Wirtschaft

Kanada will wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA reduzieren

Angesichts des massiven Subventionsprogramms der US-Regierung versucht Ottawa, die starke Abhängigkeit vom US-Markt abzubauen. Auch die Europäer sind alarmiert.
04.12.2022 07:57
Aktualisiert: 04.12.2022 07:57
Lesezeit: 3 min

Kanada will seine Beziehungen zu pazifischen Staaten ausbauen und damit seine einseitige wirtschaftliche Ausrichtung auf den Handel mit den USA reduzieren. Das sieht eine am vergangenen Sonntag beschlossene Indopazifik-Strategie vor, für die Mittel im Umfang von 2,3 Milliarden kanadischer Dollar (1,65 Milliarden Euro) vorgesehen sind, die unter anderem in Rüstung und Cyber-Sicherheit fließen sollen. Geplant ist, die Beziehungen zu über 40 Ländern im Pazifik zu vertiefen.

Hintergrund der Neuausrichtung ist ein zunehmend restriktiver Kurs der USA in Wirtschaftsbeziehungen und wachsende Kritik am Freihandel. Erklärtes Ziel der Regierung des Ministerpräsidenten Justin Trudeau ist die Diversifizierung der Handelsbeziehungen. Nach offizielle Daten für September entfallen 68 Prozent des kanadischen Außenhandels auf die USA, während China nur sieben Prozent einnimmt.

China wird allerdings in der neuen Strategie auch als problematisch wahrgenommen. Mit Blick auf die Volksrepublik heißt es in dem 26-seitigen Strategiepapier, die Regeln für Auslandsinvestitionen würden verschärft, um geistiges Eigentum zu schützen und zu verhindern, dass chinesische Unternehmen Zugriff auf heimische Bodenschätze bekämen. Dennoch sei die Zusammenarbeit mit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt notwendig, um Probleme wie den Klimawandel oder die Beschränkung von Atomwaffen anzugehen.

Protektionismus ruft auch Europäer auf den Plan

Frankreich setzt auf Ausnahmen von Zöllen und Beschränkungen beim großen Industrie- und Subventionsprogramm der USA. Wichtig sei vor allem, dass Europa seine wirtschaftlichen Interessen schütze, sagte Finanzminister Bruno Le Maire am Sonntag. Er begleitet den französischen Präsidenten Emmanuel Macron in der neuen Woche bei einem Staatsbesuch in den USA.

Die US-Regierung hat mit dem sogenannten Inflation Reduction Act und anderen Maßnahmen zur Industriepolitik massive Anreize für Investitionen in den USA geschaffen. Europäer fürchten dadurch Rückschläge und Einbußen für europäische Unternehmen, welche geneigt sein könnten, ihre Produktion angesichts der Milliarden-Subventionen in die USA zu verlegen und Europa den Rücken zu kehren.

„Frankreich könnte um Ausnahmen von einigen Zöllen und Beschränkungen bitten, die von der US-Regierung eingeführt wurden“, sagte Le Maire dem Fernsehsender France 3. „Aber die eigentliche Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Welche Art von Globalisierung liegt vor uns.“ Denn China bevorzuge die chinesische Produktion, Amerika bevorzuge die amerikanische Produktion. „Es ist an der Zeit, dass Europa die europäische Produktion bevorzugt“, sagte der Minister. Alle europäischen Staaten müssten verstehen, „dass wir heute angesichts dieser amerikanischen Entscheidungen lernen müssen, unsere wirtschaftlichen Interessen besser zu schützen und zu verteidigen.“

Lesen Sie dazu: Frankreich: Europa muss geeint gegenüber Amerika und China auftreten

Auch SPD-Chef Lars Klingbeil hatte sich jüngst im Reuters-Interview besorgt um Folgen des US-Vorgehens geäußert: „Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass es die Gefahr gibt, dass Industriearbeitsplätze aus Deutschland und Europa verschwinden könnten, die dann nicht so schnell zurückkommen.“ Bundeskanzler Olaf Scholz hatte am Freitag bei einem Treffen mit Frankreichs Regierungschefin Elisabeth Borne gesagt, man müsse „für Fairness im Miteinander zwischen Europa und den Vereinigten Staaten Sorge tragen.“

Habeck kündigt „robuste Antwort“ an

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat eine „robuste Antwort“ der Europäischen Union auf das US-Inflationsgesetz angekündigt. Der Grünen-Politiker sagte am Dienstag auf einer Industriekonferenz in Berlin, Europa müsse seine Hausaufgaben machen. Es gehe darum, schneller Investitionsbedingungen herzustellen. Habeck sprach von einem Zukunftsplan für die Industrie in Europa.

Habeck sagte, die Amerikaner hätten sich entschieden, in einer Phase hoher Inflation die zukünftige Wirtschaft mit einem großen Investitionsprogramm aufzubauen. Die Leitmärkte der Zukunft würden grüne Märkte sein. Es gebe aber noch eine „Schattenseite“, so Habeck. Vorschriften, dass in Amerika produziert werden müsse, seien nicht kompatibel mit den Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Parallel zu Gesprächen mit den USA müsse es einen europäischen Plan geben. „Wir reden über Wochen“, sagte Habeck.

Die Schiedsgerichte der WTO wurden von der Trump-Administration bewusst ausgehebelt. Seitdem gilt die Organisation als nicht mehr vollumfänglich leistungsfähig.

Lesen Sie dazu: Ein Schuss von Trump reichte - nun schlingert die Welthandelsorganisation führerlos umher

Der Minister sagte, das kommende Jahr werde im Zeichen der Industriepolitik stehen. Es gehe um die Sicherung des Standorts und um Rahmenbedingungen, die es Industrieunternehmen ermöglichten, in Deutschland zu bleiben und hier zu produzieren. Habeck warnte vor einem Schlechtreden des Standorts Deutschland und einem „lustvollen Beschreiben des Niedergangs.“ Die Bundesregierung werde den Industriestandort in Deutschland nicht kaputt gehen lassen.

Industriepräsident Siegfried Russwurm sagte, die Gefahr einer Abwanderung von Unternehmen sei real. Er verwies auf die im internationalen Vergleich hohen Energiekosten. Dies sei ein „Handicap.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Die wirtschaftlichen Aspekte von kostenlosen Testversionen und wiederkehrenden Zahlungen

Kostenlose Testversionen sind der erste Schritt im Marketing. Damit können Nutzer einen Dienst ausprobieren, bevor Geld fließt und die...

DWN
Finanzen
Finanzen Neobroker unter Druck: Trade Republic kämpft gegen EU-Regulierung
09.04.2026

Die EU beendet die ultragünstigen Neobroker-Deals, Trade Republic gerät unter Druck. Anleger müssen sich auf höhere Kosten und neue...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Firmenpleiten auf höchstem Stand seit mehr als 20 Jahren
09.04.2026

Mehr als 4.500 Firmen meldeten im ersten Quartal Insolvenz an – so viele wie seit 2005 nicht mehr. Besonders stark betroffen sind...

DWN
Politik
Politik 5 Prozent Inflation: Trotz Waffenstillstand droht erheblicher Kaufkraftverlust
09.04.2026

Es ist laut IEA die "schwerste fossile Energiekrise unserer Zeit" – und die Inflation zieht bereits spürbar an. Experten warnen vor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Iran-Krieg treibt Preise: Europas Konsum kippt
09.04.2026

Der Iran-Krieg trifft Europas Haushalte direkter als viele erwarten: Preise steigen, Spielräume schrumpfen. Verbraucher reagieren –...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Waffenruhe im Nahen Osten: Exporteure schöpfen neue Hoffnung
09.04.2026

Der Start ins Jahr verlief schwach, die Folgen des Iran-Krieges sind noch nicht verarbeitet. Dennoch rechnen Deutschlands Exporteure...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mazda CX-30 im Test: Was der SUV wirklich kann
09.04.2026

Der CX-30 ist der kleinste SUV im Modellangebot von Mazda. Angetrieben wird er von einem Benzinmotor, ein Automatikgetriebe sorgt für...

DWN
Politik
Politik Wohin ist das Sondervermögen verschwunden? Bis zu 95 Prozent sind versickert
09.04.2026

Ein Jahr nach dem 500-Milliarden-Euro-Versprechen für Schiene, Brücken und Klima ziehen Top-Ökonomen eine ernüchternde Bilanz. Das...

DWN
Finanzen
Finanzen Frankreich zieht Goldreserven aus den USA ab: Welche Folgen hat das für Europa?
08.04.2026

Frankreich ordnet seine Goldreserven neu und verlagert zentrale Bestände aus den USA nach Europa. Steht Europa damit vor einer...