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Künstliche Intelligenz: Hurra, nie mehr Schule! Mehr Schule denn je?

Lesezeit: 6 min
11.02.2023 08:44
Der Siegeszug der Künstlichen Intelligenz setzt sich mit ChatGPT fort. Doch was uns als Befreiung der Gesellschaft von mühseligen Arbeiten verkauft wird, birgt enorme Gefahren.
Künstliche Intelligenz: Hurra, nie mehr Schule! Mehr Schule denn je?
Das Logo von OpenAI, dem Hersteller von ChatGPT, wird auf dem Bildschirm eines Smartphones angezeigt. (Foto: dpa)

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Der Siegeszug des neuesten Programms aus der Zauberkiste der Künstlichen Intelligenz eröffnet eine neue Welt. Einen Aufsatz schreiben? Wozu? Eine Anfrage bei ChatGPT und prompt wird ein perfekter Text geliefert. Das Gleiche bei der Mathe-Aufgabe. Oder der Analyse eines schwierigen Textes aus der Literatur. Doch nicht nur den Schülern und Studenten winkt das Paradies. Mühsam eine Studie auf die Beine stellen? ChatGPT macht die Arbeit. Als Rechtsanwalt einen Schriftsatz aus vielen Gesetzesstellen bauen? Geschichte. Die Klage formuliert KI.

Microsoft und Google sehen ihre Machtpositionen gefährdet

Sorgen müssen sich die Wundertäter von gestern machen. Eine Google-Suche wird zu einer faden Aktion, die nur einzelne Informationen liefert. Angesagt sind komplette Ausarbeitungen. Die weltweit mit Abstand führende Suchmaschine hat auch schon reagiert und bietet bereits ein Konkurrenzprodukt zu ChatGPT an, das unter dem Namen Bard zu haben ist. Dabei herrscht bei Google noch relativ Ruhe. Aufregung hat den Giganten Microsoft erfasst, der in allen Bereichen die Nummer eins sein will und schon Milliarden in ChatGPT investiert. Microsoft hofft, mit ChatGPT seine marode Suchmaschine Bing, die bislang im Kampf gegen Google kläglich versagt, aufzurüsten.

Und noch etwas löst bei Microsoft Optimismus aus. Die Korrekturhilfe des Textprogramms „word“, einst eine Sensation, fällt schon länger hinter modernen Entwicklungen zurück. So werden bestenfalls Orthographie-Fehler angezeigt und mühsame Grammatik-Belehrungen erteilt, aber keine alternativen Wörter oder Satzteile angeboten, wie dies heute üblich ist. Mit ChatGPT soll „word“ wieder zum unverzichtbaren Begleiter durch die Schlingen aller Sprachen werden.

Selbstverständlich ist diese Darstellung übertrieben. Allerdings nur für den Moment. Alle hier gezeichneten Perspektiven sind realistisch und werden nach dem Durchbruch von ChatGPT und seinen Mitbewerbern rasch in vollem Umfang verwirklicht.

KI präsentiert derzeit altes Wissen im modernen Gewand

Künstliche Intelligenz gilt als Wunderwelt des modernen Geistes. Dies trifft allerdings nur für die Gestalter der Programme und der Maschinen zu, die überragende Fähigkeiten zeigen. Für die Anwender gilt das genaue Gegenteil. Vorhandene Kenntnisse werden in großen Computeranlagen gespeichert und durch Algorithmen miteinander verbunden. Folglich wird grundsätzlich also mit altem Wissen gearbeitet, das im modernen Gewand der KI präsentiert wird. Weiter entwickelte Versionen greifen über den eigenen Bestand an Daten hinaus auch auf verschiedenste im Internet verfügbare Informationen zu. Sicher darf nicht übersehen werden, dass die Kombination von Daten zu neuen Erkenntnissen führt, doch ist KI, wie sie von ChatGPT betrieben wird, kein Aufbruch zu ungeahnten Welten.

Dies wäre der Fall, wenn die Computer tatsächlich aus sich heraus kreativ werden und eigenständige Programme entwickeln, die zudem mit anderen Computern kommunizieren. Diese Vision, von der verschiedentlich behauptet wird, sie wäre schon Realität, zeichnet ein Bild, in dem der Mensch keine Rolle mehr spielt und auch keine Funktion mehr hat. Diese eigenständigen Computer werden unweigerlich als Konkurrenz erlebt, die der Mensch bekämpfen, neutralisieren oder unterwerfen muss. Klammert man diese Variante vorerst als utopisch aus, so rückt die Frage in den Vordergrund, wie denn mit den heutigen KI-Produkten umzugehen ist.

Jede industrielle Revolution endete mit mehr und nicht mit weniger Arbeitsplätzen

Ein Blick auf die Auswirkungen aller technischen Errungenschaften der vergangenen hundertfünfzig Jahre ist hilfreich. Es ging stets darum, dass menschliche Tätigkeiten zur Gänze oder teilweise von Maschinen übernommen wurden. Das galt für die Landwirtschaft, die den Großteil der Bevölkerung beschäftigte und heute nur Wenigen Arbeitsplätze bietet. Im Medienwesen wurden die Setzer und die meisten Drucker arbeitslos. In den Buchhaltungen übernahm die EDV den Großteil der Arbeiten. Jetzt trifft es die Berufe, die in den verschiedensten Bereichen Texte erstellen, die künftig schneller und besser von KI-Programmen geliefert werden.

Wie immer wird nun ein schmerzhafter Anpassungsprozess viele Arbeitsplätze kosten. Doch sehr bald wird sich wieder zeigen, dass die frei werdenden Kapazitäten anderswo genützt werden und im Endeffekt mehr Beschäftigte eine höhere Wertschöpfung generieren. Wenn Advokaten Standard-Arbeiten der KI überlassen können, werden sie mehr und bessere Schriftsätze verfassen, wenn Journalisten die Auswertung von Statistiken nicht selbst besorgen müssen, gewinnen sie Zeit für mehr und bessere Artikel. Nach jeder technischen Revolution gab es nach kurzer Zeit mehr Arbeitsplätze als vorher.

Allerdings bedeutete die Abgabe von Arbeiten an Maschinen nur bedingt eine Erleichterung für die betroffenen Menschen. Sie mussten stets nachher mehr können als vorher. Die Bedienung eines modernen Mähdreschers ist schwieriger als das Schwingen eines alten Dreschflegels, ein Desktop-Programm erfordert eine weit höhere Fertigkeit als das Tippen in eine alte Setzmaschine und die Reparatur eines modernen Autos hat wenig mit dem Ersetzen eines Kutschenrads zu Kaisers Zeiten gemein. Nichts Anderes droht den nun vom Siegeszug der KI erfassten Berufen. Man wird besser, kreativer, tüchtiger sein müssen und mit neuen Fähigkeiten zu neuen Dimensionen aufbrechen, um letztlich eine höhere Wertschöpfung zu erzielen.

Somit gilt einer der beiden naheliegenden Wahlsprüche nicht: „Nie mehr Schule durch KI!“. Vielmehr wird es wohl heißen „Mehr Schule denn je!“

Die Gefahren, die von perfekten Texten ausgehen, sind enorm

Die Künstliche Intelligenz liefert vorgefertigte Informationen, die sich als Ergebnis einer umfassenden Recherche präsentieren, die aus zahllosen Quellen schöpft. Das Produkt wirkt überzeugend und lädt dazu ein, als fundiert, seriös und verlässlich angenommen zu werden. Es ist keineswegs gesagt, dass die Quellen tatsächlich über jeden Zweifel erhaben sind, es ist auch nicht sicher, dass der eingesetzte Algorithmus den Anforderungen entsprochen hat. Diese Bedenken rücken leicht in den Hintergrund, wenn die Aufmachung überzeugend ist.

Somit bedeutet KI eine Einladung zur perfekten Manipulation. Den Diktatoren eröffnen sich ungeahnte Perspektiven bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Aber auch in den Demokratien bricht eine neue Periode für Manipulanten, Agitatoren und Populisten an. Vorbei die Zeit, da nur hoch qualifizierte Schreiber im Hintergrund Texte liefern konnten, die nicht sofort von jedem Leser als dilettantisches Machwerk enttarnt wurden. Jetzt wird der Zugang zu einem brauchbaren, glaubwürdigen Text leicht, wodurch jede Agitation größere Erfolgschancen hat.

Mehr denn je ist die Öffentlichkeit gefordert, den angebotenen Informationen mit Kritik und Skepsis zu begegnen. Und bei guten Formulierungen wird es mehr denn je schwieriger zwischen Dichtung und Wahrheit oder, um den modernen Jargon zu strapazieren, zwischen Fake und Truth zu unterscheiden. Es wäre das Gebot der Stunde, den kritischen Geist in der Bevölkerung zu schärfen. Dafür wären Initiativen erforderlich, die von Diktatoren nie ergriffen werden. Aber auch in den Demokratien ist der Eifer der Politiker enden wollend, wenn es etwa darum geht, in den Bürgern das Bewusstsein zu stärken, dass das Volk reagieren müsste.

Die dringende Notwendigkeit eines kritischen Geists in der Bevölkerung

Diese Voraussetzung wäre nur gegeben, wenn in der Bevölkerung allgemein ein kritisches Bewusstsein verankert und die erforderliche Bildung vorhanden wären. Mehr denn sind also die traditionellen Prinzipien philosophischen Denkens gefragt, allen voran die Dialektik. Die Dialektik ist als Technik des Denkens zu verstehen, die dazu anhält, bei jeder Aussage auch die Möglichkeit des Gegenteils oder einer Alternative mitzudenken. Nicht mehr und nicht weniger. Mit dieser Grundeinstellung kann die Gefahr verringert werden, dass jede beliebige Behauptung - sei sie aus einer Künstlichen oder aus einer Natürlichen Intelligenz geboren – massenweise Zustimmung findet. Leider wurde der Begriff als „dialektischer Materialismus“ durch die kommunistische Sowjetpropaganda missbraucht, um jede Lüge und jeden Gräuel zu beschönigen, der Begriff für sich ist aber zu kostbar, um ihn untergehen zu lassen.

Eines der wenigen Mittel, einen kritischen Geist in der Bevölkerung zu entwickeln, ist in der Schule gegeben. Wenn in kurzen Abständen zu verschiedensten Themen Aufsätze verfasst werden, die eine Behauptung, eine Annahme, eine Feststellung erläutern und im selben Text das genaue Gegenteil argumentieren, dann wird diese Praxis zur Selbstverständlichkeit, die auch im künftigen Leben beibehalten wird. Die Dialektik ist dann nicht, wie vielfach in der Geistesgeschichte geschehen, mit Ideologie befrachtet, sondern nur ein Instrument um schärfer zu denken. Derartige Aufsätze sollten schon früh auf der Tagesordnung stehen und dem Alter entsprechend auf immer höherem Niveau eingefordert werden.

Erfolgreich ist die hier angesprochene Pädagogik; wenn die Arbeiten in der Schule mit der Hand geschrieben werden. Diese Vorgabe ist nicht nur hilfreich, um die Verwendung externer, elektronischer Hilfsmittel zu verhindern, sondern um die Konzentration der Schüler zu schärfen. Es kann nicht sinnvoll sein, wenn bei diesen Gelegenheiten Korrekturprogramme Orthographie- und Grammatikfehler verhindern und reich ausgestattete Kleincomputer durch jede Formel leiten. All diese Hilfsmittel sind in der Gegenwart aus dem Schulalltag nicht mehr wegzudenken. Aber während der geschätzt vier Stunden der Verfassung eines kritischen Aufsatzes haben sie nichts verloren, da müssen die Schülerinnen und Schülern den Härtetest bestehen, der sie auch trainiert, perfekt formulierten KI-Texten mit Skepsis zu begegnen.

Die Voraussetzung für einen erfolgreichen Umfang mit dem Internet sind die eigenen Kenntnisse

Der Umgang mit der KI rückt auch die Bedeutung der Frage in den Mittelpunkt. Ohne Frage gibt es keine Antwort. Wenn man nicht in der Lage ist, eine Frage zu stellen, bleibt man ausgeschlossen. Und um eine Frage stellen zu können, muss man ein Thema, eine Problemstellung, ein Ereignis oder eine Person, ein Tier, eine Sache kennen. Die Voraussetzung für den Umgang generell mit dem Internet besteht in den eigenen Kenntnissen, das ist schon jetzt das Problem bei einer Google-Suche, die auch nur ergiebig ist, wenn man zumindest in etwa weiß, was man sucht.

Bei ChatGPT wird beispielsweise eine Zusammenfassung von Schillers Don Karlos angefordert. Es ist irrelevant, ob der Schüler, die Schülerin weiß, wer Schiller war, oder dass Don Karlos ein Theaterstück ist, oder ob die Schüler in der Lage sind, die entsprechenden Fragen zu stellen. Für ChatGPT genügt die Aufforderung „Liefere eine Zusammenfassung von Don Karlos“ und die Maschine holt die Antwort aus ihrem reichen Fundus an Daten. Die Schule ist zufrieden gestellt und die Aktion bleibt sinn- und wertlos.

In der aktuell weit verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber klassischer Literatur wird das Don-Carlos-Beispiel wenige aufregen. Das Gleiche gilt jedoch für alle Wissensgebiete und auch für jene, von denen die Mehrheit sogar überzeugt ist, dass man diese „fürs Leben“ brauche. Schon bisher wurden vielfach alle hilfreichen Kenntnisse sabotiert und durch so genannte „Benutzer-freundliche“ Handhabungen ersetzt. Sodass das Versagen eines Autos den durchschnittlichen Fahrer zur völligen Hilflosigkeit verurteilt, bis hin zur Unfähigkeit, einen leeren Tank zu erkennen. Mit KI droht die totale Inkompetenz. Nur: Es wäre schon hilfreich, wüssten die Pennäler, wer Schiller war und warum man Diesel nicht in einen Benziner schütten sollte.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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