Deutschland

Autobauer: Hohe Energiepreise verdrängen Industrie aus Europa

Lesezeit: 4 min
02.12.2022 14:00
Die hohen Energiepreise in Europa und insbesondere in Deutschland gefährden nach Einschätzung von VW bereits erste Geschäftsbereiche. Ein anderer Autobauer warnt vor der Abwanderung ganzer Industriebranchen.
Autobauer: Hohe Energiepreise verdrängen Industrie aus Europa
Deutsche Autobauer warnen vor Produktionsverlagerungen wegen der hohen Energiepreise. (Foto: dpa)
Foto: Swen Pförtner

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Volkswagen-Vorstand Thomas Schäfer sieht den Ausbau der Elektromobilität angesichts hoher Energiekosten und fehlender Investitionsanreize in Gefahr. "Wenn es uns nicht gelingt, die Energiepreise in Deutschland und Europa rasch und verlässlich zu senken, sind Investitionen in energieintensive Produktion oder in neue Batteriezellfabriken in Deutschland und der EU praktisch nicht mehr darstellbar", schrieb Schäfer in einem Beitrag auf LinkedIn. Die Wertschöpfung in diesem Bereich werde anderswo stattfinden.

Auch BMW-Chef Oliver Zipse warnte vor einer Abwanderung von Unternehmen. Es sei zu befürchten, dass die stark gestiegenen Energiepreise dazu führten, dass Firmen in Länder außerhalb Europas umzögen. Er bezog sich insbesondere auf die Chemieindustrie. Systemintegratoren wie BMW seien weniger stark gefährdet.

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Schäfer, der im Konzernvorstand die Markengruppe Volumen mit VW, Seat und Skoda leitet, mahnte weiter, für die Transformation der Industrie sei die EU mit ihrem Regelwerk nicht gut aufgestellt. Während die USA mit ihrem "Inflation Reduction Act" hochattraktive Anreize für Investitionen in neue Anlagen und Produktion böten, halte die Europäische Union an veralteten und bürokratischen Beihilferegeln fest. Damit würden Regionen statt der Erhalt und die Umwandlung ganzer Industriestandorte gefördert. "Und neue Förderinstrumente wie IPCEI setzen eher auf die langfristige Entwicklung neuer Technologien statt auf den kurzfristigen Hochlauf, Skalierung und Industrialisierung einer Produktion", erklärte Schäfer.

Die von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und seinem französischen Kollegen Bruno LeMaire verabredete Stärkung der industriepolitischen Zusammenarbeit sei ein richtiger Schritt. Das gemeinsame Papier greife an den entscheidenden Stellen jedoch zu kurz und setze zudem nicht die erhofften Schwerpunkte.

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Volkswagen blickt nach Nordamerika

Im Wettlauf um die Sicherung von Rohstoffen und Produktionskapazitäten für die Elektromobilität kehrt Volkswagen Europa den Rücken und nimmt stattdessen Nordamerika ins Visier. Der Wolfsburger Konzern, der den Bau von sechs Batteriezellfabriken in Europa plant, startet die Suche nach einem ersten Standort jenseits des Atlantiks. Der weltweit zweitgrößte Autobauer nach Toyota erklärte am Donnerstag, Kanada sei dabei "eine logische Option" und bestätigte damit Informationen der Nachrichtenagentur Reuters. Mit der Aussage eröffnete Volkswagen das Pokern um milliardenschwere Fördermittel. Denn die USA werben mit massiven Steuererleichterungen um Technologien für erneuerbare Energien wie Elektroautos.

Volkswagenchef Oliver Blume sagte aus Anlass der Unterzeichnung einer Zusatzvereinbarung mit Kanada: "Das Land bietet hohe Nachhaltigkeitsstandards und ideale wirtschaftliche Bedingungen." Die kanadische Regierung habe sich bereits als starker und zuverlässiger Partner erwiesen. Dies sei erst der Anfang: Die E-Fahrzeug-Markt in Nordamerika befinde sich an einem Wendepunkt. Volkswagen sei fest entschlossen, in der gesamten Region zu investieren, um diese historische Chance zu nutzen. Damit öffnete VW Raum für Spekulationen über eine Batteriezellfabrik auch in den USA.

"Die Rahmenbedingungen in Nordamerika sind hochattraktiv. Der wettbewerbsfähigste Standort macht das Rennen", sagte Technikvorstand Thomas Schmall zu Reuters. Kanada sei neben anderen Optionen auf einer Shortlist von Standorten, die für ein Werk in Nordamerika in Betracht gezogen würden. Die Batterietochter PowerCo, die mittelfristig auch als Börsenkandidat gilt, werde in Kürze ausführliche Verhandlungen mit allen Beteiligten führen.

Kanadas Industrieminister François-Philippe Champagne sagte, die Autoindustrie sei für die kanadische Wirtschaft von entscheidender Bedeutung und sichere den Lebensunterhalt von Hunderttausenden Familien."Im Zuge des weltweiten Übergangs hin zu einer saubereren und nachhaltigeren Wirtschaft werden Kanadas hochqualifizierte Arbeitskräfte ein Schlüssel zum Bau des grünen Fahrzeugs der Zukunft sein."

Die Standortsuche ist vor dem Hintergrund interessant, dass die US-Regierung mit dem sogenannten Inflation Reduction Act und anderen Maßnahmen zur Industriepolitik Anreize für Investitionen im eigenen Land geschaffen hat. EU-Länder befürchten, dass das 430 Milliarden Dollar schwere Gesetz für die Energiesicherheit und die Bekämpfung des Klimawandels in den USA europäische Unternehmen benachteiligt und zur Abwanderung in die USA führt. Der schwedische Batteriehersteller Northvolt erwägt bereits, geplante Investitionen in ein neues Batteriewerk in Schleswig-Holstein zugunsten einer Fabrik in den USA zurückzustellen. Volkswagen will auch unabhängig davon seine E-Auto-Aktivitäten in den nächsten Jahren kräftig ausweiten.

Der Konzern will für die Umstellung auf E-Autos alleine in Europa zusammen mit Partnern sechs Batteriezellfabriken hochziehen und benötigt dafür große Mengen an Rohstoffen. Dazu hatte Volkswagen am Rande des Kanada-Besuchs von Bundeskanzler Olaf Scholz bereits vor einigen Monaten eine Absichtserklärung über Rohstoffe unterzeichnet. Auf dieser basiert die nun geschlossene Zusatzvereinbarung über die Standortsuche für die erste Gigafactory in Nordamerika, über eine zweite wird nachgedacht. Auch Mercedes-Benz hatte am Rande des Kanzler-Besuchs in Kanada eine Absichtserklärung über eine Rohstoff-Kooperation unterzeichnet.

Unicore wird strategischer Partner

Für seine Batteriepläne weitet Volkswagen die Zusammenarbeit mit dem belgischen Materialtechnologie-Konzern Umicore aus und schloss am Donnerstag Lieferabkommen über Kathodenmaterial für die künftige Zellfertigung in Nordamerika. Die beiden Konzerne hatten im September die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens beschlossen, das ab 2025 die europäischen Batteriezellfabriken der VW-Batteriezelltochter PowerCo mit Schlüsselmaterialien für die geplante Einheitszelle beliefern soll. Zusammen investieren die Partner rund drei Milliarden Euro in den Aufbau von Produktionskapazitäten für Batteriematerialien. Bis zum Ende des Jahrzehnts wollen sie in Europa Kathoden- und Vormaterial für 160 Gigwattstunden Zellkapazität pro Jahr produzieren. Das entspricht einer jährlichen Kapazität für rund 2,2 Millionen Elektroautos.

Ergänzt werden die nun durch die Ausweitung auf Kanada. Dabei geht es um ein Volumen von bis zu 40 Gigawattstunden pro Jahr in 2030, das entspricht laut VW rund 550.000 vollelektrischen Fahrzeugen. Der Beginn der Lieferung sei für 2027 vorgesehen. Umicore plane zur Versorgung mehrerer Partner ab 2023 den Bau einer Fabrik für die großindustrielle Fertigung von Kathodenmaterial in Kanada, teilte Volkswagen mit. Das wäre das erste Werk dieser Art in Nordamerika.



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