Deutschland

Insider: Tausenden Mittelständlern droht das Aus

Die extremen Preisanstiege für Strom und Rohstoffe bringen zahlreiche mittelständische Betriebe in eine akute Notlage, warnt ein Insider. Die Sorge vor Produktionsstopps ist groß, die Lage sei „katastrophal“.
29.08.2022 17:32
Aktualisiert: 29.08.2022 17:32
Lesezeit: 2 min
Insider: Tausenden Mittelständlern droht das Aus
Ein Schweißer bei der Arbeit. Die explodierende Energiekosten bringen viele Mittelständler in eine Notlage. (Foto: dpa) Foto: Wang Jianwei

Die massive Verteuerung von Elektrizität, Rohstoffen und Energieprodukten bringt große Teile des deutschen Mittelstandes in akute Notlagen. Dies zumindest berichtet Lion Hirth, ein Professor der Hertie School und Experte für Energiefragen in einem Tweet.

Dort schrieb Hirth am 21. August (auf englisch): „Ich habe diese Woche mit einer Reihe von Energiehändlern und Markt-Operateuren gesprochen. Sie alle sagen, dass ein großer Teil der deutschen Firmen aufgehört hat, Strom- und Gaskontingente für die Zukunft zu kaufen, dass heißt, dass sie aufgehört haben, sich zu bevorraten. Entweder sinken die Preise, sagen die Unternehmen. Oder sie werden die Produktion einstellen.“

Das bedrohliche Bild, welches Hirth zeichnet, wird von Verbänden des Mittelstandes weitgehend bestätigt.

„Katastrophale“ Lage im Mittelstand

Angesichts der stark gestiegenen Energiepreise fordert der Mittelstand inzwischen einen Schutzschirm für Unternehmen. Es sei analog zur Corona-Pandemie ein Härtefall-Fonds für Unternehmen notwendig, die besonders vom Energiepreis gebeutelt und international nicht mehr wettbewerbsfähig seien, sagte Markus Jerger, Bundesgeschäftsführer des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Die Energiepreise sind die Sorge Nummer 1 im Mittelstand.“ Die Folgen eklatant steigernder Energiepreise seien unkalkulierbar. „Die Verdopplung bis Verdreifachung der Energiepreise hält auch die stärkste Volkswirtschaft nicht aus.“

Die Firmen gingen von weiteren hohen Energiepreissteigerungen aus. Viele Betriebe könnten dies nicht an die Kunden weitergeben. Die Stromsteuer müsse daher auf das europäisch zulässige Mindestmaß gesenkt werden, so Jerger. Die Mehrwertsteuer sollte wie beim Gas auch beim Strom von 19 auf 7 Prozent gesenkt werden. Außerdem brauche es einen eigenen Industriestrompreistarif.

Die Stimmung im Mittelstand sei „katastrophal“, sagte Jerger. „Es ist eine Kombination aus hohen Rohstoffpreisen, aus stockenden Logistikketten, aus mangelnden Rohstoffen, den hohen Energiepreisen und der Erhöhung der Mindestlöhne, die dem Mittelstand zu schaffen macht. Großunternehmen haben ganz andere Möglichkeit, durch große Mengen, die sie transportieren, Logistikketten zu beeinflussen. Das haben mittelständische Betriebe nicht. Die einen leiden unter Fachkräfte- und Arbeitskräftemangel, die anderen unter den Rohstoffen, die dritten unter fehlenden Konsumenten.“

Jerger sagte weiter: „Der Vertrauensverlust in die Arbeit der Koalition ist groß. Es fehlen schnelle und gute und logische Maßnahmen der Regierung, wie Privathaushalte und Unternehmen substanziell geholfen werden kann. Es fehlt der klare Kurs auf Jahre. Es fehlen relevante Krisengipfel, die alle wesentlichen Gruppen umfassen.“

Es dürfe keine weiteren Belastungen mehr geben. Die Unternehmensteuern müssten gesenkt werden. „Wenn ein Unternehmen nicht in der Lage ist, ohne permanent am Existenzminimum rumzusegeln, eine Krisenzeit kurz durchzuhalten, zeigt das, dass etwas vorher schon schief ging.“ Die Wirtschaft brauche eine „Verschnaufpause.“

Jerger sagte weiter, es müsse einen Schub bei der Digitalisierung geben und viel weniger Bürokratie. „Es dauert in Deutschland viel zu lange, einen Wohnsitz anzumelden, eine Firma zu gründen, oder einen Firmensitz umzumelden. Das muss man alles digital machen können. In Estland können Sie das. Und wir als größte Wirtschaftsnation Europas schaffen es nicht, unser System so zu modernisieren, dass weniger Geld in überflüssiger Bürokratie - auch in den Sozialsystemen - versickert und stattdessen mehr Mittel für Zukunftsinvestitionen in Forschung und Entwicklung zur Verfügung stehen.“

Außerdem müsse das Fachkräfteeinwanderungsgesetz nachgebessert werden. „Die Idee ist gut gemeint gewesen, aber aufgrund von hoher Bürokratie und schwieriger Anerkennung von ausländischen Qualifikationen besteht weiterhin die große Problematik, dass wir nicht genügend Zuwanderer aus Drittländern bekommen. Unsere Experten sprechen von gut 400 000 Arbeitskräften, die jedes Jahr kommen müssten. Davon sind wir weit entfernt.“

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