Politik

Nordstream - Ein Anschlag in der Ostsee und seine geopolitischen Folgen

Moritz Enders analysiert die geopolitischen Folgen der Zerstörung der Nordstream-Pipelines.
06.11.2022 09:00
Lesezeit: 3 min

Mit der Sprengung von Nordstream 1 und Nordstream 2 und der Weigerung der deutschen Regierung, deren letzte verbleibende intakte Röhre in Betrieb zu nehmen, ist eine De-Industrialisierung Deutschlands unausweichlich geworden. Die geopolitischen Folgen dieses Prozesses werden weitreichend sein. Während sich die USA als der große Profiteur dieser Entwicklung sehen, stehen der Euro und die EU in ihrer jetzigen Form nun vor dem Scheitern. Selbst Kriege innerhalb des Gebietes der heutigen EU können dann nicht mehr ausgeschlossen werden. Eine Analyse.

Warschau und Washington profitieren

Der US- amerikanische Außenminister Antony Blinken hält die Sprengung der Erdgaspipelines für eine „tremendous opportunity“, eine enorme Gelegenheit – und damit dürfte er Recht behalten. Nicht nur werden zahlreiche Industrien aufgrund nun unbezahlbarer Gaspreise aus Deutschland abwandern und ihren Hauptsitz möglicherweise in die USA verlegen. Es ist auch damit zu rechnen, dass unzählige mittelständische Unternehmen Konkurs anmelden müssen.

Anschließend können sie, samt Patenten und Knowhow, aufgekauft und filetiert werden. Viele von diesen Betrieben sind „hidden champions“ (unbemerkte Weltmarktführer) – und davon hat Deutschland laut Forbes 1307 – weit mehr als jedes andere Land der Welt. Wer immer hinter den Anschlägen auf Nordstream steckt – es sollte ihm gelungen sein, das deutsche Wirtschaftsmodell zu zerstören und der deutschen Wirtschaft das Rückgrat zu brechen.

Gerade bei der Kappung der Ströme billigen Erdgases nach Deutschland wird aber auch deutlich, wie sehr der Wirtschaftskrieg, der inzwischen auch mit militärischen Mitteln geführt wird – sollte man die Sprengung der Pipelines als militärische Aktion begreifen - mit den geopolitischen Ambitionen anderer Akteure verzahnt ist. Zu diesen gehört unter anderem auch Polen. Während Russland nun vor einer Investitionsruine steht und sich eines potentiellen Druckmittels – nämlich den Gashahn gegebenenfalls auf- und zudrehen zu können – beraubt sieht, bekommt Polen, durch dessen Territorium die temporär nicht operative Jamal- Pipeline verläuft, nun seinerseits ein potentielles Druckmittel gegen Deutschland in die Hand, das nun von einem großen Teil seiner direkten Gasversorgung abgeschnitten ist. Die erneut – sicherlich nicht zufällig am Tag der deutschen Einheit - vorgetragenen polnischen Reparationsforderungen gegen Deutschland bieten einen Vorgeschmack auf das, was noch alles kommen kann.

Nachteile für die EU

Dabei dürfte die bevorstehende De-Industrialisierung Deutschlands auch eine Schwächung der EU nach sich ziehen, da nun ihr wichtigster Geldgeber ins Straucheln gerät. Ein schwaches Zentrum aber kann keine bindende Kraft mehr entfalten. Zentrifugalkräfte an der Peripherie des Staatenbundes dürften stärker werden und die EU in ihrer jetzigen Form auseinanderreißen.

Ein besonderes Augenmerk verdient in diesem Zusammenhang die Drei-Meeres-Initiative, die auf maßgebliches Bestreben Polens hin im Jahr 2016 gegründet wurde und inzwischen 13 mittel- und osteuropäische Staaten umfasst. Mit ihr kristallisiert sich ein Gegengewicht zum alten, „karolingischen“ Europa heraus, dessen wichtigste Achse zwischen Paris und Berlin zunehmend brüchig erscheint.

Lesen Sie dazu: Spannungen im deutsch-französischen Verhältnis: Regierungsgespräche überraschend verschoben

Geographisch betrachtet bilden die Länder der Drei-Meeres-Initiative einen effektiven Sperrriegel zwischen Russland und Deutschland und können potentiell auch die Entwicklung der „Neuen Seidenstraße“, die nicht nur aber vor allem den eurasischen Wirtschaftsraum zu erschließen trachtet, beeinträchtigen. So nimmt es nicht Wunder, dass die USA diese Entwicklung mit Wohlwollen betrachten. Washington und auch London dürften versuchen, vor allem Polen als Antagonisten Deutschlands aufzubauen. Dies dürfte vor allem durch die Zerschlagung der deutschen Wirtschaft zu bewerkstelligen sein. Denn je schwächer Deutschland wird, desto stärker wird – im Verhältnis – automatisch Polen.

Damit droht Europa in eine Lage zurückzufallen, die es in ähnlicher Form vor den beiden Weltkriegen bereits gegeben hat. Großbritannien, das die EU – möglicherweise ja in weiser Vorausahnung – bereits verlassen hat, kann bereits als ein Alliierter Polens betrachtet werden, während es gleichzeitig bestrebt ist, engere Bande zu den USA und Commonwealth-Staaten wie Australien zu knüpfen.

Rettungsanker Frankreich?

Deutschland, umringt von zahlreichen Nachbarn, liefe Gefahr, in eine geopolitische Zange genommen zu werden, wäre von bezahlbarem Erdgas abgeschnitten und dürfte darüber hinaus seine Beziehungen zu Russland auf absehbare Zeit zerstört haben. In einer solchen Situation wäre für Deutschland eine engere Anbindung an Frankreich möglicherweise ein Rettungsanker. Dies würde allerdings voraussetzen, dass sich die europäischen Staaten aus ihrer Abhängigkeit von den USA befreien und eigenständige Interessen verfolgen. Tun sie es nicht, dürfte die EU, oder was demnächst noch von ihr übrig ist, weltpolitisch in der Bedeutungslosigkeit versinken. Als de-industrialisiertes Anhängsel Eurasiens wird sie weder mit China, noch mit den USA, noch demnächst mit Indien auf Augenhöhe verhandeln können.

Vor diesem Hintergrund zeigt der Ukraine-Krieg auch ein kolossales Versagen der europäischen Diplomatie. Deutschland und Frankreich hätten auf einer Umsetzung der Minsker Abkommen bestehen müssen, anstatt sich den amerikanischen und britischen Interessen bedingungslos unterzuordnen. Denn der Krieg, den die Nato – sagen wir es offen – auf dem Territorium der Ukraine gegen Russland führt, richtet sich gleichzeitig auch gegen Deutschland.

Dieses Militärbündnis war ja, um es mit den Worten seines ersten Generalsekretärs Baron Hastings Ismay zu sagen, gegründet worden, um „die Russen draußen, die Amerikaner drinnen und die Deutschen unten zu halten". Die Frage ist allerdings, inwieweit das Denken in den Schablonen des 19. und 20. Jahrhunderts einer Welt noch gerecht wird, in der sich die Machtachsen immer mehr in Richtung Asien verschieben. Die De-Industrialisierung Deutschlands und der Zerfall der EU dürften diesen Prozess weiter beschleunigen. Die Anschläge vom 26. September werden in diesem Zusammenhang in die Geschichte eingehen: Weniger als Wendepunkt als viel mehr als Sinnbild für den Verfall des westlichen Europas.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Moritz Enders

***

Moritz Enders ist freier Autor und schreibt seit 2017 regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Er studierte Geschichte in Rom und Sevilla, Enders ist außerdem Autor und Regisseur. Mehrere Dokumentarfilme brachte er unter anderem für das ZDF und arte auf den Bildschirm, zum Beispiel „Schüsse auf dem Petersplatz – wer wollte den Papst ermorden?“ und „Tod eines Bankers – der Skandal um die älteste Bank der Welt“. Im Februar 2026 ist sein Roman „Die Prinzessin von Centocelle“ erschienen, dessen Hauptfiguren neben der Prinzessin ein Tierpfleger im Ruhestand, ein Schimpanse, ein Privatdetektiv und der Doppelgänger eines Top-Terroristen sind.

DWN
Finanzen
Finanzen IBM-Aktie verliert massiv: Quartalszahlen schocken Anleger
14.07.2026

Die IBM-Aktie verliert massiv an Wert, nachdem der IT-Konzern mit seinen Quartalszahlen die Erwartungen der Anleger verfehlt hat. Ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Einzelhandel rutscht tiefer in die Krise
14.07.2026

Die Kaufzurückhaltung der Verbraucher trifft den deutschen Einzelhandel härter als noch vor einem Jahr. Eine neue HDE-Umfrage zeigt, wie...

DWN
Finanzen
Finanzen Fluggastrechtereform: Das ändert sich für Millionen Reisende
14.07.2026

Wer innerhalb Europas fliegt, muss sich auf neue Regeln einstellen. Die geplante Reform verspricht mehr Transparenz und zusätzliche Rechte...

DWN
Politik
Politik Russische Wirtschaft: Das System steht vor der Zerreißprobe
14.07.2026

Russlands Wirtschaft wächst trotz Krieg und Sanktionen, behauptet die staatliche Statistik. Ein schwedischer Geheimdienst kommt zu einem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft China überrollt Deutschland mit Exporten
14.07.2026

China liefert immer mehr Waren nach Deutschland, während deutsche Exporte kaum noch mithalten. Neue Zolldaten zeigen, wie sich das...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Kurs im freien Fall: KI-Aktien ziehen Milliarden ab
14.07.2026

Der Bitcoin-Kurs stürzt ab, Milliarden fließen aus den großen Krypto-Fonds und selbst institutionelle Anleger ziehen sich zurück....

DWN
Panorama
Panorama Goldener Windbeutel 2026: LaVita landet auf Platz eins
14.07.2026

Goldenen Windbeutel 2026: 66.000 Verbraucher haben abgestimmt. Der überteuerte Saft von LaVita ist die dreisteste Werbelüge des Jahres....

DWN
Politik
Politik Terrorgefahr? Iranische Drohungen sorgen für neue Sicherheitswarnungen in Deutschland
14.07.2026

Ein iranischer Zeitungsbeitrag sorgt in Berlin für wachsende Besorgnis. Politiker mehrerer Parteien sehen darin mehr als bloße Propaganda...