Politik

Brüssel strebt nach Kontrolle über Europas Unternehmen

Die EU-Kommission hat Pläne vorgelegt, wonach sie den Unternehmen Europas im Notfall vorschreiben darf, an wen sie ihre Produkte liefern müssen. Es drohen hohe Strafen.
Autor
24.09.2022 12:52
Aktualisiert: 24.09.2022 12:52
Lesezeit: 2 min
Brüssel strebt nach Kontrolle über Europas Unternehmen
Vor dem Hintergrund der aktuellen Krisen treibt EU-Kommissionsvizepräsidentin Margrethe Vestager den Ausbau der Brüsseler Macht voran. (Foto: dpa) Foto: Valeria Mongelli

Die EU-Kommission hat am Montag das so genannte Single Market Emergency Instrument vorgestellt, auf Deutsch etwa „Binnenmarkt-Notfallinstrument“. Damit beansprucht sie weitreichende neue Befugnisse zur Regulierung der europäischen Industrie in Krisenzeiten. Die 27 Mitgliedstaaten und das EU-Parlament müssen die Vorlage noch bestätigen.

Nach Ansicht von Brüsseler Beamten ist das neue Instrument notwendig, um Störungen, wie sie während der Covid-19-Pandemie auftraten, zu bewältigen. Damals versuchten die USA und andere Länder, die Ausfuhr von Impfstoffen und anderen gesundheitsbezogenen Produkten zu blockieren.

„Wir brauchen neue Instrumente, die es uns ermöglichen, schnell und kollektiv zu reagieren“, zitiert das Wall Street Journal die dänische EU-Vizepräsidentin Margrethe Vestager. Den Angaben zufolge soll das neue Instrument unter anderem dazu dienen, mögliche Probleme in den Lieferketten besser zu verfolgen, bevor es zu einer Krise kommt.

In einer so genannten Notfallphase würden zudem Maßnahmen in Kraft treten, die Unternehmen dazu verpflichten, Brüssel Informationen zur Verfügung zu stellen oder bestimmte Aufträge vorrangig zu bearbeiten. Die Kommission rechtfertigt diesen Eingriff damit, dass Engpässe Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft der EU haben könnten.

Länder wie die USA und Japan haben in den letzten Jahren Schritte unternommen, um die Produktion und den Verkehr von Waren stärker zu kontrollieren, die in Notfällen oder zur Aufrechterhaltung ihrer Wirtschaft benötigt werden. Einige EU-Beamte haben erklärt, dass auch die EU derartige Notfallinstrumente braucht.

EU soll noch mehr Macht erhalten

Der Plan würde die EU ermächtigen, bestehende Verträge der Unternehmen außer Kraft zu setzen. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) sieht die Gefahr, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beeinträchtigt wird, wenn man ihnen vorschreibt, welchen Aufträgen sie im Notfall Vorrang zu geben hätten. „Für eine global vernetzte Branche wie den Maschinen- und Anlagenbau ist Liefertreue unverzichtbar“, sagte Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann.

Die Kommission verspricht, dass sie Fälle berücksichtigen werde, in denen die vorrangige Behandlung eines Auftrags für ein Unternehmen zu einer Haftung führen könnte, weil die Verträge dem Recht eines Landes außerhalb der EU unterliegen. Zudem würden die Unternehmen die Möglichkeit erhalten, der Kommission zu erklären, warum sie ihrer Anordnung, bestimmten Aufträgen Vorrang zu geben, nicht nachkommen können.

Die Geldbußen für die Nichteinhaltung der Vorschriften könnten bis zu 1 Prozent des durchschnittlichen Tagesumsatzes eines Unternehmens für jeden Arbeitstag betragen, an dem es sich nicht an die Anordnung aus Brüssel hält, heißt es in der Vorlage. Beamte sagten, solche Geldbußen könnten für Unternehmen gelten, die versprochen haben, Aufträge vorrangig zu behandeln, dies aber nicht einhalten.

In Fällen, in denen ein Unternehmen ungenaue Angaben macht oder nicht erklärt, warum es einer Aufforderung zur vorrangigen Bearbeitung eines Auftrags nicht nachkommen kann, sollen die Bußgelder bis zu 200.000 Euro betragen.

Der Vorschlag sieht vor, dass die EU-Kommission eine beratende Gruppe einsetzt, die in normalen Zeiten Ratschläge für Maßnahmen zur Verhinderung oder Bewältigung möglicher künftiger Versorgungsunterbrechungen geben kann.

In einem so genannten Wachsamkeitsmodus, in dem die Beamten glauben, dass eine größere Unterbrechung der Versorgung mit strategisch wichtigen Waren oder Dienstleistungen droht, könnte die Kommission die Mitgliedstaaten auffordern, bestimmte Waren auf Vorrat zu lagern.

Wenn die Besorgnis in den Augen der Brüsseler Beamten in einen Notfall übergeht, könnte die Kommission zudem die Befugnis haben, von Unternehmen Informationen über ihre Geschäfte anzufordern. Wenn die Kommission Unternehmen auffordert, bestimmte Waren vorrangig zu bestellen, müssten sie dieser Aufforderung entweder nachkommen oder erklären, warum sie dies nicht tun können.

Die Beamten wären auch befugt, den EU-Mitgliedstaaten bestimmte Entscheidungen zu untersagen, wenn diese nationalen Entscheidungen nach Ansicht von Brüssel nicht gerechtfertigt sind und den europäischen Lieferketten in einer Krise ernsthaft schaden könnten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Unternehmen
Unternehmen Brady macht Schluss mit Kabeln im Industrie-Etikettendruck

Industrie-Kennzeichnung galt lange als stationär, schwer und kabelgebunden. Brady bringt nun einen Hybrid-Drucker auf den Markt, der...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Chip-Aktien treiben Wall Street nach oben, da Hoffnungen auf Friedensabkommen steigen
06.05.2026

Spannende Wendungen und neue Allzeithochs: Entdecken Sie die Hintergründe der aktuellen Marktdynamik.

DWN
Politik
Politik EU-Mitgliedschaft: Warum andere Länder schneller vorankommen als die Ukraine
06.05.2026

Die EU-Erweiterung rückt durch neue geopolitische Risiken wieder ins Zentrum der europäischen Politik, doch nicht jeder Kandidat hat...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft J.P. Morgan-Chef Jamie Dimon warnt: Weltordnung steht vor historischer Probe
06.05.2026

Jamie Dimon sieht die globale Wirtschaft vor Risiken, die weit über Börsen, Inflation und Ölpreise hinausreichen. Kann der Westen seine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nord Stream 1: Lubminer Gaskraftwerk wird an die Ukraine verschenkt
06.05.2026

Das funktionsfähige und stillgelegte Gaskraftwerk in Lubmin, soll an die Ukraine verschenkt werden. Das sorgt für Unmut, denn die Anlage...

DWN
Technologie
Technologie Kostenfalle ChatGPT: OpenAI zahlt 50 Milliarden Dollar allein für Rechenleistung
06.05.2026

Dass der Betrieb von ChatGPT teuer ist, war bekannt. Jetzt bekommt man einen Einblick, wie viele Milliarden die KI-Rechenzentren den...

DWN
Politik
Politik Trump vor der nächsten Probe: Wie lange hält der Waffenstillstand am Golf?
06.05.2026

Der Iran-Krieg macht Donald Trumps Machtverständnis zum Risiko für Märkte, Diplomatie und die globale Ordnung. Wie lange kann die...

DWN
Finanzen
Finanzen Morningstar nennt 5 Favoriten: US-Aktien für geduldige Anleger
06.05.2026

Morningstar sieht bei ausgewählten US-Aktien langfristige Chancen, doch selbst starke Marktführer müssen regelmäßig überprüft...

DWN
Politik
Politik Kerosin-Mangel im Sommer? Israel liefert Deutschland Kerosin
06.05.2026

Die Lieferung aus Nahost geschieht nach israelischen Angaben auf Bitte des deutschen Energieministeriums. Der deutsche Verkehrsminister...