Politik

Habeck entlässt Energie-Staatssekretär Graichen

Die unter Minister Habeck gedeihende Vetternwirtschaft im Wirtschaftsministerium fordert ihr erstes Opfer.
17.05.2023 10:00
Aktualisiert: 17.05.2023 10:05
Lesezeit: 3 min
Habeck entlässt Energie-Staatssekretär Graichen
Wirtschaftsminister Habeck feuert den Energie-Staatssekretär Graichen. (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zieht in der Filz-Affäre um seinen Energie-Staatssekretärs Konsequenzen und trennt sich von Patrick Graichen. Es habe zwei weitere zweifelhafte Vorgänge bei der Vergabe von Aufträgen mit Beteiligung Graichens gegeben, sagte Habeck am Mittwoch in Berlin. "Es ist der eine Fehler zuviel." Graichen werde in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Damit scheidet der zentrale Architekt der Klima- und Energiepolitik der Ampel-Koalition aus. Graichen selbst twitterte, die Herausforderungen seien zu groß, um von Debatten über ihn überschattet zu werden: "Es muss darum gehen, die politische Handlungsfähigkeit für Energiewende und Klimaschutz zu wahren." Habeck sagte, ein Nachfolger werde zügig benannt. Die Opposition kündigte an, die Aufklärung der personellen Verflechtungen rund um das Ministerium weiter voranzutreiben.

Trotz Vorwürfen der Vetternwirtschaft hatte sich Habeck noch vergangene Woche nach einer Anhörung im Bundestag hinter Graichen gestellt. Dieser war am Bewerbungsverfahren für den Chefposten der Deutschen Energieagentur beteiligt und hatte sich dabei für seinen Trauzeugen stark gemacht. Die Verbindung war zunächst nicht öffentlich bekannt, der Trauzeuge erhielt zunächst den Posten. Graichen entschuldigte sich später, Habeck sprach von einem Fehler, das Bewerbungsverfahren wird nun neu aufgerollt.

Kritisiert wurden auch Graichens familiäre Verbindungen zum Öko-Institut, das immer wieder Aufträge des Ministeriums für Gutachten und Studien bekommen hat. Seine Schwester Verena arbeitet dort und ist zudem mit Wirtschafts-Staatssekretär Michael Kellner verheiratet, ein Bruder von Graichen ist ebenfalls beim Öko-Institut tätig. Im Ministerium war in den vergangenen Wochen fieberhaft nach möglichen weiteren Verflechtungen und Verstößen gegen Compliance-Regeln gesucht worden.

Fündig wurde das Ministerium nun im Zusammenhang mit der Vergabe von drei Projekten im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative. Graichen sei an der Vorauswahl beteiligt gewesen und habe im November 2022 ein Projekt des Umweltverbandes BUND-Berlin gebilligt. Dort war zu dem Zeitpunkt aber seine Schwester im Vorstand. Dies sei ein Verstoß gegen Compliance-Regeln, sagte Habeck. Jeder Fehler für sich allein, sei vielleicht entschuldbar gewesen. "Die Fehler stehen aber eben nicht für sich allein, sondern sind in der Gesamtschau zu sehen." Eine Compliance-Brandmauer dürfe keine Risse haben. "Diese Risse hat sie nun", räumte der Minister ein. "In der Gesamtschau hat sich Patrick Graichen damit zu angreifbar gemacht, um sein Amt noch wirkungsvoll ausüben zu können."

Zudem gebe es einen zweiten, älteren Vorgang im Grau-Bereich bei der Besetzung einer Expertenkommission zur Überwachung der Fortschritte der Energiewende.

Habeck will vor der parlamentarischen Sommerpause einen Nachfolger im Amt haben. Laut "Bild" soll der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, neuer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium werden. Insider sagten der Nachrichtenagentur Reuters hingegen, dies sei sehr unwahrscheinlich. Das Bundeswirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur lehnten eine Stellungnahme ab.

UNION: RÜCKTRITT ÜBERFÄLLIG

Bundeskanzler Olaf Scholz sagte, er habe den Abgang von Graichen "zur Kenntnis genommen". "Ich bin informiert worden", sagte Scholz am Rande des Europarats in Reykjavik. Er gehe davon aus, dass Wirtschaftsminister Habeck jetzt "mit voller Kraft" weiterarbeite. Er habe mit Graichen gut zusammengearbeitet.

Selbst bei den Grünen wurde das Aus für Graichen gelobt. Die politische Geschäftsführerin der Grünen, Emily Büning, sagte: "Die Entscheidung ist konsequent und richtig."

Die Union forderte aber weitere Aufklärung. "Der Rücktritt von Staatssekretär Graichen war überfällig!", sagte Unions-Parlamentsgeschäftsführer Thorsten Frei der "Rheinischen Post". "Minister Habeck ist durch sein Klammern an die Person Graichen schwer beschädigt", sagte der CDU-Politiker. Die CSU-Mittelstandsunion verlangte zudem Habecks Rücktritt. "Auch Bundeswirtschaftsminister Habeck ist nicht mehr tragbar – und das nicht nur wegen der Graichen-Affäre. Wir brauchen dringend einen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik von Habecks Staatsdirigismus und Bürokratieaufblähung hin zurück zur sozialen Marktwirtschaft."

Graichen ist auch Architekt des umstrittenen Heizungsgesetzes (Gebäude-Energiegesetz). Dieses steht nicht nur bei der Opposition in der Kritik, sondern auch in Teilen der Ampel. FDP-Energieexperte Michael Kruse forderte, die angestoßenen Gesetzesvorhaben sollten vom Wirtschaftsminister nun auf ihre Praxistauglichkeit überprüft werden, allen voran das Gebäudeenergiegesetz. "Angesichts des Machtvakuums in der Führungsspitze des Ministeriums sollte Minister Habeck einen neuen, realistischen Zeitplan für eine auf der Basis des Koalitionsvertrags ausgearbeitete Version des Heizungsgesetzes vorschlagen." Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft, warnte: "Die zahlreichen großen Aufgaben und Themen der Energiewende dürfen jetzt trotz alledem nicht liegen bleiben." (Reuters)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen So bleiben deine Online-Finanzdaten geschützt

Heutzutage wird jede deiner Aktivitäten online nachverfolgt. Es fühlt sich an, als würde immer jemand deine Einkäufe im Internet...

DWN
Panorama
Panorama A leader is a dealer in hope: Warum wir Führung heute neu denken müssen
12.04.2026

Leadership gilt als moralischer Kompass unserer Zeit: empathisch, inklusiv, kontrolliert. Doch passt dieses Ideal zur Realität...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Arbeitsverträge als Risiko: So vermeiden Unternehmen teure Fehler
12.04.2026

Arbeitsverträge gelten in vielen Unternehmen als Formalität, doch fehlerhafte oder veraltete Vereinbarungen können schnell rechtliche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Geely Cityray im Test: Was stimmt eigentlich nicht mit dem günstigen Chinesen?
12.04.2026

Der Geely Cityray gehört zu den vernünftigsten Familien-SUV auf dem Markt. Für einen Preis von 27.000 Euro, der eher dem Segment...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Rüstungsprojekte unter Druck: Milliardeninvestitionen geraten ins Stocken
12.04.2026

Europa investiert Milliarden in neue Verteidigungssysteme, doch zentrale Projekte geraten durch Konflikte, Verzögerungen und steigende...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Richtlinien im E-Commerce: One-Click-Return setzt neue Standards
12.04.2026

Neue EU-Vorgaben setzen den Onlinehandel unter Druck, da Rückgaben künftig genauso einfach funktionieren müssen wie der Kaufprozess...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflation und Wachstum unter Druck: EZB warnt vor Risiken durch Energiepreise
12.04.2026

Die wirtschaftlichen Risiken im Euroraum nehmen durch steigende Energiepreise und geopolitische Spannungen spürbar zu, während die EZB...

DWN
Politik
Politik Waffenruhe im Iran-Krieg: Trumps riskante Atempause – Probleme im Iran-Konflikt bleiben ungelöst
11.04.2026

Donald Trump feiert die Waffenruhe als Erfolg im Iran-Krieg. Doch entscheidende Fragen bleiben offen, während geopolitische Spannungen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Porsche kämpft mit schwachen Zahlen: Wie Michael Leiters den Kurs verbessern will
11.04.2026

Porsche steht nach schwachen Geschäftszahlen und sinkenden Margen vor einer tiefgreifenden Neuausrichtung unter CEO Michael Leiters....