Politik

Ukraine: Raketenangriffe bringen großflächige Blackouts

Nach starken russischen Raketenangriffen melden zahlreiche Städte in der ganzen Ukraine Blackouts. Kiew erwartet für Anfang 2023 eine neue Offensive.
16.12.2022 12:33
Aktualisiert: 16.12.2022 12:33
Lesezeit: 2 min

Die Ukraine ist von Russland nach eigenen Angaben mit erneuten Raketen-Salven überzogen worden. Aus der Hauptstadt Kiew und der östlichen Millionenmetropole Charkiw sowie mehreren weiteren Orten wurden am Freitag Explosionen, Stromausfälle und Angriffe auf zentrale Teile der Infrastruktur gemeldet. Mindestens zwei Menschen wurden im südukrainischen Krywyj Rih beim Beschuss eines Wohngebäudes getötet und fünf weitere verletzt, wie lokale Behörden mitteilten. Im ganzen Land heulten Warnsirenen auf.

"Ignorieren Sie nicht den Luftalarm, bleiben Sie in den Schutzräumen", forderte der stellvertretende Leiter des Präsidialamtes, Kyrylo Tymoschenko, die Bevölkerung über Telegram auf. Bis zu 60 russische Raketen seien ausgemacht worden, teilte der Gouverneur der südukrainischen Region Mykolajiw, Witalij Kim, mit.

In Charkiw sei der Strom komplett ausgefallen, teilte der Betreiber Oblenergo mit. Ähnliches galt für die kleinere Stadt Poltawa im Landeszentrum und auch aus der nordöstlichen Region Sumy wurden Stromausfälle gemeldet, die durch Raketenangriffe verursacht worden seien. In der Schwarzmeerregion Odessa im Süden des Landes wurde nach Behördenangaben ebenfalls kritische Infrastruktur getroffen. In mehreren Landesteilen war der Bahnverkehr nach Betreiberangaben beeinträchtigt.

Seit Oktober hat das russische Militär nahezu wöchentlich die zivile Energieinfrastruktur der Ukraine angegriffen. Für die Menschen bedeutet das Mitten im Winter Strom-, Heizungs- und Wasserausfälle. Zwar konnte einiges wieder repariert werden, doch mit jedem Angriff wird das schwieriger. Landesweit kommt es deshalb auch zu Notabschaltungen von Stromanlagen, verlautete aus dem Präsidentenbüro.

Gleichzeitig toben Kämpfe am Boden weiter. In der ostukrainischen Region Luhansk wurden am Freitag durch ukrainischen Beschuss der russischbesetzten Siedlung Lantratiwka mindestens acht Menschen getötet und 23 verletzt, wie die russische Nachrichtenagentur Tass berichtete. Sie berief sich auf den von Russland eingesetzten Statthalter von Luhansk, Leonid Pasetschnik, der von einem barbarischen Angriff sprach. Die Ukraine nehme Wohn- und Einkaufsviertel sowie Schulen ins Visier, um "so viele Menschen wie möglich zu töten". Der Chef einer prorussischen Separatisten-Miliz sagte, auch in dem Ort Swatowe rund 70 Kilometer weiter südlich sei ein Zivilist durch ukrainischen Beschuss getötet worden.

VORGESCHMACK AUF NEUE OFFENSIVE IM JANUAR?

Die Berichte über das Kriegsgeschehen lassen sich kaum unabhängig überprüfen. Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters hörten am Freitagmorgen in Kiew mehrere Explosionen. Es war jedoch nicht klar, ob diese durch Raketen verursacht wurden, die trotz der Luftabwehr durchgedrungen waren. Russland greife "massiv an", erklärte der Gouverneur der Hauptstadt-Region, Olexij Kuleba. Erst vor wenigen Tagen hatte Russland den ersten größeren Drohnenangriff auf Kiew seit Wochen verübt. Zwei Verwaltungsgebäude wurden getroffen, aber den Luftabwehrsystemen gelang es Medienberichten zufolge, die Attacke weitgehend abzuwehren und 13 Drohnen abzuschießen.

Russland war kurz nach Beginn seiner Invasion am 24. Februar bis auf Kiew vorgerückt, geriet dann aber rasch in die Defensive. Im März zog es seine Soldaten aus der Hauptstadtregion zurück, um sich auf den Osten und Süden der Ukraine zu konzentrieren. Die ukrainische Militärführung rechnet allerdings damit, dass Moskau im Januar eine neue Offensive starten könnte - und damit auch einen zweiten Versuch zur Eroberung Kiews. "Die Russen bereiten etwa 200.000 Soldaten auf den Einsatz vor. Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie es wieder auf Kiew abgesehen haben", zitierte das Wirtschaftsmagazin "The Economist" den ukrainischen General Walerij Saluschnyj.

Entspannung ist nicht in Sicht. Beide Seiten haben eine Feuerpause zu Weihnachten ausgeschlossen. Angesichts der anhaltenden Angriffe hat die ukrainische Führung zuletzt verstärkt mehr Unterstützung und Waffen vom Westen gefordert. Die Europäische Union beschloss am Donnerstag auf einem Gipfeltreffen Milliardenhilfen für die Ukraine und ein neuntes Sanktionspaket gegen Russland. In den USA wiederum gab der Kongress grünes Licht für den Verteidigungshaushalt, der ebenfalls zusätzliche Hilfen für die Ukraine vorsieht. Außerdem weiten die Amerikaner ihre Ausbildungsmission in Deutschland für ukrainische Soldaten aus. (Reuters)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Umgang mit Cookies: BGH verhandelt zu Cookie-Speicherung – darum geht's
10.10.2026

Der Bundesgerichtshof prüft, ob Unternehmen für das Speichern von Cookies auf fremden Internetseiten ohne Einwilligung haften müssen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Uber-Robotaxis in Deutschland: Erst Stellen streichen, dann Jobs versprechen
10.10.2026

Uber streicht Tausende Stellen und verspricht gleichzeitig neue Arbeitsplätze in Deutschland. Was widersprüchlich klingt, folgt einer...

DWN
Finanzen
Finanzen Revolut-Bank greift an: Dieser Fintech-Riese will Europas Banken überholen
10.10.2026

Die Revolut-Bank wächst in einem Tempo, von dem klassische Geldhäuser nur träumen können: fast 70 Millionen Kunden, Milliardenbewertung...

DWN
Technologie
Technologie KI-Prompts für Marketing und Vertrieb: 7 KI-Vorlagen für KMU und Selbstständige
10.10.2026

Fast jedes zweite kleine Unternehmen sieht noch keinen echten Nutzen in KI – dabei liegt der Unterschied oft nur im richtigen Prompt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dacia Sandero Stepway: Europas Bestseller hat ein Sicherheitsproblem
10.10.2026

Europas meistverkauftes Auto kommt nicht von Volkswagen, Toyota oder Peugeot, sondern von Dacia. Der Sandero Stepway punktet mit enormer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kingspan Group-Aktie unter Druck: EU greift nach geplatztem Deal durch
10.10.2026

Ein geplatzter Milliardendeal? Nein, ein gescheiterter Firmenkauf mit teuren Folgen. Weil der irische Baustoffkonzern Kingspan die...

DWN
Politik
Politik Marine Le Pen plant finanzpolitischen Kurs mit großen Einsparungen: Auf den Straßen wächst die Wut
10.10.2026

Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Während Zehntausende junge Menschen gegen marode Schulen und fehlende Investitionen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Generation Z trifft auf Generation X: Wie ein Eiskaffee zum Karrierekiller werden kann
10.10.2026

Ein Eiskaffee beim Bewerbungsgespräch sollte eigentlich keine große Sache sein. Doch für manche Personalverantwortliche verrät der...