Politik

Russland dreht Deutschland endgültig den Gashahn ab

Gazprom liefert bis auf weiteres kein Gas mehr aus Russland über Nord Stream 1 nach Deutschland. Laut Konzern ist der Grund für den Lieferstopp ein Defekt.
03.09.2022 09:41
Aktualisiert: 03.09.2022 09:41
Lesezeit: 2 min

Der russische Energieriese Gazprom liefert bis auf weiteres kein Gas mehr über die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland und in andere europäische Staaten.

Grund sei, dass bei Wartungsarbeiten ein Öl-Leck entdeckt wurde, teilte das mehrheitlich dem Staat gehörende Unternehmen am Freitagabend mit. Eine Gasturbine könne wegen des Schadens nicht sicher betrieben werden. Die Pumpen in der Verdichterstation Portowaja seien daher gestoppt worden, es werde kein Gas mehr zur Pipeline Nord Stream 1 transportiert.

Angaben über die Dauer des Ausfalls machte Gazprom zunächst nicht. Das Bundeswirtschaftsministerium erklärte, die Versorgungssicherheit sei gewährleistet.

Die deutsche Firma Siemens Energy, die Turbinen an Gazprom geliefert hat, teilte zu den vom russischen Konzern monierten Defekten mit: "Als Hersteller der Turbinen können wir lediglich feststellen, dass ein derartiger Befund keinen technischen Grund für eine Einstellung des Betriebs darstellt." Leckagen beinträchtigten im Normalfall den Betrieb einer Turbine nicht. "Unabhängig davon, haben wir bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass in der Verdichterstation Portowaja genügend weitere Turbinen für einen Betrieb von Nord Stream 1 zur Verfügung stehen", erklärte das Unternehmen.

Eigentlich sollte der Gastransport nach einer dreitägigen Wartungspause am Samstag wieder aufgenommen werden. Dies hatten zwei Insider Reuters noch am Freitag bestätigt. Russland hatte den Betrieb der Pipeline schon zum zweiten Mal für Reparaturarbeiten gestoppt. Im Juni waren die Gaslieferungen über die Ostsee-Pipeline auf 40 Prozent und im Juli auf 20 Prozent der Kapazität verringert worden. Russland begründet diese Schritte mit Wartungsproblemen und Sanktionen, die der Westen gegen das Land wegen des Einmarschs in die Ukraine verhängt hat.

Der Westen wirft der Führung in Moskau dagegen vor, die Gasversorgung als Kriegswaffe einzusetzen. Wegen der Unsicherheit über die Gasversorgung hat die Bundesregierung die Füllung der Gasspeicher durch alternative Lieferanten forciert und die Bevölkerung zum Energiesparen aufgerufen.

"Die Unzuverlässigkeit Russlands haben wir in den vergangenen Wochen bereits gesehen und entsprechend haben wir unsere Maßnahmen zur Stärkung der Unabhängigkeit von russischen Energieimporten unbeirrt und konsequent fortgesetzt", erklärte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. "Dadurch sind wir jetzt wesentlich besser gerüstet als noch vor einigen Monaten." Es seien weiter große Anstrengungen nötig, "aber wir sind auf einem guten Weg, um die Lage zu bewältigen."

BUNDESNETZAGENTUR - JETZT KOMMT ES AUF JEDEN AN

Angesichts der russischen Entscheidung, vorerst kein Gas über Nord Stream 1 fließen zu lassen, gewinnen die Bemühungen Deutschlands nach der Einschätzung von Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller an Bedeutung. Gut sei, dass Deutschland inzwischen besser vorbereitet sei, twitterte er. "Jetzt kommt es aber auf jede/n an".

Der Streit über Sanktionen hatte sich vor der Ankündigung von Gazprom, die Gas-Lieferungen über die Ostseepipeline zunächst nicht wieder aufzunehmen, zugespitzt. Die sieben führenden Industrienationen (G7) kündigten am Freitag eine Preisobergrenze für russisches Öl an. Im Abschlussdokument zu den virtuellen Beratungen der G7-Finanzminister wurde allerdings noch keine genaue Höhe dafür genannt und auch kein Zeitplan. Russland hatte umgehend mit Vergeltungsmaßnahmen und einer Destabilisierung der Energiemärkte gedroht.

Die Lieferkürzungen Russlands haben mit dazu beigetragen, dass die Gaspreise in die Höhe geschossen sind. Importeure wie der Düsseldorfer Uniper-Konzern können nur mit Milliardenhilfen des Staates für Ersatz sorgen. Haushaltskunden drohen Rechnungen, die um ein vielfaches höher sind als zuletzt. Die Sorge ist groß, dass Russland die Lage noch weiter verschärft und Gaslieferungen für längere Zeit komplett einstellt. Schon jetzt haben die hohen Energiepreise wesentlich dafür gesorgt, dass die Inflation in Deutschland auf den höchsten Stand seit fast 50 Jahren gestiegen ist.

UPDATE 09.30 Uhr - Der russische Gasriese Gazprom kündigt an, am Samstag 42,7 Millionen Kubikmeter Erdgas durch eine Pipeline, die über die Ukraine führt, nach Europa zu pumpen. Am Freitag waren an der Einfüll-Stelle Sudscha 41,3 Millionen Kubikmeter Gas registriert worden, die durch die Pipeline geliefert wurden. (rtr)

Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Ist die Ära der Niedrigzinsen vorbei? Wie Bull DeFi ungenutzte Ersparnisse in aktive Renditen verwandelt – bis zu 3.700 US-Dollar pro Tag.

Wir beleuchten die unterschiedlichen Mechanismen von Bull Market DeFi im Vergleich zu traditionellen Anlagen – und warum es sich lohnt,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinas Marsch in die Flaute drückt Deutschlands Industrie 
04.08.2026

In China braut sich womöglich eine länger anhaltende Krise zusammen. Für die ohnehin angeschlagene deutsche Wirtschaft ist das eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Öl-Aktien: Konzerne kassieren, Deutschlands Wirtschaft zahlt
04.08.2026

Krieg im Nahen Osten, Ölpreise auf Rekordniveau und Milliardengewinne für die Energiekonzerne: Öl-Aktien schlagen 2026 sogar den...

DWN
Politik
Politik Trump-Vertraute Loomer in der Ukraine: „Russland hat mich getäuscht“
04.08.2026

Jahrelang verbreitete Laura Loomer die Erzählungen des Kremls und beschimpfte die Ukraine als Land der „Nazi-Apologeten“. Nun reist...

DWN
Finanzen
Finanzen Palantir-Aktie: Überwachungsfirma hebt Prognose kräftig an
04.08.2026

Die Palantir-Aktie schießt nach starken Quartalszahlen zweistellig nach oben und profitiert vom boomenden KI-Geschäft in den USA. Vor...

DWN
Politik
Politik KI-Steuer, steuerfreie Einkommen, Grundeinkommen? Zeit für einen Systemwechsel
04.08.2026

Wenn Erwerbsarbeit nicht mehr die Existenz sichert: Künstliche Intelligenz frisst Arbeitsplätze, Inflation und Steuern fressen Löhne,...

DWN
Finanzen
Finanzen Nivea bremst: Beiersdorf-Aktie gerät unter Druck
04.08.2026

Die Schwäche von Nivea zwingt Beiersdorf zu einer überraschenden Prognosesenkung und setzt die Beiersdorf-Aktie kräftig unter Druck....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ein Volk in Rente: 22,5 Millionen Rentenempfänger in Deutschland
04.08.2026

Immer mehr Menschen beziehen Rente – und der steuerpflichtige Anteil der Auszahlungen wächst weiter. Neue Zahlen zeigen, wie viele...

DWN
Finanzen
Finanzen Hensoldt-Aktie: Bosch-Fachkräfte an Bord
04.08.2026

Die Hensoldt-Aktie rückt in den Fokus, weil der Rüstungskonzern ein neues Entwicklungszentrum mit rund 300 Stellen plant und dabei auf...