Unternehmen

Galeria meldet Insolvenz an, will jede dritte Filiale schließen

Der letzte deutsche Warenhausriese Galeria flüchtet unter den Insolvenz-Schutzschirm. Mindestens 45 Filialen sollen geschlossen werden.
01.11.2022 11:27
Aktualisiert: 01.11.2022 11:27
Lesezeit: 3 min

Der letzte große deutsche Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof will im zweiten Insolvenzverfahren innerhalb von gut zwei Jahren mindestens ein Drittel der 131 Filialen aufgeben.

Inflation und gestiegene Energiepreise hätten zu einer "historisch negativen Konsumstimmung und damit allgemeinen Kaufzurückhaltung der Kunden geführt" begründete Geschäftsführer Miguel Müllenbach in der FAZ den zweiten Anlauf zu einer Sanierung unter dem Schutzschirm des Insolvenzrechts. Dabei werde es unter den 17.400 Beschäftigten auch Kündigungen geben. "Das ist leider unumgänglich, um in dieser Situation den größeren Teil des Unternehmens zu retten." Neuerliche Staatshilfen seien nicht sinnvoll, erklärte er, weil Galeria sie in absehbarer Zeit nicht zurückzahlen könnte.

Ein Sprecher des erneut als Sanierer engagierten Wirtschaftsprüfers Arndt Geiwitz sagte der Nachrichtenagentur Reuters, es gehe darum, bei Karstadt "aus sich heraus tragfähige Strukturen zu schaffen". Er bestätigte, dass Galeria Karstadt Kaufhof beim Amtsgericht Essen ein Schutzschirmverfahren beantragt habe und sich in Eigenverwaltung sanieren wolle. Geiwitz war als Insolvenzverwalter der Drogeriekatte Schlecker bekannt geworden. Wie 2020, als die Corona-Pandemie Galeria in Schieflage gebracht hatte, soll der Düsseldorfer Jurist Frank Kebekus den Prozess als Sachwalter begleiten. Die WirtschaftsWoche hatte als erste über den Antrag berichtet.

Vor zwei Jahren hatte Galeria Karstadt Kaufhof gut 40 von damals 172 Filialen geschlossen, wobei rund 5000 Mitarbeiter ihre Stellen verloren. Diesmal könnten laut Müllenbach noch mehr Warenhäuser zumachen, ein Drittel wären rechnerisch 45: "Unter den aktuellen Rahmenbedingungen (muss) das bestehende Filialportfolio deutlich reduziert werden, um sich von Häusern zu trennen, die in diesem volkswirtschaftlichen Umfeld - und damit anders als nach dem ersten Schutzschirmverfahren angenommen - nicht mehr profitabel zu betreiben sind", sagte er der Zeitung.

Stefanie Nutzenberger, die im Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi sitzt, sagte: "Für uns geht es jetzt darum, möglichst jeden Arbeitsplatz zu erhalten. Die Wut und die Enttäuschung ist groß bei unseren Kolleginnen und Kollegen vor Ort."

Für großangelegten Filialumbau fehlte das Geld

Galeria hatte begonnen, die verbliebenen Filialen unter dem Motto "Galeria 2.0" umzubauen. Doch dieser Plan blieb angesichts der prekären Lage in den Anfängen stecken, wie Müllenbach sagte: "Uns hat (...) schlicht das notwendige Geld für eine schnelle Modernisierung einer kritischen Masse an Filialen gefehlt." Die Pandemie habe dazu geführt, dass grundsätzlich weniger Menschen in den Innenstädten unterwegs seien und weniger bei stationären Händlern einkauften", schrieb er in einem Reuters vorliegenden Brief an die Belegschaft. "Und es ist bis heute keine wirkliche Trendwende erkennbar."

Der Konzern hatte in dem von den Corona-Lockdowns geprägten Geschäftsjahr 2020/21 (per Ende September) 622 Millionen Euro Verlust geschrieben und rechnete auch für 2021/22 mit einem niedrigen bis mittleren dreistelligen Millionenverlust. Dennoch glaubt Müllenbach an das Warenhaus: "Galeria ist zukunftsfähig, sein Geschäftsmodell mit den notwendigen Modernisierungen der Filialen und weiteren inhaltlichen Feinjustierungen tragfähig und wird, frei von unverschuldeten Belastungen, am Markt erfolgreich sein können." Viele Einzelhandelsexperten zweifeln allerdings an dem Konzept von Kaufhäusern mit großen Flächen in den teuren Innenstädten.

Staat unterstützte Karstadt mit 680 Millionen Euro

Müllenbach bestätigte Gespräche mit der Bundesregierung über erneute Staatshilfen, über die Reuters und andere Medien bereits berichtet hatten. Man sei aber in Gesprächen mit dem staatlichen Rettungsfonds WSF zu dem Schluss gekommen, dass weitere Kredite nicht sinnvoll wären. "Ein neuer Kredit hätte uns wegen Zinsen und Tilgung noch weiter belastet, ohne dass uns gleichzeitig Entlastungen möglich gewesen wären, wie sie ein erneutes Schutzschirmverfahren bieten", schrieb der Galeria-Chef an die Belegschaft. Der WSF muss nun voraussichtlich auch einen großen Teil der 680 Millionen Euro abschreiben, die er im vergangenen und in diesem Jahr an Galeria Karstadt ausgereicht hatte.

Müllenbach sagte der FAZ, grundsätzlich wäre auch ein Staatseinstieg durch einen Tausch von Schulden in eine Beteiligung möglich. In Unternehmenskreisen hieß es, auch der Eigentümer von Galeria Karstadt, der österreichische Immobilien-Unternehmer Rene Benko, werde im Zuge der Sanierung weiteres Geld geben. Darauf dringt auch Verdi-Vertreterin Nutzenberger: "Es muss jetzt zusätzliches Geld ins Unternehmen. Da gibt es klare Erwartungen an den Eigentümer."

Der Galeria-Chef sagte, Benkos Signa-Holding habe bereits fast 1 Milliarde Euro in den Konzern investiert. "Ohne die Signa gäbe es schon längst keine Warenhäuser mehr in Deutschland. Ich gehe davon aus, dass Signa uns auch weiterhin mit Investitionen unterstützen wird."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Warum Unternehmen um jede Minute kämpfen

Im Internet ist Geld nicht länger die einzige Währung. Eine ebenso große Rolle spielt die Währung Aufmerksamkeit. Wer im Überfluss an...

 

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Gefällt Dir das Produkt? Dann kaufe die Aktie!
19.07.2026

Früher war Aktienauswahl oft erstaunlich einfach: Wer ein Produkt mochte und verstand, investierte auch in das Unternehmen dahinter. Doch...

DWN
Finanzen
Finanzen Die zehn reichsten Deutschen – und der Vergleich zu Elon Musk
19.07.2026

Deutschlands reichste Menschen sind Unternehmer und Erben von Unternehmern, deren Firmen weltweit Milliarden Euro umsetzen. Gründer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Japan: Der Feind ist nicht das Elektroauto, der Feind ist der Kohlenstoff
19.07.2026

Autos aus diesem asiatischen Land stehen ganz oben auf der Wunschliste potenzieller Käufer. Zu den Stärken der Branche zählen die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niedrige Geburtenrate: Warum weniger Kinder die Wirtschaft produktiver machen könnten
19.07.2026

Weniger Kinder, weniger Arbeitskräfte, weniger Wachstum: Diese Rechnung klingt logisch, könnte aber falsch sein. Eine neue Studie zeigt,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hackergruppen 2026: Diese Cyber-Elite greift Deutschlands Unternehmen an
19.07.2026

Sie knacken nicht nur Passwörter, sondern manipulieren Helpdesks, missbrauchen Fernzugriffe und stehlen sogar biometrische Daten. Die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Von Bauunternehmen bis hin zu Energieversorgern: Das sind die unerwarteten Gewinner des KI-Booms
19.07.2026

Für zahlreiche Unternehmen aus klassischen Industriezweigen – von Bergbauunternehmen bis hin zu Herstellern von Kühlsystemen – hat...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Opel-Chef Florian Huettl: Kann sein leiser Kurs die Traditionsmarke retten?
18.07.2026

Andere Automanager inszenieren sich, Florian Huettl hört lieber Kunden und Händlern zu. Der Opel-Chef soll eine deutsche Traditionsmarke...

DWN
Technologie
Technologie CATL: Europa baut Ladestationen, China Batteriewechselstationen
18.07.2026

Das chinesische Unternehmen CATL will bis 2030 80 Prozent des chinesischen Güterverkehrs mit einem Netz von Batteriewechselstationen...