Politik

Kissinger in Davos-Rede: Ukraine soll der Nato beitreten

Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger hat sich nun doch für einen Nato-Beitritt der Ukraine ausgesprochen. Auch in anderen Details rückt er von früheren Positionen ab.
Autor
18.01.2023 22:42
Aktualisiert: 18.01.2023 22:42
Lesezeit: 3 min
Kissinger in Davos-Rede: Ukraine soll der Nato beitreten
Henry Kissinger fordert per Videoschalte zum WEF in Davos den Nato-Beitritt der Ukraine. (Foto: dpa) Foto: Markus Schreiber

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger sagte am Dienstag in einer Videoansprache an das Weltwirtschaftsforum (WEF), dass es keinen Sinn mehr mache, die Ukraine aus der Nato herauszuhalten. Eine Mitgliedschaft im westlichen Militärbündnis wäre ein "angemessenes Ergebnis" des Kriegs gegen Russland.

Damit vollzieht Kissinger eine Kehrtwende, da er einen Nato-Beitritt der Ukraine in der Vergangenheit abgelehnt hatte. Der 99-jährige Realpolitiker setzt sich seit Monaten für einen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg ein, der seiner Ansicht nach auch einige militärische Fortschritte Russlands akzeptieren sollte.

"Vor diesem Krieg war ich gegen eine Mitgliedschaft der Ukraine in der Nato, weil ich befürchtete, dass damit genau der Prozess in Gang gesetzt würde, den wir jetzt erlebt haben", zitiert ihn die Nachrichtenagentur AFP. "Jetzt, da dieser Prozess so weit fortgeschritten ist, ist die Idee einer neutralen Ukraine unter diesen Bedingungen nicht mehr sinnvoll", so Kissinger.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte die Nato-Bestrebungen der Ukraine als eine Bedrohung für Russland bezeichnet, als er die am 24. Februar letzten Jahres begonnene Invasion rechtfertigte.

Die USA hatten darauf bestanden, dass die Entscheidung über die Nato bei der Ukraine liegt. Doch das Angebot fand bei den europäischen Mächten wenig Anklang, da sie die gegenseitigen Sicherheitsgarantien des Bündnisses nicht an ein Land weitergeben wollten, das sich bereits seit 2014 in einem Krieg niedriger Intensität mit Russland befindet.

Kissinger warnte letzten Monat in einem Essay in der konservativen britischen Zeitschrift The Spectator, dass der Ukraine-Konflikt Parallelen zu 1914 aufweise, als die Großmächte versehentlich in einen Weltkrieg eskalierten. Er forderte einen Waffenstillstand, bei dem sich Russland auf die Linien vor der Invasion zurückzieht, aber die Ostukraine und die 2014 annektierte Halbinsel Krim behalten soll.

In seinem Artikel im Spectator schlug Kissinger zudem schlug vor, dass Referenden abgehalten werden könnten, um Streitigkeiten über einige der von Russland in der Ukraine eroberten Gebiete beizulegen. Doch im Verlauf des letzten Monats scheint sich seine Meinung zu diesem Thema geändert zu haben.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

Zwar rief er in seiner Davos-Rede am Dienstag immer noch zu Gesprächen mit Moskau auf. Doch die Kämpfe sollten seiner Ansicht nach erst dann beendet werden, wenn Russland auf die Linien vor der Invasion zurückgedrängt worden ist. "Ich glaube an einen Dialog mit Russland, solange der Krieg andauert, und an ein Ende der Kämpfe, wenn die Vorkriegslinie erreicht ist", sagte er.

In Davos sagte Kissinger aber weiterhin, es sei wichtig, "zu verhindern, dass der Krieg zu einem Krieg gegen Russland selbst wird" und "Russland die Möglichkeit zu geben, sich wieder in das internationale System einzufügen". Einige Länder, die einst von Moskau beherrscht wurden, zögern Kissinger zufolge. Es sei aber entscheidend, Instabilität in der riesigen, atomar bewaffneten Nation zu vermeiden.

Ein diplomatischer Prozess könnte Russland dabei helfen, "seine historische Position neu zu bewerten, die eine Mischung aus der Anziehungskraft der europäischen Kultur und der Furcht vor der Beherrschung durch Europa war", sagte Kissinger vor einem Bücherregal mit einem gerahmten Bild von Präsident Richard Nixon, unter dem er diente.

Die Aussichten auf Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien sind gering, da die Ukraine einen vollständigen Rückzug und ein Kriegsverbrechertribunal in Moskau fordert, bevor es zu Gesprächen kommen kann. Russland seinerseits erklärt, es sei offen für Gespräche, beharrt aber darauf, dass ein Abkommen den Beitritt der von ihm eroberten Gebiete an die Russische Föderation beinhalten muss.

Der ehemalige US-Außenminister verärgerte die ukrainische Führung, als er im Mai 2022 das letzte Mal vor dem World Economic Forum sprach. Damals schlug Kissinger vor, die Ukraine solle die Halbinsel Krim und das von Separatisten schon vor dem Krieg kontrollierte Gebiet im Donbass an Russland abtreten.

Kissinger hat sich seit dem Ende des Kalten Krieges für eine freundlichere Haltung gegenüber Russland ausgesprochen. Im Jahr 2014, kurz nach dem von den USA unterstützten Sturz des ehemaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, warnte Kissinger, dass die Ukraine als "Brücke" zwischen Russland und dem Westen fungieren müsse, wenn sie "überleben und gedeihen" wolle.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Historische Marke: Musks Vermögen überschreitet 800 Milliarden Dollar
14.02.2026

Elon Musk überschreitet als erster Unternehmer die 800-Milliarden-Dollar-Marke und baut seinen Vorsprung an der Spitze der Forbes-Liste...

DWN
Politik
Politik Chinas Militär im Umbruch: Xi Jinpings Strategie im Taiwan-Konflikt
14.02.2026

Chinas Führung greift tief in die militärische Machtstruktur ein und ordnet die Spitzen der Streitkräfte neu. Welche Folgen hat dieser...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Was Wirtschaftsprüfer zuerst prüfen: Wie Unternehmen bei der Prüfung bestehen
14.02.2026

Unternehmen stehen bei Abschlussprüfungen unter wachsendem regulatorischem Druck und steigenden Transparenzanforderungen. Entscheidet sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mercedes-Benz S-Klasse: Software als zentraler Entwicklungsfaktor im Luxussegment
14.02.2026

Mercedes-Benz modernisiert die S-Klasse umfassend und rückt Software, Digitalisierung und Komfort stärker in den Fokus. Welche Rolle...

DWN
Technologie
Technologie KI-Wettbewerb: Experten wollen mehr Rechenzentren für Europa
14.02.2026

Die USA haben sechsmal mehr Rechenpower als China, Europa liegt weit dahinter. Experten raten zu großen Investitionen, um im KI-Rennen...

DWN
Politik
Politik Führerscheinreform: Bund legt Führerschein-Paket vor
14.02.2026

Der Führerschein soll günstiger werden, sagt die Bundesregierung. Verkehrsminister Schnieder stellt weiterentwickelte Vorschläge vor....

DWN
Politik
Politik Trumps Zollpolitik: Milliarden-Einnahmen, aber ein Desaster für Jobs und Vertrauen
14.02.2026

Trumps Zollpolitik sollte Amerika befreien, die Industrie stärken und Arbeitsplätze zurückholen. Die Realität sieht anders aus: Zwar...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: US-Börsenwoche endet rot: Angst vor KI schluckt Inflationsfreude
13.02.2026

Obwohl frische Inflationsdaten den wichtigsten Indizes am Freitagmorgen kurzzeitige Unterstützung boten, wurde der Ausgang des...