom-Export Deutschlands nach Frankreich vor allem, weil derzeit rund zehn Prozent der hierzulande erzeugten Elektrizität durch Erdgas gewonnen wird. Der Blog Blackout News schreibt dazu: „Der französische Energiekonzern EDF musste aufgrund der ausgefallenen Atomkraftwerke Strom für 24 Milliarden Euro im Ausland einkaufen. Allein Deutschland hat seit Jahresbeginn 12,7 Terawattstunden (TWh) Strom nach Frankreich exportiert, um das französische Netz zu stützen. Dafür müssen in Deutschland Gaskraftwerke einspringen, um den Bedarf zu decken. Die nach Frankreich exportierten Mengen erhöhen dadurch auch in Deutschland die Preise und gehen damit auch auf Kosten deutscher Verbraucher. Die Kosten für den teuren Importstrom darf der französische Energiekonzern aufgrund der Preis-Deckelung nicht an die Verbraucher weitergeben. Mittlerweile ist bei EDF ein Defizit von 8 Milliarden Euro aufgelaufen. Deshalb will Macron den Konzern jetzt vollständig verstaatlichen. Die Kosten dafür trägt dann der französische Steuerzahler.“

Ein Stromausfall „könnte eine Bedrohung für Belgien und Deutschland darstellen, da wir über eine Hochspannungsleitung miteinander verbunden sind“, sagte Laveyne. „Im schlimmsten Fall würden wir und andere europäische Länder ebenfalls im Dunkeln sitzen. Ich sage nicht, dass das in diesem Winter passieren wird – die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering -, aber was Frankreich betrifft, waren wir noch nie näher an einem Stromausfall.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Tesla und Intel brechen ein, Tech-Werte ziehen Nasdaq nach unten, während Dow Jones ein Rekordhoch erreicht
02.07.2026

Ein tiefer Riss geht durch die Wall Street – lesen Sie, welche überraschenden Kräfte die Kurse der Giganten heute in völlig...

DWN
Politik
Politik AfD-Parteitag in Erfurt: SPD, Grüne und Linke rufen zu Protesten auf
02.07.2026

In Erfurt hält die AfD am kommenden Wochenende ihren Bundesparteitag ab. Laut Kopelke geht die Polizei in Thüringen von bis zu 50.000...

DWN
Technologie
Technologie Robotaxi: Zagreb fährt vor, Deutschland sucht noch den Anschluss
02.07.2026

In Zagreb fahren bereits Robotaxis, Waymo meldet Millionen autonome Meilen, China rollt ganze Flotten aus. Deutschland dagegen besitzt zwar...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft China-Politik: Bundesregierung kündigt härteren Kurs an
02.07.2026

Deutschland will gegenüber China robuster auftreten und in strategisch wichtigen Bereichen stärker auf europäische Produktion setzen....

DWN
Politik
Politik Grenzkontrollen: Gericht erklärt Kontrollen für rechtswidrig – sie finden dennoch weiterhin statt
02.07.2026

Das Verwaltungsgericht München hat deutsche Grenzkontrollen in drei Fällen nachträglich beanstandet. Trotz des Urteils müssen...

DWN
Panorama
Panorama Informationsfreiheit: Bundesregierung will Anfragen deutlich einschränken
02.07.2026

Die Bundesregierung plant strengere Regeln für den Zugang zu amtlichen Informationen. Künftig sollen offenbar nur noch Privatpersonen...

DWN
Politik
Politik Staatliche Wohnungen: Koalition stoppt Enteignungspläne bei Mietwohnungen
02.07.2026

Die Bundesregierung will den Wohnungsbau ankurbeln und zugleich private Eigentümer vor Verstaatlichung schützen. Statt großer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bauern in Sorge: Hitze und Kosten belasten Weizenernte
02.07.2026

Deutschlands Bauern blicken mit Sorge auf die laufende Ernte. Nach der extremen Hitze im Juni drohen vor allem beim Weizen Einbußen bei...