Wirtschaft

Europa hat Hälfte seiner Aluminium- und Zink-Produktion verloren

Bei den aktuellen Energiepreisen kann Europas Metallindustrie nicht überleben. Nur Firmen, die sich hinreichend gegen teure Energie abgesichert hatten, existieren noch.
Autor
07.09.2022 11:33
Aktualisiert: 07.09.2022 11:33
Lesezeit: 3 min
Europa hat Hälfte seiner Aluminium- und Zink-Produktion verloren
Das Archivbild aus 2003 zeigt einen Arbeiter der Salzgitter AG vor verzinkten Feinblechrollen. (Foto: dpa) Foto: Holger_Hollemann

Die europäische Metallindustrie hat davor gewarnt, dass die Energiekrise eine "existenzielle Bedrohung" für ihre Zukunft darstellt. Die Branche befürchtet, dass viele Hütten ohne Sofortmaßnahmen der Europäischen Union vor der endgültigen Schließung stehen.

In einem Schreiben an die Staats- und Regierungschefs der EU erklärte Eurometaux, der Handelsverband für Nichteisenmetalle, dass sich die Probleme der Branche, die bereits im vergangenen Jahr zu beispiellosen Einschnitten in der Hüttenproduktion geführt haben, verschärfen werden, wenn die EU nicht eingreift.

Eine Aluminiumhütte in der Slowakei und ein Zinkwerk in den Niederlanden haben ihre Produktion auf unbestimmte Zeit eingestellt, und es drohen weitere Schließungen, von denen einige wahrscheinlich dauerhaft sein werden, so der Branchenverband.

"Wir sind zutiefst besorgt, dass der bevorstehende Winter vielen unserer Betriebe einen entscheidenden Schlag versetzen könnte", zitiert die Financial Times aus dem Brief des Branchenverbands, der von 40 Geschäftsführern unterzeichnet worden ist.

"Wir appellieren an die Staats- und Regierungschefs der EU und der Mitgliedstaaten, Sofortmaßnahmen zu ergreifen, um ihre strategisch wichtigen stromintensiven Industrien zu schützen und dauerhafte Arbeitsplatzverluste zu verhindern."

Die Energiekosten sind in Europa weitaus höher als in Asien und den USA, nachdem Russland die Gaslieferungen an den Kontinent gedrosselt hat, wodurch Teile der Industrie in der Region auszusterben drohen.

Nach Angaben von Eurometaux hat Europa bereits die Hälfte seiner Produktionskapazitäten für Aluminium und Zink, die in Autos, Flugzeugen, Verpackungen und verzinktem Stahl verwendet werden, abgebaut.

Die Gaspreise sind auf das Zwölffache des Durchschnittswerts der letzten zehn Jahre gestiegen, da Russland die Lieferungen nach Europa gekürzt hat.

Der Anstieg des Gaspreises hat auch den Strompreis in ähnlicher Weise in die Höhe getrieben. Strom wird in großen Mengen von Hüttenwerken und anderen Schwerindustrien verbraucht.

Forderungen an die EU mehren sich

In einem separaten Schreiben an die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forderten zwölf Gruppen, welche energieintensive Industrien wie die Zement-, Chemie- und Stahlindustrie vertreten, dass die EU Maßnahmen ergreift, um

  • den Erdgaspreis zu begrenzen,
  • die Verbindung zwischen Gas- und Strommarkt zu kappen, die dazu beigetragen hat, die Strompreise in die Höhe zu treiben, und
  • den Rahmen für staatliche Beihilfen in der EU vorübergehend anzupassen.

"Für viele energieintensive Industrien gibt es derzeit weder ein Geschäftsargument, die Produktion in Europa fortzusetzen, noch Sichtbarkeit und Sicherheit für Investitionen und weitere Entwicklungen", schrieben die Industrieverbände in einer gemeinsamen Erklärung.

Als Reaktion darauf wird Brüssel Zielvorgaben für die Verringerung der Stromnachfrage, Abgaben für Energieunternehmen - deren Erlöse an Verbraucher und Unternehmen weitergeleitet werden können - und eine Änderung der Vorschriften für staatliche Beihilfen vorschlagen. Diese sollen es den Mitgliedstaaten ermöglichen, ihre Unternehmen zu unterstützen.

Die Pläne werden auf einer Dringlichkeitssitzung der EU-Energieminister am Freitag erörtert, da die Mitgliedstaaten Brüssel drängen, schnell Abhilfe zu schaffen.

Am Dienstag teilte Aluminium Dunkerque, Europas größte Primärhütte für das Metall, mit, dass sie ihre Produktion aufgrund der hohen Strompreise um 22 Prozent drosseln wird. Outokumpu, der größte Hersteller von rostfreiem Stahl in Europa, kündigte ebenfalls an, dass sich die Wiederinbetriebnahme eines seiner Ferrochromöfen aufgrund von Wartungsarbeiten verzögern wird. Ferrochrom ist eine Art von Legierung.

Aluminium, auch bekannt als "fester Strom", ist besonders stark bedroht, da diese Schmelzöfen extrem energieintensiv sind, die Produktionsmengen nicht ohne Weiteres angepasst werden können und nach einem Stillstand nur schwer wieder angefahren werden können.

Strompreis macht Aluminium-Produktion unmöglich

Nick Keramidas, Direktor für europäische und regulatorische Angelegenheiten bei Mytilineos, einem griechischen Industriekonglomerat, das Aluminium herstellt, sagt, dass der Strom, der zur Herstellung einer Tonne Aluminium benötigt wird, bei den derzeitigen Marktpreisen etwa 10.000 Euro kosten würde, aber für weniger als 2.500 Euro verkauft wird. Sein eigenes Unternehmen habe langfristige Strombezugsverträge abgeschlossen, aber die gesamte Branche kämpfe mit dem Auslaufen der Verträge.

"Alles, was nicht abgesichert ist, kann bei diesen Strompreisen nicht überleben", so Keramidas. "Im Moment ist es unmöglich, Strom auf Termin zu Preisen zu kaufen, mit denen man sich über Wasser halten kann.

Aufgrund der aktuellen Marktsituation werden laut Eurometaux Anfang 2022 weitere Hüttenwerke schließen, sobald ihre Absicherung für dieses Jahr ausläuft, sofern die EU nicht dringend und weitreichend in den Strommarkt eingreift.

Ami Shivkar, Chefanalyst für Aluminiummärkte bei der Beratungsfirma Wood Mackenzie, sagte, dass in den nächsten Monaten weitere 600.000 Tonnen Aluminiumproduktion in Europa von einer vorübergehenden Schließung bedroht sind.

"Um eine Hütte wieder in Betrieb zu nehmen, braucht man eine enorme Menge an Kapital", sagte sie und warnte davor, dass vorübergehende Schließungen zu dauerhaften Stilllegungen werden könnten.

Die europäische Elektrizitätswirtschaft hat sich jedoch gegen eine Steuer auf Stromerzeuger gewehrt. Kristian Ruby, Vorstandsvorsitzender von Eurelectric, dem Verband der europäischen Elektrizitätswirtschaft, sagte: "Politiker kommen schnell zu dem Schluss: 'Hier ist jemand, der viel Geld verdient, lasst uns ihn besteuern', aber was wir sehen, ist ein noch nie dagewesener Stresspegel [in unserem Sektor]."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VW ID. Buzz im Test: Übernachten im Elektroauto wird zum Geduldsspiel
19.10.2026

Im Elektroauto schlafen, morgens Kaffee kochen und dabei unabhängig vom Campingplatz bleiben. Der neue Campingmodus des VW ID. Buzz soll...

DWN
Finanzen
Finanzen Was wäre, wenn ich statt des S&P 500 einfach seine Mutter kaufen würde?
19.10.2026

Ohne das Unternehmen S&P Global könnten die Finanzmärkte nur schwer funktionieren. Der Aktienkurs ist in diesem Jahr jedoch auf ein...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin und Co.: Sparkassen starten schrittweise Kryptohandel
19.10.2026

Der Wettbewerb im Kryptohandel nimmt zu: Nun wollen auch die Sparkassen mit einem eigenen Angebot Privatkunden ansprechen. Sie rollen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Anthropic: Milliardenverluste, Millionengehälter und ein gigantischer Börsenplan
19.10.2026

18 Millionen Dollar Vergütung für den Chef, fast 42 Milliarden Dollar Verlust für das Unternehmen: Beim KI-Entwickler Anthropic liegen...

DWN
Politik
Politik Heil statt Klingbeil? Ex-Arbeitsminister schließt Kandidatur für SPD-Vorsitz nicht aus
19.10.2026

Bekommt Lars Klingbeil jetzt Konkurrenz? Ex-Arbeitsminister Hubertus Heil bekommt nach eigenen Worten aus der SPD viele Ermutigungen, für...

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Generationenkaufgelegenheit? Weniger Technologie, mehr Gesundheit
19.10.2026

Der S&P 500 verzeichnet zwar ein Plus von zwölf Prozent, doch unter der Oberfläche zeichnet sich ein weitaus schwächeres Bild ab. Der...

DWN
Politik
Politik Steuerzinsen 2027: Nachzahlungen sollen doppelt verzinst werden
19.10.2026

100.000 Euro Steuernachzahlung, zwei volle Zinsjahre: Heute können daraus 3.600 Euro Zinsen werden. Unter dem geplanten neuen Satz wären...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zeekr greift BMW und Mercedes an: Ex-BMW-Manager rechnet mit Europas Autobauern ab
19.10.2026

In chinesischen Autofabriken verschwinden die Menschen, Roboter übernehmen ihre Arbeit. Während BMW, Mercedes und Audi unter Kostendruck...