Politik

Umgehung der Russland-Sanktionen: Griechische Tanker für russisches Öl

Während deutsche Bürger und Firmen unter den Sanktionen ächzen, schlagen Unternehmen aus dem zweitgrößten EU-Empfängerland Profit aus der Situation.
30.04.2023 10:00
Lesezeit: 3 min
Umgehung der Russland-Sanktionen: Griechische Tanker für russisches Öl
Bundesaußenministerin Annalena Baerbock und Kyriakos Mitsotakis, Ministerpräsident von Griechenland. (Foto: dpa) Foto: Annette Riedl

Bekanntermaßen beteiligt sich der Großteil der Weltbevölkerung nicht an den Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Gegenwärtig leben 80 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, die sich nicht an den westlichen Sanktionen beteiligen. Weder China, Indien, Brasilien, Südafrika, Indonesien, Mexiko oder Pakistan noch das NATO -Land Türkei beteiligen sich.

Diese Länder verzichten im Gegensatz zum Westen nicht auf die billige russische Energie in Form von Gas und Öl und haben folgendermaßen einen Wettbewerbsvorteil beispielsweise gegenüber dem Wirtschaftsstandort Deutschland.

Bereits am 9. Juni 2022 schrieb die Tagesschau in ihrer Website unter der Überschrift »Griechische Tanker für Putins Öl« Erstaunliches. Aus einem Ölembargo, das die EU -Kommission angekündigt hatte mit dem Ziel, Geschäften mit russischem Öl auf dem Seeweg die Grundlage zu entziehen, wurde nichts. In dieser Causa machte offenbar die griechische Seite der EU-Kommission einen nicht zu übersehenden Strich durch die Rechnung.

Griechische Reeder mit ihren beträchtlichen Öltankerflotten dominieren das Geschäft. Ohne sie geht auf hoher See wenig im globalen Ölgeschäft. Ungefähr 27 Prozent der Tanker weltweit gehören griechischen Reedereien. Ohne griechische Tanker hätte Russland wesentlich weniger Möglichkeiten, seine globalen Ölexporte von Europa in andere Staaten zu verlagern, wie Simon Johnson, Professor am Massachusetts Institute of Technology in der ARD-Sendung Monitor am 9. Juni 2022 sagte. Genau hier plante die EU bei ihrem Ölembargo anzusetzen.

Monitor lag nach eigenen Angaben ein unveröffentlichter erster Vorschlagsentwurf der EU -Kommission von Mai 2022 vor. In diesem war das Verbot für Tankschiffe aus EU -Ländern vorgesehen, russisches Öl »mit Schiffen, die unter der Flagge eines Mitgliedstaats registriert sind oder sich im Eigentum eines Staatsangehörigen eines Mitgliedstaats befinden, in Drittländer zu befördern«. Jedoch wurde im finalen Text zum beschlossenen Embargo genau dieser Absatz in Gänze gestrichen.

Michelle Wiese-Bockmann, Analystin des Londoner Schifffahrt-Registers Lloyd’s List, findet deutliche Worte: »Die griechischen Reedereien sind – aufgrund ihrer großen Flotte und weil sie schon lange im Geschäft sind – sehr mächtig und haben eine sehr starke Stimme in der internationalen Schiffsindustrie. Das ermöglicht ihnen, ihre Interessen auf EU -Ebene durchzusetzen.«

Laut Angaben des Griechischen Reederverbands EEE kontrollieren griechische Schiffseigner knapp 16 Prozent der globalen Gastankerflotte. Von den 667 LNG -Tankern, die Ende 2021 weltweit unterwegs waren, waren 105 im Besitz griechischer Eigner. Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis verkündete auf einer Pressekonferenz bezüglich der Verschonung griechischer Tanker von den Sanktionen: »Es gibt keine – und das möchte ich betonen – Sanktionen gegen die griechische Schifffahrt, was den Transfer von Öl aus Russland in Drittländer betrifft.«

Erdal Yalcin, Professor für internationalen Handel an der Hochschule für Wirtschaft in Konstanz, stellte fest, dass damit die Sanktionen gegen Russland weitgehend ins Leere laufen würden: »Die Möglichkeit, dass griechische Reedereien weiterhin russisches Öl befördern, bedeutet schlichtweg, dass man die Sanktionen butterweich macht.« Der EU -Abgeordnete Michael Bloss (Bündnis 90/Die Grünen) gab zu: »In dem Moment, in dem griechische Reeder in ihren Profiten eingeschränkt werden, dann ist es vorbei mit dem Starksein gegen Putin.«

Quelle: Robin Brooks¸ leitender Wirtschaftswissenschaftler beim Institute of International Finance, Inc.; 20.04.2022

Festzuhalten ist, dass griechische Öltanker nach wie vor in einem großen Ausmaß Rohöl aus Russland transportieren und somit Russland helfen, seine Kassen zu füllen und eine tiefe Rezession im Land zu vermeiden.

Vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine machten griechische Öltanker (blau) 34 Prozent der Gesamtkapazität aus russischen Häfen aus. Seitdem ist diese Zahl auf knapp 50 Prozent gestiegen. Während sich ein Großteil des Westens aus Russland zurückzog, ist dies bei griechischen Schifffahrtsoligarchen nicht der Fall. Bis heute ist nichts von Sanktionen gegen griechische Reeder oder das Land Griechenland bekannt.

*****

Bei dem Text handelt es sich um einen aktualisierten Auszug aus dem Bestseller „DIE ABRECHNUNG“ von Matthias Weik

Matthias Weik befasst sich seit über zwei Jahrzehnten mit dem Thema Finanzen und ist Experte für Exitstrategien. Er zählt seit Jahren, mit sechs Bestsellern in Folge zu den verlässlichsten Bestseller-Autoren im Bereich Wirtschaft und Finanzen. Im März ist sein sechster Bestseller „Die Abrechnung“ erschienen. Matthias Weik bezeichnet sich selbst nicht als Pessimist, Optimist sondern als Realist.

Web: www.matthias-weik.com

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

Matthias Weik
Matthias Weik befasst sich seit über zwei Jahrzehnten mit dem Thema Finanzen und ist Experte für Exitstrategien. Er zählt seit Jahren, mit sechs Bestsellern in Folge zu den verlässlichsten Bestseller-Autoren im Bereich Wirtschaft und Finanzen. Im März 2023 ist sein sechster Bestseller „Die Abrechnung“ erschienen. Matthias Weik bezeichnet sich selbst nicht als Pessimist, Optimist sondern als Realist.
DWN
Unternehmen
Unternehmen Förderprogramm für Azubi-Vermittlung vor dem Aus – trotz offener Ausbildungsplätze
29.09.2026

Viele offene Lehrstellen, viele Jugendliche ohne Perspektive – und trotzdem soll ein bewährtes Förderprogramm für die Azubivermittlung...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldvermögen: Haushalte so reich wie nie - Rekordsumme ungleich verteilt
29.09.2026

Das weltweite Geldvermögen erreicht laut Allianz ein Rekordhoch. Doch der Zuwachs kommt bei Milliarden Menschen nicht an. Die Unterschiede...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Funflation: Warum selbst der Spaß immer teurer wird
29.09.2026

Urlaub, Restaurant oder Hobby: Wer seine Freizeit genießen will, muss immer tiefer in die Tasche greifen. Eine Analyse der Bank of America...

DWN
Politik
Politik Kippt der Länderfinanzausgleich? Union droht bei Linksregierung mit Geldentzug
29.09.2026

Nach dem Wahlsieg der Linkspartei in Berlin könnte diese bald die Regierung anführen. Die CDU- und CSU-geführten Bundesländer drohen...

DWN
Finanzen
Finanzen Reicher Westen, armer Osten: Enorme Vermögensungleichheit verschärft sich 2025
29.09.2026

Am 36. Jahrestag der Wiedervereinigung herrschen enorme Unterschiede bei der Vermögensverteilung: Alleine im Jahr 2025 entfielen 95...

DWN
Politik
Politik Deutschland vergreist: Kinderwunsch sinkt – das sind die Folgen
29.09.2026

In Deutschland sinkt nicht nur kontinuierlich die Geburtenrate, sondern erstmals seit vielen Jahren sogar auch der Wunsch nach eigenen...

DWN
Finanzen
Finanzen Lateinamerika-Aktien: Das Comeback, das kaum jemand auf dem Radar hat
29.09.2026

Jahrelang mieden Anleger Lateinamerika, nun schlägt die Region sogar den S&P 500. Rohstoffe, Banken und überraschend niedrige Bewertungen...

DWN
Politik
Politik Personalie Jens Spahn: Doch kein Comeback im Haushaltausschuss
29.09.2026

Der Skandal um die Leihmutterschaft kostete Jens Spahn seinen Posten an der Spitze der CDU‑Fraktion. Im Haushaltsausschuss wollte er...