Marktbericht

Land – die übersehene Ressource der Energiewende

Land spielt in den Diskussionen um die vielfach zitierte Energiewende bislang kaum eine Rolle. Doch es ist dabei unverzichtbar. Reicht eigentlich der Platz für die Massen an geforderten Windrädern und Solaranlagen?
11.06.2023 08:55
Aktualisiert: 11.06.2023 08:55
Lesezeit: 6 min
Land – die übersehene Ressource der Energiewende
Auch Land sollte bei den Debatten über die Energiewende beachtet werden. (Foto: dpa)

Hinsichtlich der unter Hochdruck laufenden Transformation unserer bisherigen, von fossilen Energieträgern dominierten Energieversorgung, hin zu einer auf regenerativen Quellen beruhenden, stehen in kritischen Diskussionen dazu zumeist die dafür benötigten Rohstoffe im Mittelpunkt - neben verschiedenen, ganz grundsätzlichen Fragen, die technische Machbarkeit eines solchen Vorhabens betreffend.

Dass eine Vielzahl dieser Rohstoffe nicht nur aus Gründen ihrer bereits jetzt geringen oder zukünftig abnehmenden Verfügbarkeit ganz offiziell als „kritisch“ eingestuft werden, sondern diese auch in Bezug auf ihre Gewinnungsmethoden, der damit einhergehenden Umweltschäden und ungeklärter Entsorgungsfragen dieses Prädikat verdienen, wird schon seltener thematisiert. Beinahe gänzlich übersehen wird dabei die Bedeutung einer augenscheinlich selbstverständlich vorhandenen aber für das Gelingen der Energiewende unverzichtbaren Ressource: Land!

Beispiel Windenergie

Mitte April diesen Jahres wurden die letzten drei deutschen Atomkraftwerke Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland abgeschaltet. Diese produzierten pro Jahr rund 33,7 TWh Strom. Eine Windkraftanlage schafft durchschnittlich etwa 4,5 GWh, demnach benötigte man ca. 7.500 Windräder, um die Leistung dieser drei AKWs zu erzeugen. Allerdings weht der Wind nicht ständig, im vergangenen Jahr schwächsten Monat Juni erreichte man damit nur gut 54 Prozent der mittleren Leistung. Sicherheitshalber wären also etwa 13.900 neue Windkraftanlagen nötig. Allerdings auch nur dann, wenn der Bedarf nach „grünem Strom“ nicht stiege. Legt man die prognostizierte Steigerung um 200 TWh bis 2030 zugrunde, würde sich die benötigte Zahl an Windrädern noch einmal um weitere 44.400 Anlagen erhöhen.

Selbst wenn man großzügigerweise annähme, dass nur die Hälfte dieser Energie aus Windkraft kommen sollte – die noch unzuverlässigere Solarenergie gibt es in der Theorie ja auch noch – läge der Bedarf an neuen Anlagen in Summe bei 36.100 Stück (die, aber das sei nur am Rande erwähnt, unter Beibehaltung der durchschnittlichen jährlichen Bauleistung der vergangenen zehn Jahre nicht vor 2055 fertiggestellt wären). Wohlgemerkt, diese Zahl ersetzt lediglich die drei letzten deutschen Kernkraftwerke, Kohle und Erdgas stehen ja auch noch zur Disposition. Selbst wenn man annähme, dass uns diese Kraftwerke erhalten blieben, weil man sich doch noch dazu entschlösse, die Möglichkeit zur Erzeugung verlässlicher Grundlast zu erhalten, wird das Platzproblem offensichtlich.

So beläuft sich der Bedarf an Fläche einer einzigen Windkraftanlage auf etwa 20 Hektar. Wollte man zur Verdeutlichung den oft bemühtem Fußballplatzvergleich heranziehen, wären das gut 14 Plätze in Standardgröße. Dabei schlägt das betonierte Turmfundament mit gut 500 m² zu Buche, der Rest ergibt sich - am Boden - aus Zufahrtswegen sowie der meist zugeschotterten Kranstellfläche, die während der Lebensdauer der Anlage nicht anderweitig genutzt werden kann. Neben diesen relativ einfach zu ermittelnden Bodenflächen gehören aber auch die in luftiger Höhe arbeitenden Rotoren selbst dazu. Diese zwingen zu Abständen zwischen 360 und 750 Metern, was hauptsächlich von der jeweiligen lokalen Haupt- und Nebenwindrichtung abhängig ist. Für die oben angenommenen neu zu erbauenden Anlagen wären also rechnerisch gut 7.220 km² Fläche erforderlich. Das entspricht knapp über zwei Prozent der Landfläche Deutschlands.

Alles nicht so schlimm?

Fairerweise sei dazu gesagt, dass dies eine durchaus dramatische Rechnung ist, in der Praxis wäre der Platzbedarf geringer. Dies liegt zum einen daran, dass nicht ausschließlich die hier zu Grunde gelegten großen Vier- bis Sechs-Megawatt-Anlagen errichtet werden, sondern die hiesigen Anlagen häufig kleiner sind und damit einen entsprechend geringeren Platzbedarf erfordern. Zum anderen kann die Größe der benötigte Fläche noch durch die Zusammenfassung einzelner Anlagen in Windparks selbst optimiert werden. Auch fällt die unter den Rotorblättern befindliche Landfläche nicht nutzlos weg, sondern kann zum Beispiel oftmals für landwirtschaftliche Zwecke weitergenutzt werden.

Im Vergleich zu Solarparks, die pro erzeugtem MWh zwar etwa fünfmal weniger Fläche benötigen, diese in den meisten Fällen jedoch vollständig versiegeln, stellt dies noch die umweltverträglichere Lösung dar. Hinsichtlich Klima- und Artenschutz ergeben sich jedoch auch hier Probleme. So kühlt sich beispielswiese die Luft in Windradnähe des Nachts in Bodennähe nicht mehr ausreichend ab, da die in den Nachtstunden besonders unterschiedlich warmen Luftschichten laufend miteinander verwirbelt werden. Darüber hinaus sind Veränderungen der Fauna zu erwarten, da Windräder Kleintiere von einem nicht unerheblichen Teil ihrer natürlichen Feinde befreien.

Das kann man persönlich mögen oder nicht, objektiv betrachtet sind die Umwelteingriffe jedoch beträchtlich. Offensichtlich ist, dass der benötigte Platz für die Anlagen der alternativen Energieerzeugung oftmals erst geschaffen werden muss, wodurch zum Beispiel große Waldgebiete unwiederbringlich verloren gehen. Von den bei der Rohstoffbeschaffung zum Bau der Anlagen bereits erfolgten tiefgreifenden Umweltschäden ganz zu schweigen. Zwei Prozent des Landes sollen bis 2032 allein für Windenergie genutzt werden, das wird zwar ohne „Bauturbo“ nicht funktionieren, dürfte aber auch in anderer Hinsicht schwierig werden. Selbst überzeugte Anhänger dieser Technologie wohnen nur ungern in deren Nähe, auch Naturschützer oder Land- und Waldbesitzer haben oft zu Windparkbetreibern gegenläufige Interessen.

In „bester“ Gesellschaft

Der sich abzeichnende Platzmangel betrifft selbstverständlich nicht nur Deutschland, verfügbare Grundstücke für die Entwicklung von Projekten für erneuerbare Energien werden bereits jetzt europaweit rar. Die Sicherung von so viel verfügbarem Land für Hunderte von Gigawatt zusätzlicher Solar- und Windkraftkapazität wird eine große Herausforderung für Europa darstellen. Damit könnte sich Land zu einer immer wichtiger werdenden Ressource für die Beschleunigung des Ausbaus von Solar- und Windenergiekapazitäten entwickeln und schon bald, neben den bekannten kritischen Mineralien, in den Fokus rücken. So wichtig Lithium, Kobalt und Co. für die Energiewende auch sind, wenn ausreichend große Flächen fehlen, um die daraus hergestellten Technologien auch einzusetzen, werden die Ziele für eine schnelle Einführung erneuerbarer Energiequellen nicht erreichbar sein.

Genehmigungen, Vorschriften zum Schutz der biologischen Vielfalt und der Umwelt sowie der Umstand, das nicht wenige die Vorteile grüner Energien zwar nutzen, im eigenen Umfeld aber keine der damit verbundenen Nachteile in Kauf nehmen wollen, schränken die Landressourcen für erneuerbare Energien in Europa ein und drohen die klimapolitischen Ziele der EU zu gefährden. Dass es immer schwieriger werden wird, geeignete Flächen für die Umsetzung der ehrgeizigen Ziele zu finden, liegt auf der Hand. Dabei ist die Eignung des in Frage stehenden Bodens nur einer der limitierenden Faktoren. Darüber hinaus steht eine erhebliche Menge an Land in Europa auf Grund strenger Vorschriften gar nicht für eine derartige Nutzung zur Verfügung, wie das Beratungsunternehmen McKinsey in einer kürzlich veröffentlichten Analyse ermittelte. So konkurrieren diese Flächen nicht selten mit anderen gesellschaftlichen oder ökologischen Zielen, wie etwa der Landwirtschaft oder der Erhaltung der Artenvielfalt.

Laut McKinsey werden die drei größten EU-Volkswirtschaften - Deutschland, Frankreich und Italien - etwa die Hälfte des Kapazitätszuwachses auf sich vereinen, um die Ziele für 2040 zu erreichen. Dafür wäre jedoch eine zusätzliche Landfläche von 23.000 bis 35.000 Quadratkilometern erforderlich - das entspricht der Größe Belgiens. Diese „Landgewinnung“ wird schwer zu realisieren sein, denn laut McKinsey schränken Beschränkungen verschiedenster Art in ganz Europa die Verfügbarkeit von Land für die Entwicklung erneuerbarer Energien ein. Durch die hiesigen Abstandsregelungen zu Siedlungen und Infrastrukturen beispielsweise, stehen bei Vorschriftenweltmeister Deutschland allein 60 Prozent der theoretisch geeigneten Flächen gar nicht für die Windenergie zur Verfügung.

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Markus Grüne

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Markus Grüne (49) ist langjähriger professioneller Börsenhändler in den Bereichen Aktien, Derivate und Rohstoffe. Seit 2019 arbeitet er als freier Finanzmarkt-Journalist, wobei er unter anderem eigene Börsenbriefe und Marktanalysen mit Fokus auf Rohstoffe publiziert. 

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